Polnische Jugend: Ab 2030 übernehmen die Digital Natives das Ruder

Artikel veröffentlicht am 13. April 2012
Artikel veröffentlicht am 13. April 2012

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Wer oder was ist eigentlich die "Netzgeneration"? Edwin Bendyk aus Warschau ist Journalist beim bekannten polnischen Wochenmagazin Polityka. Als Zukunftsdenker untersucht er, wie sich die Digitalisierung auf unsere Gesellschaft auswirkt. In seinem Buch „Der Protest des Netzwerkes“ (Originaltitel: Bunt Sieci) behauptet er, dass die Digital Natives 2030 an die Macht kommen werden.

cafebabel.com: Edwin, ist „Netzgeneration“ die bessere Bezeichnung für die „Generation Y“?

Edwin Bendyk: Es ist relativ riskant, solche weitreichenden Kategorisierungen in einer Zeit der Individualisierung zu benutzen. Die Geburt einer „Generation“ kann stark von den gemeinsamen Herausforderungen beeinflusst sein, welche die Mitglieder einer bestimmten Altersgruppe bewältigen müssen – Arbeitsmarkt und Infrastruktur, das kulturelle Angebot, etc. In diesem Sinne stimmt die Netzgeneration merklich gut mit den Eigenschaften der „Generation Y“ überein: sie sind alle sehr dynamische, individuelle Konsumenten, die das Potenzial haben, sich für ein gemeinsames Projekt oder eine Sache einzusetzen. Als ACTA (das Anti-counterfeiting trade agreement) aufkam, gingen die Polen auf die Straße. Dasselbe wiederholt sich immer dann, wenn eine Bank sich in einer „uneleganten“ Weise verhält. Der Mangel an Vertrauen in die Institutionen vereint die jungen Polen. Sie verlassen sich nicht darauf, dass der Staat ihre persönlichen Probleme löst; er ist nicht gemacht, um sich darum zu kümmern.

cafebabel.com: Zeigen die Proteste, dass die 'Digital Natives' ihr revolutionäres Potenzial lange Zeit unterdrückt haben? Oder sind das gewöhnliche Demonstrationen von Jugendlichen?

Edwin Bendyk: Mein Lieblingsbeispiel ist, als U2-Sänger Bono anfing „New Year’s Day“ bei einem Konzert in Chorzów in Südpolen im Jahr 2005 zu singen. Das Publikum ahmte eine riesige rot-weiße Flagge nach. Die Leute kannten sich zwar nicht, aber trotzdem stimmten sie in diese Aktion ein, die von einem einzelnen Fan angestoßen worden war. Kann diese soziale Kompetenz jemals in einer anderen Art und Weise, einer politischeren, genutzt werden? Digital Natives haben lange schon Großveranstaltungen mit Hilfe digitaler Mittel organisiert. Weder die Flagge oder die Proteste gegen ACTA waren Beispiele typischer Jugenddemos. Sie hatten andere Ziele, aber ähnliche Formen, um etwas Wichtiges auszudrücken.

cafebabel.com: Warum waren die ACTA-Proteste in Polen am lautesten?

Edwin Bendyk: Unser Netzwerk ist eher durchschnittlich, aber die Vielzahl von Vorfällen und strukturelle Faktoren haben eine explosive Mischung herbeigeführt. Die Proteste gegen ACTA passen in die gegenwärtige Zeit. Am Tag vor den polnischen Demonstrationen hatte es in den USA große und medienpräsente Proteste gegen SOPA und PIPA gegeben. Das Internet ist in Polen ein extrem wichtiger öffentlicher Raum für die Selbstverwirklichung und für unabhängige Aktionen – besonders für die jungen Menschen, die aus dem öffentlichen Leben herausgedrängt wurden. Als sie merkten, dass ihre Rechte in Gefahr waren, mussten sie reagieren.

cafebabel.com: Sie bloggen, dass die “Proteste gegen ACTA die Rechtmäßigkeit der gegenwärtigen Entwicklung in Frage stellen und ein Licht auf die Illusionen werfen, auf denen sie fußen“. Was war die größte Ernüchterung für die Netzgeneration?

"Wir leben in einer Imitation der Moderne. Die Demonstranten stellen diese in Frage."

Edwin Bendyk: Seit 2008 beobachten wir einen Rückgang des Bildungsbestrebens der polnischen Jugend. Die Bereitschaft zu studieren ist nicht groß genug, um eine Wissensgesellschaft zu schaffen, die von einer auf Bildung basierenden Wirtschaft profitiert. Die zwei Millionen Studierenden, die wir momentan haben, sind nicht ausreichend. Die richtige Infrastruktur muss her: Bibliotheken, mehr akademisches Personal, Zugang zu einem Kultur- und Bildungssystem, dass auf qualitativ hochwertiger Lehre basiert. Es ist nicht genug, Stadien zu bauen, um damit die Städte in europäische Metropolen zu verwandeln. Wir leben in einer Imitation der Moderne. Die Demonstranten stellen diese in Frage.

cafebabel.com: Wenn die Proteste ihre Ursprünge in der Ungleichheit haben, wird das Internet dann Frieden garantieren?

Edwin Bendyk: Freies Internet ist eine Utopie. Eine kritische Analyse der neuen Medien zeigt, wie sie mit Geld und Macht verknüpft sind. Internet kann vielleicht ein „Opium der Masse“ sein, aber es kann ebenso ein Instrument sein, um unserer persönlichen Unabhängigkeit zu dienen. Allerdings eröffnet uns dies auch wieder eine Welt voll von Möglichkeiten, die Handlungen des Einzelnen zu überwachen und zu kontrollieren. Es wird kein Sprung in das Reich der Freiheit sein.

Das Buch erschien am 4. Aprilcafebabel.com: In Ihrem Buch „Der Protest des Netzwerks“ schreiben Sie: „Wenn es Wikipedia nicht gäbe, dann würden polnischen Studenten jegliche vernünftige und legale Bildungsinhalte entzogen“. Glauben Sie, dass sich Open Access-Inhalte eines Tages für das europäische Bildungsystem durchsetzen werden?

Edwin Bendyk: Offener Zugang zu Wissen ist Realität und wird kontinuierlich entwickelt. Der breite Konsens in der akademischen Welt lautet, gegen die traditionellen Bildungsmodelle zu protestieren.

cafebabel.com: Ist die derzeitige Revolution ein weiterer “Mauerfall“?

Edwin Bendyk: Wir sind Zeuge eines langlebigen Prozesses, der der Zeit nach der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg ähnelt. Dieser Prozess wird noch Jahre andauern. Wir sind davon bereits jetzt geschockt, aber wir können uns sicher sein, dass er uns in den nächsten Jahren noch mehr schocken wird.

cafebabel.com: In Ihrem Buch behaupten Sie, dass die 'Digital Natives' 2030 zu Macht kommen. Sollten wir heulen oder lachen?

Edwin Bendyk: 2030 wird ungefähr die Zeit sein, in der die Digital Natives eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen werden. Aber nicht nur das; es wird eine ganz andere Welt als heute sein. Wir können es jetzt nicht genau sagen wie und warum, aber es könnte ein bessere Zeit kommen.

Fotos: Blog von Edwina Bendyka; videos: U2-Konzert:U2TheJoshuaSite/Youtube sowie Rede von Edwin Bendyk auf TEDxTalks/Youtube