Piyush Mistry: From India with Love

Artikel veröffentlicht am 14. Januar 2012
Artikel veröffentlicht am 14. Januar 2012

„Eine Minute, eine Minute!“ Es ist nicht gerade einfach, zwischen hupenden Motorrädern, geistesabwesenden Fußgängern und winselnden Hunden einen Parkplatz für einen Roller zu finden. Deswegen dauert es auch weit mehr als eine Minute, bis ich Piyush wieder aus dem Getümmel auftauchen sehe. Lächelnd entschuldigt er sich: „Viel zu viele Menschen, es ist schrecklich! Nirgendwo ist Platz.“

Das aufgeregte Treiben in Arambol, an Goas letztem Hippie-Strand, schlägt ihm aber nicht weiter auf die Laune, sondern ist ein guter Vorwand, im nächstbesten Chai-Shop Halt zu machen und bei einem zuckersüßen Milchtee über Gott und die Welt zu philosophieren: „Piyush ist übrigens der Name eines Getränks aus Milch, Zucker und Kardamom, das aus Gujarat kommt und nach dem alle Frauen verrückt sind!“ lacht Piyush, während er an seinem heißen chai nippt. „Ich weiß nicht, warum alle immer so rennen müssen. Das Leben ist doch nicht nur dazu da herum zu hetzen!“ Beim Anblick der gestressten Europäer und der umtriebigen Inder kann Piyush nur den Kopf schütteln. Dabei war er selbst lange einer von ihnen. Piyush, der ursprünglich aus Surat in Gujarat stammt, rieb sich sechs Jahre für ein renommiertes Architektenbüro in Mumbai auf. Während dieser Zeit arbeitete er auch mit Hafeez Contractor, einem der berühmtesten Architekten Indiens, und entwarf mehrere Gärten und Hotels in der Nähe des internationalen Flughafens in Mumbai. Wahrscheinlich würde er auch jetzt noch indische Großstädte mit Wolkenkratzern schmücken, wenn ihn sein Professor nicht vor mehr als 10 Jahren mit in das Osho-Ashram in Pune genommen hätte.

Zuerst kam Piyush, der als Hindu geboren wurde, aber nie besonders religiös war, dieser Guru, der immer nur von Sex, Geld und Bewusstsein redete, nicht ganz koscher vor. Deswegen verschwand das Buch From Sex to Superconsciousness, eines der berühmtesten Werke Oshos, das Piyush von seinem Tagestrip ins Ashram mit zurück brachte, auch vier Jahre lang im Schrank. So lange dauerte es, bis er das Buch schließlich doch zur Hand nahm und sich mit den Ideen Oshos auseinander setzte. Besonders die These, dass man nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft, sondern im Moment leben und Liebe und Frieden zur Grundlage seiner Existenz machen solle, tat es Piyush an.

Aber erst als er durch Zufall auf einen tantrischen Yogi traf, der mit seinen übernatürlichen Kräften auch seine letzten atheistischen Zweifel hinwegfegte, beschloss Piyush, sein altes Leben aufzugeben: „Von dem Zeitpunkt an war ich ein sanyasin, ein Sucher Gottes. Deswegen habe ich lange Zeit im Osho-Ashram in Pune gelebt, um verschiedene Meditationstechniken zu lernen.“ Und die sind nicht unbedingt immer so langweilig, wie gemeinhin angenommen wird. Während viele Schulen das stundenlange Sitzen in der Lotus-Position vorschreiben, kommen Oshos Mediationen bei Weitem spannender daher: Bei der dynamic mediation wird nicht nur gehüpft und gesprungen, sondern auch gebrüllt und die smoking meditation gehört wohl zu den extravagantesten Übungen, die Osho ersonnen hat. 

„Ich habe in der Zeit im Ashram viel gelernt, was ich weitergeben will,“ meint Piyush. Daher arbeitet er seit ungefähr neun Jahren als Meditationslehrer, Paartherapeut und Reiki-Heiler. Seinen Architektenjob hat er dafür an den Nagel gehängt und lebt seitdem ohne geregeltes Einkommen und ohne festen Wohnsitz: „Ich habe mein Leben auf das Minimum reduziert und verlange kein Geld für meine Arbeit. Irgendwoher kommen die nötigen Rupien immer und meistens sind das dann Spenden.“ Ein Bankkonto hat Piyush zwar noch, aber ansonsten besitzt er nur zwei Hemden und keine Unterhose. Die brauche er in Goa aber auch nicht, denn hier sei es warm genug, um nur in weiten Ali Baba-Hosen herumzulaufen.

„In Europa war das aber zu kalt, da musste ich mir natürlich mehr Kleider zulegen“, lacht Piyush. Sieben Mal war er schon in Deutschland und Schweden, um dort zu lehren und seine healing massage zu praktizieren: „Ich mag Europa, aber die Menschen dort sind recht verschlossen. Ich glaube, Europäer sollten sich nicht immer so viele Sorgen machen.“ Besonders die Kartoffellauchsuppe, die seine Gastgeberin in Deutschland ihm täglich kochte, ist ihm im Gedächtnis geblieben. Seinen chai musste er sich aber jeden Tag selbst machen, denn das konnte in Deutschland natürlich niemand: „Besonders die Sauberkeit und Pünktlichkeit in Deutschland haben mir gut gefallen. Was ich aber nicht verstehen kann, ist, warum Europäer für alles eine Maschine haben.“ Das mache das Leben nur unnötig kompliziert und provoziere mehr Stress.

Piyush hingegen scheint eine gute Balance zwischen Askese und Materialismus gefunden zu haben – nicht zu viel Selbstkasteiung, aber auch keine unnötigen Bindungen an Geld oder Besitz. Während ich ihn dabei beobachte, wie er seinen chai genießt und mit den Passantinnen schäkert, muss ich lächeln. Ein Piyush, der nicht fröhlich ist? Das scheint unmöglich. Und wer hätte gedacht, dass es so glücklich machen kann, einfach nur im Moment zu leben? Mit einer guten Tasse chai fühle auch ich mich plötzlich mit der ganzen Welt im Reinen.

Chai nach Piyush' Art

Zutaten: frischer Ingwer, Nelken, Kardamom, Schwarztee, Milch, Zucker

1. Vier Tassen Wasser aufkochen, eine pro Person.

2. Drei kleine Stücke Ingwer schälen und zerdrücken.

3. Ingwer, Nelken und Kardamom zum kochenden Wasser geben.

4. Erneut aufkochen.

5. Drei Teelöffel Zucker und einen Teelöffel Schwarztee hinzufügen.

6. Gut umrühren.

7. Milch hinzufügen und noch einmal gut umrühren.