Politische Dichtung: Alles muss anders werden

Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2013
Artikel veröffentlicht am 21. Oktober 2013

In den letzten Zeilen seiner Defence of Poetry findet Percy Bysshe Shelley klare Worte: „Die Dichter sind die geheimen Gesetzgeber dieser Welt.“ In den letzten Jahren haben die Dichter aber eher als Gegner der Gesetzgeber von sich reden gemacht. Anlässlich des englischen National Poetry Day teilen wir unsere liebsten Momente des poetischen Protests mit euch.

Wär' es doch nur camelot!

Catherine Brogan, ihres Zeichens Performance-Poetin und bei Occupy London aktiv, wurde zum medialen Inbegriff des squatting, als die britische Regierung eine Gesetzesvorlage einbrachte, deren Ziel es war, Hausbesetzungen strafbar zu machen. Trotz zahlreicher Kampagnen gegen den Gesetzesentwurf wurde 2012 das Besetzen von Wohnhäusern in England und Wales gesetzlich verboten. Aber Dichter und Protestler wie Catherine hörten trotzdem nicht auf, weit verbreitete Legenden über Squatter in Frage zu stellen und den sozialen und kreativen Wert des Hausbesetzens zu unterstreichen.  

unseltsame worte sprechen

Der kürzlich verstorbene irische Dichter und Nobelpreisträger Seamus Heaney schrieb "Beacons at Bealtaine", um die irische EU-Präsidentschaft 2004 zu würdigen. In aller Munde war der Text aber erst fünf Jahre später, als die Iren ein Referendum über die Ratifikation des Vertrags von Lissabon abhielten. In "Beacons at Bealtaine" wirbt Heaney um Verständigung und Verständnis über Nationalgrenzen hinweg, aber auch für die Anerkennung des Reformbedürfnisses der EU. Sein Appell ist auch heute noch nicht verstummt.

Oh F... fuck!

Als sie zum britischen poet laureate ernannt wurde, warnte Carol Ann Duffy davor, dass sie nur dann Gedichte zu den mehr oder minder wichtigen Anlässen der königlichen Familie beisteuern werde, wenn sie sich auch entsprechend inspiriert fühle. Als sie es unterließ, zur Geburt von Prinz George ein Poem zu verfassen, machten die Boulevardzeitungen kurzen Prozess mit ihr. Aber Duffy war keineswegs untätig, sondern nutzte ihre Position dazu, die öffentliche Aufmerksamkeit auf wichtige soziale und politische Themen zu lenken. In ihren scharfzüngigen und leidenschaftlichen Gedichten, wie zum Beispiel "A Cut Back" (2011), beklagt sie die fatalen Auswirkungen von Kürzungen öffentlicher Gelder auf die schönen Künste.  

wenn worte räume schaffen

Ökopoesie bedeutet "Schaffung von Lebensräumen". Das Dark Mountain Project versucht dabei sowohl Gebäude als auch Lebensräume neu zu erfinden. Entsprungen ist das internationale Netzwerk von Schriftstellern, Künstlern und Denkern der allgemeinen Enttäuschung angesichts der haltlosen Versprechungen vieler Umweltschutzkampagnen. Die Behauptung, dass der Klimawandel gestoppt werden könne, ist nur ein Beispiel. Außerdem ärgern sich die Künstler über die allgemeine Unfähigkeit, ehrlich auf drängende ökologische, wirtschaftliche und soziale Krisen zu reagieren. In Wort und Bild versucht dieses Projekt, sich mit dieser Realität auseinander zu setzen und ihre Grundlagen in Frage zu stellen.  Der Name Dark Mountain ist dabei von einem Gedicht von Robinson Jeffers inspiriert. "Rearmament" (1935) evoziert vor allem ein allgemeines Gefühl von Unausweichlichkeit, auf das die Bewegung reagiert:

Ich verbrennte meine Rechte in langsamen Flammen,

Um die Zukunft zu ändern... Ich täte es, wie ein Narr. Die Schönheit des modernen

Menschen liegt nicht in den Personen, sondern im

Schrecklichen Rhythmus, den schweren beweglichen Massen, im Tanz der

Träumenden Massen, den schwarzen Berg hinab.

("Rearmament", Robinson Jeffers)

aufruf zum müssiggang

In den letzten Tagen haben sich auch Schriftsteller den vielen Lehrern angeschlossen, die die Bildungsreformen der britischen Regierung lautstark kritisieren. Die angedachten Änderung könnten im schlimmsten Fall Klassenunterschiede zementieren und die Kreativität von Kindern und Lehrern im Keim ersticken. Bislang gibt es noch keine Gedichte zum Thema. Fortsetzung folgt.