Polen: Europas Wirtschaftseldorado?

Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 27. Januar 2012
Inmitten der Wirtschaftskrise brilliert Polen als einziges Land in Europa, das der Rezession standgehalten hat. In weniger als zwanzig Jahren hat es sich vom kommunistischen Land zur sechsten Wirtschaftsmacht der Europäischen Union gemausert. Polen befinde sich auf dem höchsten Entwicklungsstand seit seiner Entstehung, meinen Experten. Aber ist in Warschau alles Gold, was glänzt?

Das in Zentraleuropa gelegene Land ist dasselbe, das vor 200 Jahren von der geographischen Landkarte verschwand, von den Nazis besetzt wurde und den Kommunismus der Sowjetunion miterlebte. Doch es hat sich einiges geändert, viel sogar. Der Übergang von der Planwirtschaft zur freien Marktwirtschaft hat einen sagenhaften Wandel in Polen ermöglicht.

80% der Polen sind mit Lebensstandard zufrieden

Olga glaubt, dass sich die bessere Lage “besonders auf die Modernisierung der Infrastrukturen und die Schaffung von neuen Firmen” zurückführen lässtEin Vergleich der neunziger Jahre mit 2011 zeigt, dass die Gehälter sich generell vervierfacht haben. Das Land war niemals zuvor so reich, so gut verwaltet und sicher wie jetzt. Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass 80% der Polen mit ihrem derzeitigen Lebensstandard zufrieden sind. Olga (30), Lektorin an der Stendhal Universität im französischen Grenoble, und Malgorzata (23), Masterstudentin an der Universität von Warschau, berichten vom neuen “Reichtum in Polen”. “Tatsächlich lebt es sich in Polen jetzt deutlich besser als noch vor 10 Jahren”, hebt Olga hervor. “Dank der Modernisierung der Infrastrukturen und der Schaffung neuer Firmen. Die Arbeitslosenquote ist beträchtlich gesunken und Kredite sind für alle viel erschwinglicher”.

Polen, erst seit 2004 Mitglied in der EU, ist der einzige Mitgliedsland, dessen Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2010 wuchs (3,8%). Diese positive Tendenz ist vornehmlich europäischen Subventionen zu verdanken – 67.000 Millionen Euro wurden in der Zeitspanne zwischen 2007 und 2013 investiert, was Polen bis 2013 zum EU-Land mit den meisten Subventionen macht. Der größte Teil der finanziellen Unterstützungen wurde in den Ausbau von Infrastrukturen gesteckt, die im Europavergleich ziemlich nachhinkten.

Schlüsselelement: die Modernisierung des Landes

Wirtschaftswachstum: Warschau kratzt an den Wolken

Zunächst brachte die polnische Reform des Bahn-, Straßen- und Flugverkehrs viele neue Arbeitsplätze im Bausektor mit sich - eines der Schlüsselelemente für das Wirtschaftswachstum im Land. Die ökonomische Beständigkeit, qualifizierte und billige Arbeitskräfte sowie die europäischen Mittel schufen ein attraktives Paket, das die Aufmerksamkeit von Investoren des ganzen Kontinents auf sich zog. Nicht selten sehen sie Polen heute als einen der wichtigsten Aufbaustandorte in Europa an. “Was den Ausländern an Polen am meisten gefällt ist, dass bei uns alles günstig ist”, meint Malgorzata. Auf die Frage, ob sie Europäer von anderswo ermuntern würde nach Polen zu kommen, sagt die Lektorin: “Die Antwort lautet eindeutig ja. Abgesehen vom Wirtschaftsaufschwung ist die polnische Gastfreundschaft ein weiteres Plus. Außerdem ist es immer eine sehr bereichernde Erfahrung in einem anderen Land zu leben”. Malgorzata fügt hinzu: “Bist du bereit, dich auf unendliche Amtswege zu begeben, noch Single und suchst einen Bräutigam, dann erst recht!”

Lost Generation? Vom Mythos des heimkehrenden Polen

Olga würde gern zum Arbeiten in ihre Heimat zurückkehren, “wenn das Gehalt genauso hoch wie in Westeuropa wäre”. Auch Malgorzata wäre offen für einen Job in Polen, denn “irgendwer muss ja hier bleiben und mithelfen, die Situation zu verbessern”. Andererseits räumt sie ein, dass es ihr nichts ausmachen würde eine Zeit lang im Ausland zu arbeiten. Solange es keine Arbeit sei für die sie “überqualifiziert” sei. Der Umstand, dass Polen noch nicht der Euro-Zone angehört und seine eigene Währung, den Zloty, führt, hat zu einem stetigen Wachstum der Exporte und zu mehr Wettbewerb geführt. In der Euro-Diskussion sei an dieser Tatsache festzuhalten, beispielsweise auch in der Griechenlandfrage.

Wohlstand, aber in Grenzen

“Polen hat nicht genug Kraft, um die Krise ganz allein zu meistern. Unser Wohlstand hängt vom Wohlstand anderer Länder ab.”

Dennoch sei Polen gemessen am europäischen Durchschnitt noch ein armes Land. Das durchschnittliche Bruttogehalt lag Mitte 2010 bei 3224 PLN (ca. 800 Euro), wovon ein großer Teil an die Sozialversicherung und Einkommenssteuer abginge. “Verglichen mit anderen Ländern sind die Gehälter sehr gering, während die Preise weiterhin ansteigen. Sogar Grundnahrungsmittel sind extrem teuer. Das muss sich ändern", wettert Malgorzata.

Auch die Wohnpreise hätten sich über die Jahre verdreifacht, obwohl polnische Wohnungen im europäischen Vergleich wiederum die kleinsten sind. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Olga und Malgorzata dem gepriesenen “Wohlstand Polens” nicht ganz glauben wollen. Polen habe “nicht genug Kraft, um die Krise im Alleingang zu meistern. Unser Wohlstand hängt von dem anderer Länder ab. Die Krise und die Schuldenlast könnten uns in ein paar Jahren noch schlimm einholen”, so Olga. Malgorzata sieht in dem Ausdruck “polnischer Wohlstand” eine beschönigende Formel, die von der Regierung ausgetüftelt wurde, um “mit etwas anzugeben, das noch in die Tat umzusetzen bleibt”.

Zudem sei Polen, wie Olga anmerkt, “kein perfektes Land, denn es gibt immer Dinge, die noch verändert werden müssen. Die Infrastruktur muss verbessert werden, die Armut bekämpft und die Arbeitslosenrate vermindert werden.“ Malgorzata stimmt zu: “Wir müssen mehr in Bildung investieren. Die jungen Leute brauchen mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt, man muss ihnen helfen ihre Ideen in die Tat umzusetzen.“ Polen befindet sich im Aufschwung, doch es bleibt abzuwarten, ob der momentane Elan den zukünftigen Herausforderungen standhalten wird.

Fotos: Titelseite (cc)piotrpawlowski/flickr); Im Text (cc)perke/flickr; Video: euronews/YouTube