Polen: Das Höllen-Orchester der Wohltätigkeit

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2008
Seit 16 Jahren halten sich die meisten Polen den zweiten Januar-Sonntag frei, um am Finale der Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy (Großes Orchester der Feiertagshilfe) teilzunehmen, einer karitativen Aktion, die Geld für medizinische Geräte zur Rettung von Kinderleben sowie für die Organisation von Erste-Hilfe-Kursen dient.

Das „Orchester“ setzt ein - in den eigenen vier Wänden: Das Fernsehen informiert am laufenden Band über die gesammelten Geldbeträge, zeigt Teile des Konzerts und der Auktion sowie Interviews mit den Organisatoren und freiwilligen Helfern. Jurek Owsiak, ihr kontroverser Organisator, flimmert in gelbem Hemd und roter Hose über den Bildschirm. Er erklärt den polnischen Zuschauern, was die Organisation in diesem Jahr erreicht hat was er mit dem Geld zu tun gedenkt.

Abgesehen von den Attacken der freiwilligen Helfer riskiert man, dass andere Passanten einen für herzlos und einen Geizhals halten.

Aber es kommt noch dicker: Nachdem man das Haus verlässt, wird man von einer Gruppe freiwilliger Helfer überfallen, die mit auffälligen Ansteckern und Dosen bewaffnet ist. Auch wenn es gelingen sollte, diese zu umgehen, trifft man ein paar Meter weiter auf eine neue Gruppe. Der Passierschein des Tages ist ein rotes Herz, das man im Tausch gegen ein paar Złoty erhält. Ein Stadtbummel ohne Herzanstecker macht keinen Sinn. Abgesehen von den Attacken der freiwilligen Helfer riskiert man zudem, dass andere Passanten einen für herzlos und einen Geizhals halten.

Gemeinsam - nicht einsam

©kwazar/flickrTrotzdem ist das Finale des Orchesters nicht nur sozialer Druck: Es ist auch eine Chance auf viel Spaß, Begegnung mit Freunden und einen gemeinsamen Auftritt. Das Finale wird nicht nur in großen Städten veranstaltet, sondern auch in kleineren Orten, in denen es bis auf Silvester und das Erntedankfest kaum Möglichkeiten gibt, gemeinsam mit anderen Bewohnern auf dem Marktplatz zu feiern. Außerdem schafft das „Orchester“ ein Gemeinschaftsgefühl: Gemeinsam sammelt man Geld, um Kinder zu retten, gemeinsam schickt man ein „Lichtlein zum Himmel“ - man schaut sich gemeinsam ein Feuerwerk an.

Ein solches Gemeinschaftsgefühl hat einen großen Effekt: Jedes Jahr sammeln 120.000 freiwillige Helfer immer höhere Geldbeträge. Letztes Jahr, beim 16ten Finale, als man Geld für Kinder mit Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen sammelte, wurde ein neuer Rekord aufgestellt: Die Polen haben insgesamt fast 14 Millionen Dollar gespendet. Seit Bestehen der Veranstaltung konnten über 96 Millionen Dollar gesammelt werden.

Kritiker steigen in Woodstock aus

©marcin.biodrowski/flickrAllerdings trifft das Orchester auf harsche Kritik. Sei es, weil Jurek Owsiak vermag, die Herzen der Polen zu öffnen, sei es durch sein typisches Rock'n'Roll-Image. Den Gegnern gefällt es gar nicht, wie das während des Finales gesammelte Geld verwendet wird. Zwar wird detailliert veröffentlicht, in welche Projekte die Spendengelder schlussendlich fließen, allerdings bietet diese Offenheit zugleich die perfekte Angriffsfläche für die Gegner. Das ultrakatholische Milieu kritisiert vor allem, dass ein Großteil des Geldes nicht für die Kinder aufgewendet wird, sondern für die technische Organisation der Veranstaltung, beispielsweise die Entlohnung der Organisatoren und Helfer, die an einem solchen Tag eigentlich umsonst arbeiten sollten. Die Organisation des 14ten und 15ten Finales kostete fast 2 Millionen Złoty (ca. 520.000 Euro).

Darüber hinaus berichten Medien regelmäßig über Ausrutscher der freiwilligen Helfer. Von ihnen gibt es zwar relativ wenige, doch nach dem Finale des Orchesters tauchen stets Informationen über Diebstahl und Trunkenheit auf.

Kontroversen entfacht auch die jährlich organisierte „Haltestelle Woodstock“, die aus den Zinsen der Spenden als ein Dankeschön für die Arbeit der freiwilligen Helfer finanziert wird. Katholische Medien behaupten, dass junge Menschen während der Musik-Veranstaltung die Gelegenheit hätten, das erste Mal Gebrauch von Drogen zu machen. Für „Sekten“ sei es ebenfalls eine Chance, neue Mitglieder anzuwerben. Während eines der vergangenen Festivals konnten religiöse Minderheiten ihren Glauben verbreiten.

Ein Mensch, der nur mit Ach und Krach sein Abitur geschafft hat und eine Schizophrenie simulierte  sollte nicht Kopf einer so wichtigen Organisation sein.

Auch für den Organisator, Jurek Owsiak, hagelt es Kritik: Nicht nur konservative Medien denken, dass ein Mensch, der nur mit Ach und Krach sein Abitur geschafft hat, eine Schizophrenie simulierte, um nicht zum Militär zu müssen, und den Spruch „macht doch, was ihr wollt'“ geprägt hat, keine moralische Autorität hat, um Kopf einer so wichtigen Organisation zu sein. Sein Motto „helfe mit nichtens dabei, junge Menschen mit Respekt zu moralischer Ordnung zu erziehen und ganz sicher würde er erzieherische Aspekte wie Ansprüche, Disziplin, Entsagung und Verantwortung in Frage stellen “, so der Abgeordnete des Europäischen Parlaments und Gründer der rechten Liga Polnischer Familien Wojciech Wierzejski.

Die Katholisch-Nationale Bewegung des Widerstandes hingegen stellt ohne Umschweife fest, Jurek Owsiak sei ein „Saboteur, Betrüger, Atheist, Unterstützter der Hare Krishna-Bewegung, Verfechter jeglicher Pathologien sowie Drogensucht und Unzucht, Spezialist für Anarchie und Verführung Minderjähriger, der zur Verwahrlosung der polnischen Jugend beiträgt“.

Owsiak selbst begegnet den Vorwürfen mit stoischer Ruhe. In einem Interview erwiderte er kurzum: „Natürlich ist das verrückt, sich mit solch einem Unsinn zu befassen, aber wir haben es auch mit einer Portion Humor aufgefasst und uns immer wieder gesagt, dass es zu unserem Arbeitsklima dazugehört. Solche Erschütterungen bringen Menschen zum Nachdenken. Wir wünschen uns natürlich, dass Argumente der Gegenseite humorvoller wären und die Möglichkeit zur Diskussion eröffnen würden. Ich beneide die englische Königin um ihre Kritiker-Truppe Monty Python. Wenn die Truppe Radio Maria in Großbritannien Kritik üben würde, würde selbst das Königshaus seine englische Ruhe verlieren. Wir verlieren sie nicht.“

Eines ist sicher: Nichts deutet daraufhin, dass das Orchester aufhören wird zu spielen, wie der „Dirigent” Jurek Owsiak sagt, „bis ans Ende der Welt und noch länger“. Fieberhafte Vorbereitungen zum 17ten Finale, das am 11. Januar stattfinden wird, sind noch im Gange. Das gesammelte Geld ist in diesem Jahr für die Hilfe bei der Krebsfrüherkennung bei Kindern bestimmt.