Polen: Kleiderbügel gegen Abtreibungsverbot

Artikel veröffentlicht am 5. April 2016
Artikel veröffentlicht am 5. April 2016

Am 3. April gingen in polnischen Städten zahlreiche Männer und Frauen auf die Straßen. Sie sind schockiert über einen neuen Gesetzesentwurf, der Abtreibungen im Land komplett verbieten soll. Die Demonstranten waren mit Kleiderbügeln bewaffnet - dem einfachsten und schrecklichsten Werkzeug, das verzweifelte Frauen in der Vergangenheit benutzten, um ungewollte Schwangerschaften abzubrechen.

Nach der Ankündigung der polnischen Bischofskonferenz und der konservativen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) Ende März, ein totales Verbot für Abtreibungen in Polen unterstützen zu wollen, gingen überall in Polen Menschen auf die Straße, um gegen die Verschärfung des bereits restriktiven polnischen Abtreibungsgesetzes zu demonstrieren.

Zur Zeit sind Abtreibungen in Polen in drei Fällen erlaubt: Erstens, wenn die Schwangerschaft ein Risiko für das Leben der Frau darstellt. Zweitens, wenn der Fötus mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer behindert und unbehandelbar ist. Und drittens, wo es einen begründeten Verdacht gibt, dass die Schwangerschaft das Resultat einer Straftat, also einer Vergewaltigung ist. Sollte der neue Gesetzesentwurf verabschiedet werden, würden alle drei Ausnahmen aufgehoben werden.

Das ganze Debakel begann bei der 1050-Jahr-Feier der Christianisierung des Landes von 966. Bei dieser Gelegenheit sprachen sich die polnischen Bischöfe öffentlich für ein totales Abtreibungsverbot aus. Das Bürgerbegehren Ordo Iuris verfasste daraufhin eine passende Petition, die von Organisationen gegen Abtreibung ergänzt wurde und schließlich dem Sprecher des polnischen Parlaments vorgelegt wurde. Wenn der Entwurf in drei Monaten 100 000 Unterstützer findet, soll spätestens im Herbst darüber verhandelt werden.

Sowohl der Vorsitzende der regierenden PiS-Partei Recht und Gerechtigkeit, Jarosław Kaczyński, als auch die amtierende Ministerpräsidentin Beata Szydło haben ihre Unterstützung für das neue Gesetz ausgesprochen.

Auch im Internet protestieren viele lautstark gegen die geplante Verschärfung des Abtreibungsverbots. Eine Facebookgruppe namens Dziewuchy Dziewuchom (Mädchen für Mädchen) hat eine Initiative gestartet, um sich vor dem Parlament zu versammeln. In der Gruppe kann man sich auch über Ideen für zukünftige Aktionen austauschen.

Ein anderes Projekt nennt sich SCHWERE PERIODE für die Regierung. Die Macher (offiziell wurde die Seite von einem Hund namens Grazyna gegründet) schreiben: „Die polnische Regierung will unsere Gebärmütter, Eierstöcke und Schwangerschaften kontrollieren. Ist es nicht nett, dass sie sich so rührend um uns kümmert? […] Lasst uns die Premierministerin mit Informationen, Fragen und Zweifeln zu unseren Monatszyklen, Perioden, Eisprüngen, vaginalen Sekreten bombardieren. Wir wollen ihr einen vollen Einblick in unser Leben geben, wir wollen sie zwingen, sich auf uns zu konzentrieren. Vielleicht erinnert sie sich dann daran, dass auch sie eine Frau ist.“

„Die Demonstration hat ein paar tausend Menschen zusammengebracht“, sagt Dominika, die an der Veranstaltung in Warschau teilnahm. „Es war ein friedlicher Protest, bei dem Polizeipräsenz kaum bemerkbar war. Die Atmosphäre war freundlich, man konnte hören, wie Leute Witze über die Regierung machten. Die Menschen haben einander auch mit ein bisschen Unglauben erklärt, was es wirklich heißen würde, wenn das Gesetz verabschiedet würde.

„Die Reaktionen in der Menge waren gemischt. Ein Sprecher scherte die Bischofskonferenz, Recht und Gerechtigkeit und Katholiken alle in der selben Gruppe als Befürworter des Abtreibungsverbots über einen Kamm. Sogar als Atheistin denke ich, dass das eine ungerechte Einstellung ist. Der Spruch „außer Vaginas habt ihr auch ein Gehirn“ war einfach peinlich. „Die meisten Reden wurden aber mit lautem Applaus begrüßt.“

Folgend Dominikas Fotos der Proteste in Warschau vom Sonntag: