Poesie: Italiens Pasolini, Zorn und Sarajevo

Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2008
Artikel veröffentlicht am 30. Oktober 2008
In der Nacht vom 1. zum 2. November 1975 wurde Pier Paolo Pasolini ermordet. Im Rahmen der Internationalen Tage der Dichtung, die vom vergangenen 3. bis 5. Oktober in Sarajevo stattfanden, symbolisierte der friaulische Dichter eine Friedensbotschaft.

Einhundert Seiten Dichtung sind in Bosnien so viele Bosnische Mark wert wie ein Kilo Gold. Und die (Cineteca di Bologna, centro Studi Archivio Pier Paolo Pasoini)ausländischen Dichter verstauben in den Schaufenstern der Buchhandlungen von Sarajevo. Wenn man hier, hinter der Marsala Tita, an den Häusern entlang geht, an denen noch immer Einschusslöcher zu sehen sind, hat man das Gefühl, dass einem der Ruß der Geschichte förmlich auf den Kopf regnet. Pier Paolo Pasolini schrieb: „Was ist geschehen mit der Welt nach dem Krieg und der Nachkriegszeit? Normalität ist eingekehrt. Tja, die Normalität. Im Zustand der Normalität schaut man sich nicht um: verschwunden sind die Aufregungen und Emotionen der Jahre in Not. Der Mensch neigt dazu, in der eigenen Normalität zu versinken, er vergisst, sich zu spiegeln, verliert die Angewohnheit, über sich zu urteilen und fragt sich nicht mehr, wer er ist. Und deshalb wird ein künstlicher Notstand erschaffen. Von den Dichtern, diesen ewig Empörten, diesen Meistern des intellektuellen Zorns und der philosophischen Tobsucht.“

Im vergangenen Oktober gedachte Sarajevo Pasolini, wobei es bosnische und ausländische Dichter waren, die die Erinnerung an diesen Künstler aufleben ließen. Es gibt heute keine andere Stadt für den Zorn (Skript des friaulischen Dichters, das ein Film werden sollte), es gibt keinen anderen Ort, der dessen Notwendigkeit besser rechtfertigen könnte. Die intellektuelle Empörung der Dichtung findet in Sarajevo den Sinn ihres Seins. Vor allem, wenn es für den „Zorn“ der Verse keinen Käufer gibt und „die Normalität“ nach dem Krieg nur eine in Klammern gesetzte Realität ist.

©Pier Paolo Lagulli

Sarajevo zwischen Ruinen

Um zum Kino Teatar „Bosna“ zu gelangen, wo die Autoren zunächst die Kurzfilme von Pasolini anschauten und Lesungen hielten, muss man das ganze Stadtzentrum durchqueren. Dieser Weg ist wie eine Kurzversion der Straße, die von der kroatischen Küste (bei Dubrovnik) ins Landesinnere des ehemaligen Jugoslawien führt. Hinter Mostar stützen sich die Häuser der Schlachten an den neuen Wohngebäuden (oder die Nachkriegsbauten lehnen sich an die Überreste der Geschichte) und in Privatgärten zwischen den Häusern kann man unter Bäumen kleine, improvisierte Friedhöfe ausmachen. Das Sarajevo an der Miljacka verbirgt hinter den Fassaden der Neubauten (vor allem Behörden und Gewerbebauten) eine ganze Stadt, die noch immer in Trümmern liegt, eingeklemmt zwischen den beiden Hauptstraßen, der Marsala mit ihrem westlichen Flair und der historischen und mystischen Uferstraße Obala Kulina Bana. Eine ihrer Brücken wird „Attentat-Brücke“ genannt, weil hier der Erzherzog Ferdinand ermordet wurde. Und ringsum sieht man Moscheen, alte, neue und im Bau befindliche.

„Das einzige Literaturgenre, das noch in der Lage ist, einen wahren Dialog zwischen Kulturen, zwischen Orient und Okzident zu schaffen, ist heute die Dichtung. Was mich an Sarajevo am meisten berührt, ist die tief gehende Verflechtung zwischen Minaretten, europäischen Bauten und menschlichen Gesichtern“, kommentiert der italienische Dichter Giuseppe Conte, während er beim Gehen mal die Landschaft und mal seine Schuhe betrachtet. Die Gesichter, von denen Conte spricht, sind sowohl jene der Frauen, eingehüllt in farbige Pashmina, als auch die der jungen Mädchen mit Miniröcken und Stöckelschuhen, der Männer mit Krawatte oder der fliegenden Händler mit türkischen Zügen. Alle nebeneinander und miteinander. Vor der großen, orthodoxen Kathedrale Ferhadija treffen sich die Studenten im Anschluss an ihre Nachmittagsvorlesungen. Gleichzeitig ertönen aus den Megafonen der Gazi Husrev Beg-Moschee die Stimmen der muslimischen Gläubigen. Und wer gerade aus dem Büro kommt, setzt sich an einen Café-Tisch, legt die Jacke ab und schlürft eine Cola. All dies findet man auf der Strecke zu Pasolinis Werken Der Weichkäse (1963), Die Erde vom Mond aus gesehen (1966) und Was sind die Wolken (1967).

Sarajevo ©Pier Paolo Lagulli

Während der Vorführungen - die Filme haben bosnische Untertitel - knetet sich Francis Combes, der französische Intellektuelle, der sich für die schwachen Klassen einsetzt, das Kinn und ringt sich am Ende zu einem einzigen Satz durch: „Genial! Roh, realistisch und gewalttätig.“ Bei der Bemerkung von Welles in Der Weichkäse lachte er über die italienische Bourgeoisie als die dümmste Europas. Hinten in dem kleinen Saal sagt Rafael Courtoisie, ein uruguayischer Autor und Dichter, über Pier Paolo Pasolini in seinem südamerikanischen Spanisch: „Ein leidenschaftlicher, verrückter Mann“, während es nach dem Abspann mit dem nächsten Film weitergeht. Giacomo Scotti (Italo-Kroate) schlussfolgert: „Am Ende eines Konflikts ist es die Aufgabe der Menschen mit großer Kultur, wie Pasolini, die gerissenen Knoten zwischen den Leuten neu zu knüpfen.“

Die Straße zum Hotel Astra Ganj - wo die Dichter einquartiert sind - vermittelt ein ganz anderes Bild von Sarajevo. Die Lichter der Buchhandlungen auf der Marsala bleiben eingeschaltet und erhellen die Schaufenster. Man entdeckt Titel von Orhan Pamuk und Paulo Coelho aber auch Izet Sarajlic (bosnischer Dichter: „Die Menschen sind glücklich, wenn sich die Verse treffen”). Als wir an einem Wahlplakat vorüber gehen, zeigt der junge Dichter Almir Kolar auf das Foto des glatzköpfigen Mannes mit ernstem Gesicht: „Das ist Abdullah, ein berühmter Dichter, der bei den Kommunalwahlen kandidiert, politische Mitte, Muslim und Nationalist.“ Auch „Europäist“, sagen einige. Am Ende von Der Zorn kündigt Pier Paolo Pasolini die Alternative zur mondänen Gewalt des Blutes als einzige Garantie für dauerhaften und realen Frieden an, nämlich „das Lächeln des Kosmonauten”, auf dass es den Weg des Universums weisen möge. Sarajevo - zumindest das Sarajevo der Verse und Dichter - hingegen folgt lieber noch irdischen Pfaden.