Political Correctness: Wenn Worte zu Fettnäpfchen werden

Artikel veröffentlicht am 26. November 2015
Artikel veröffentlicht am 26. November 2015

Politisch sein ist nicht schwer, politisch korrekt dagegen sehr: An dem Gebrauch von Wörtern wie Lawinen und Invasionen kann man sich die Zähne ausbeißen. Der Ausdruck verwertbar kann einem zum Verhängnis werden. Politische Korrektheit (PC) ist gefragter denn je, doch die PC-Kultur ist schon lange in die Kritik geraten. Sprachgebrauch zwischen Meinungsunterschieden und Rücksichtnahme.

Als englischsprachiger Befürworter eines politisch korrekten Gebrauchs der Sprache hat man es ziemlich leicht, herauszufinden, was man sagen darf und welche Wortwahl dagegen verpönt ist. Politically correct terms heißt die App, die den Benutzern aus der Patsche helfen kann, wenn man auf der Suche nach einem neutralen Ausdruck ist. Man erfährt, zum Beispiel, dass housewife (dt. Hausfrau) mit domestic eingineer und lazy (dt. faul) mit motivationally dispossessed übersetzt werden soll. Und wenn man an der politischen Korrektheit der eigenen Weltsicht zweifelt, kann man sich auf der Internetseite HelloQuizzy einen Test unterziehen und überprüfen, ob man sich gesellschaftsfähig ausdrücken kann oder ob man lieber ein Upgrade machen sollte.

Ein PC-App für Deutschsprachige ist zwar noch nicht entwickelt worden, aber eine Bestandaufnahme der negativ konnotierten Benennungen in der deutschen Sprache, die man bei Bedarf abrufen kann, könnte ein Knüller werden. Den verschiedenen gewollten und ungewollten politisch unkorrekten Ausrutschern in den öffentlichen Debatten nach würde man dies zumindest behaupten.

Lawinen, Invasionen und andere Katastrophen   

Die Flüchtlingsdebatte bietet der PC-Kultur die beste Voraussetzung, um den korrekten Gebrauch der Sprache zu testen. In der Tat, ins Fettnäpfchen getreten sind bereits so einige quer durch die politischen Lager.

Eine besonders unglückliche Wortwahl hat sich Claudia Roth von den Grünen Anfang September bei "Menschen bei Maischberger" geleistet. Sie redete von "nicht unmittelbar verwertbaren Menschen"... Autsch! Und schon wurde sie prompt an den Pranger gestellt.

Eine Welle der Empörung haben der Lawinen-Vergleich von Minister Schäuble und der Verweis auf eine Flüchtlingsinvasion von bayerischen CSU-Kommunalpolitikern in Bezug auf die hohe Zahl von Menschen auf der Flucht ausgelöst, die die Grenzen überschreiten. Der erstere hat Schlagzeilen gemacht, die letzteren mussten zurücktreten.

Deutschland drohe eine Flüchtlingslawine, sagte der Finanzminister bei einer Veranstaltung in Berlin. „Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt“, so Schäuble. Die deutsche überregionale Presse ist sich sofort einig gewesen: Der Minister hat sich eine Entgleisung erlaubt, denn Menschen in Not darf man nicht mit Naturkatastrophen vergleichen.  

Sollte man eine Bestandaufnahme des verpönten Wortschatzes machen, so würden Invasion, Lawine und verwertbar zur politisch unkorrekten Wortwahl des Jahres 2015 gehören. 

Eine sprachliche Säuberungsaktion (!) scheint die direkte Konsequenz der Suche nach Rücksicht nehmenden Ersatzausdrücken zu sein. Dies würden zumindest die Gegner der PC-Kultur meinen.

Beinamen gefällig?

"Political correctness ist nichts weiter als ein riesengroßer Placebo, weil er diskutiert Probleme weg, und zwar durch neue Scheinbegriffe" meinte SPD-Politiker Heinz Buschkowsky 2014 im Dialog mit Alfred Schier (Video unten ab Min. 28.17). Der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin Neukölln listet im Interview eine ganze Reihe von politisch korrekten neutralen Bennungen auf, die "eine problemlose Welt schaffen". So werde aus Schwänzern "schuldistanzierte Jugendliche", aus Schülern, die andere Schüler verprügeln, "verhaltensoriginelle Schüler", aus jemandem, der schwerste soziale Verwerfung aufweise, jemand, der im Job-Center "ein sehr individuelles Profil" habe, meint Buschkowsky. 

Bestimmt ist das PC-Lager zur ständigen Neuschöpfung verurteilt, denn sobald negative Konnotationen sich auf ein Wort übertragen, braucht man neue "politisch korrekte" Ausdrücke. Allerdings, während die PC-Kultur sich einerseits zum Ziel setzt, Menschen durch Sprache nicht zu verletzen, wird sie andererseits einer gewissen Misstrauenkultur beschuldigt. Meinungsunterschiede und Rücksichtnahme miteinander in Einklang zu bringen will gelernt und geübt sein.

PC-Kultur als Wächter von was genau? 

Tugendwächter werden abwärtend von den Kritikern der politischen Korrektheit um jeden Preis die Befürworter der PC-Kultur genannt. So hat sich 2013 Matthias Heitmann in seinem Beitrag "Politisch korrekt oder die Kultivierung des Misstrauens" (erschienen in Cicero, Magazin für politische Kultur) über den autoritären Kern der politischen Korrektheit ausgelassen. Die Geringschätzung des Menschen stelle den Kern der PC-Kultur dar, so die These Heitmanns. 

Er formuliert seinen Standpunkt noch zugespitzter und behauptet, dass die PC-Kultur danach trachte, den Menschen möglichst umfassend vor eigenem oder fremdem Fehlverhalten zu schützen auf Kosten seiner Freiheit. Heitmann gibt sich kämpferisch und fordert dazu auf, eigene Standpunkte zu entwickeln, diese offensiv zu vertreten und sich nicht den Mund oder das Denken verbieten zu lassen.

Unter einen Hut gebracht

Aber geht es auch anders, weniger offensiv und mehr effektiv? Kann man den eigenen Standpunkt vertreten, sich den Mund nicht verbieten lassen, geschickt jegliche Wortwahl - sei es politisch korrekt oder unkorrekt - umgehen und trotzdem politisch korrekt rüberkommen?

Oft wird im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung und deren Gegner ein Satz zitiert, mit dem einer der europäischen Partner keine Begeisterung für den Mauerfall zum Ausdruck brachte.

Der Satz geht wie folgt: "Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich am liebsten zwei davon hätte." (Absichtlich lasse ich hier den Namen des Autors dieser Formulierung unbenannt)

Nach diesem Satzmuster werden zumindest Probleme erwähnt, ohne genannt zu werden. Und jedem gescheiten Redner wird die Tür zu einem fairen Einspruch mit Biss aufgehalten. Nach dem Motto: "unter einen Hut gebracht".