Polen: 'Nie wieder' Rechts

Artikel veröffentlicht am 14. November 2007
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 14. November 2007

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Die Mitglieder des Vereins 'Nigdy Wicej' (Nie wieder) kämpfen seit der Wende unermüdlich gegen Rechtsextremismus und Faschismus in Polen.

"Sehen Sie! Jemand hat den Anker, Symbol des polnischen Patriotismus, neben das Hakenkreuz gemalt. Das Erschreckende daran ist, dass es für manche Polen gar keinen Widerspruch bedeutet", sagt Jacek Purski und zeigt auf eine mit faschistischen Symbolen bedeckte Hauswand. Er ist in der Warschauer Altstadt unterwegs, um nachzusehen, wo neue Schmierereien entstanden sind. Purski arbeitet für den Verein 'Nie wieder'. Sein Chef Marcin Kornak steuert die Initiative von Bydgoszcz aus, einer Stadt im Süden von Danzig. Er ist Texter vieler prominenter Rockgruppen in Polen. Aus Angst vor rechtsradikalen Angriffen gibt er keine Termine. Interviews mit ihm sind nur telefonisch möglich.

Jacek Purski (Foto: ©Jakob Weiß)

'Nie wieder' hat Stützpunkte in vielen polnischen Städten, 100 ehrenamtliche Mitarbeiter sind für den Verein tätig. Sie treffen sich mit Journalisten nur an öffentlichen Plätzen. Jacek Purski hat in Warschau sein Stammcafé am 'Buffo-Theater'. Hier fühlt er sich sicher. Seit seiner Gründung besitzt 'Nie wieder' kein offizielles Büro.

"Endlösung ist nah"

Auf Schreiben, die Parolen wie "Wir machen mit dir, was Hitler mit den Juden gemacht hat" oder "die Endlösung ist nah" enthalten, reagiert Jacek Purski mit Gelassenheit. Drohbriefe landen direkt im Müll. Doch es gibt Dinge, die ihn beunruhigen. Sein Name, Foto und Handynummer stehen im Internet auf der so genannten 'Liste der Rassenfeinde', zusammen mit anderen polnischen Antifaschisten, Emigranten, Homosexuellen und Ausländern. Die Seite stammt vom polnischen Ableger der internationalen neonazistischen Organisation Blood & Honour.

Die Deutung des Rechtsradikalismus in Polen ist auch Soziologen ein Rätsel. Für Rafal Pankowski, Extremismusexperte am Collegium Civitas in Warschau, ist er ein Beleg für die Schizophrenie der Betroffenen: "Der polnische Faschismus trägt die Symbole seiner Feinde und führt sich so selbst ad absurdum."

"Gott, Ehre, Vaterland"

Jacek Purski wird nachdenklich, wenn er an den Gründer der Partei der Nationalen Wiedergeburt Polens denkt. Adam Gmurczyk ist wie Jacek Purski im Warschauer Arbeiterviertel 'Wola' aufgewachsen. Ihre Väter haben beide in der 'Solidarno-Bewegung' gegen den Kommunismus gekämpft. Doch hier enden die Gemeinsamkeiten.

Gleich nach der Wende hatte Adam Gmurczyk die vorher antikommunistische Partei der Nationalen Wiedergeburt Polens (NOP) registrieren lassen. "Demokratie bedeutet die Macht des Pöbels oder bestimmter Interessengruppen, die nur ihr eigenes Wohl vor Augen haben, und nicht das Wohl des Volkes", sagt Gmurczyk. Dass sich in den Parteireihen auch radikale Skinheads befinden, ist für Adam Gmurczyk nichts Außergewöhnliches: "Jeder Mann verspürt ab und zu den Drang, Jemandem eins überzuziehen." Im Propagandablatt der Partei, 'Dem Schwert', veröffentlichen auch international bekannte Neofaschisten wie Roberto Fiore und David Irving. Engere Beziehungen unterhält die NOP zu Großbritannien und der deutschen NPD.

Nutzlose Gesetze

"Die rechtsradikalen Gruppierungen konnten in den 90er Jahren ihre Strukturen fast ungehindert ausbauen", sagt Marcin Kornak von 'Nie Wieder'. Mehrere Monate dauerte die Kampagne des Vereins für das Verbot von faschistischen und rassistischen Organisationen. 'Nie wieder' zählt Artikel §13 der polnischen Verfassung zu ihren größten Erfolgen: dieser verbietet seit 1997 politische Parteien und andere Organisationen, die Faschismus, Rassismus oder Kommunismus propagieren. "Die Gesetze werden aber nicht konsequent umgesetzt", so Purski. "Deswegen konnten die Rechtsradikalen an die höchsten Posten des Staates gelangen."

'Nie wieder' setzt auf eigene Recherche. Im so genannten 'Braunen Buch' halten die Aktivisten rechtsextreme Vorfälle fest, die regelmäßig als Newsletter an die polnischen Medien geschickt werden. Der Verein vermittelt Gesprächspartner und stellt Journalisten Fotos zur Verfügung. Das 'Nie wieder'-Register führen zwei rechtsextreme Parteien an: die NOP und die Liga der Polnischen Familien, mit ihrer Kaderschmiede der 'Allpolnischen Jugend', an. Die NOP-Funktionäre sitzen in vielen Stadt- und Gemeinderäten. Offiziell geben sie sich meistens als parteilos. Die Liga der polnischen Familien war bis vor kurzem Koalitionspartner der Kaczynski-Regierung. 400 Artikel über beide Parteien und andere Organisationen hat 'Nie wieder' bisher in den polnischen Medien lanciert.

Machtwechsel in Polen

Jacek Purski ist mit dem Auto unterwegs zu einem Freund. Berufsverkehr: auf der Aleja Jerozolimska herrscht Stillstand. "Dieser Kreisverkehr im Herzen der Stadt wurde von der 'Kaczynski-Regierung' nach Roman Dmowski, einem antisemitischen Nationalistenführer aus der Vorkriegszeit, benannt. Als Pole kann man sich dafür nur schämen", schimpft Purski. Er ist froh über den Machtwechsel. Die Liga der polnischen Familien ist im neuen polnischen Parlament nicht mehr vertreten. "Nachdem die rechtsradikale Welle hochgeschlagen hat, muss man jetzt den Dreck aufsammeln, den sie hinterlassen hat", so Marcin Kornak.

Vielleicht gründet 'Nie wieder' eine Initiative zur Umbenennung des 'Dmowski-Platzes'. Welchen Namen er tragen sollte, ist Jacek Purski nicht wichtig. Wenn es jemand wäre, der für die Integration Polens in Europa steht, damit könnte er leben. Obwohl ihm ein Antifaschist noch lieber wäre.

Gefördert von der Stiftung 'Erinnerung, Verantwortung und Zukunft'

Dieser Artikel wurde im Rahmen eines Recherchestipendiums des Korrespondenten-Netzes n-ost verfasst.

(Intext-Fotos: ©Jakob Weiß)