Pippo Delbono, „Italiens Theater ist ausgestorben“

Artikel veröffentlicht am 20. April 2007
Artikel veröffentlicht am 20. April 2007

SOS: Dieser Artikel wurde weder von einem Editor überarbeitet noch in einer Gruppe veröffentlicht.

Der Autor und Regisseur Pippo Delbono, Jahrgang 1959, bringt Kinder mit Down-Syndrom und ehemalige Obdachlose auf die Bühne. „Kultur bedeutet Engagement für die kommenden Generationen und nicht für die kommenden Wahlen“, sagt er.

Eigentlich wird man nur im Jackett ins Parlamentsgebäude eingelassen. Doch Pippo Delbono kommt in einer Jeansjacke. Für ihn ist das normal. Der Schauspieler und Regisseur steht seit Jahren für ein Theater, das schon durch die Wahl der Darsteller überrascht: Viele Profis sind darunter, aber auch frühere Patienten der Psychiatrie, Straßenkünstler, ehemalige Landstreicher und Obdachlose, Rocksänger, ein Kind mit Down-Syndrom. Das Theater Delbonos erhebt die Vielfalt zum Stilmittel. Und deshalb ist er auch zu einem Kongreß zum Thema Vielfalt an diesem 26. März 2007 in Rom als Redner geladen.

Während eines langweiligen Redebeitrags packen wir die Gelegenheit beim Schopf und ziehen Delbono kurze Zeit beiseite. Wir unterhalten uns über das Theater, über Verrücktheiten und über eine „Kultur, die uns vor der Leere rettet“, wie er gerne sagt.

Die Ziele so hoch wie möglich stecken

Was motiviert Delbono zu dieser Arbeit? Es ist, ohne Zweifel, die Kultur. Denn sie ist es, die „den Menschen hilft, das Leben zu meistern. In der Kultur steckt die Frage: Warum lebt, stirbt, existiert man? Kultur bedeutet, die Welt auf eine andere Weise zu sehen. Nach einem Wort Pasolinis bedeutet Kultur ‚seine Ziele so hoch wie möglich zu stecken’“.

In Italien, wo die Kultur häufig nur als Pfand im Wahlkampf fungiere, so Delbono, „bedeutet Kultur: sich für die kommenden Generationen zu engagieren und nicht für die kommenden Wahlen. In Italien herrscht kulturelle Leere, deshalb klammern wir uns an jeden, der uns das ewige Leben verspricht, um diese Leere zu füllen“. Damit meint er die Rolle von Religion und Kirche. Aber auch die Verwalter des kulturellen Erbes spart Delbono in seiner Kritik nicht aus, wo Italien doch den weltweit größten Kulturschatz beherbergt: „Hierzulande ist man spezialisiert auf das Bewahren, eine Erneuerung findet nicht statt.“

„Wir brauchen eine neue Form der Führung“

Delbono arbeitet lieber im Ausland: „Wir haben in Italien wunderschöne Theater aus dem neunzehnten Jahrhundert, in die Tanztheater, poetisches und visionäres Theater nicht hineinpassen. Hier lassen sich nur die klassischen Texte inszenieren. Es gibt nur traditionelles Theater, die architektonischen Gegebenheiten widersetzen sich jeder anderen Nutzung.“

Und nicht nur das. Auch die Chefsessel seien von den üblichen Verdächtigen besetzt: „Unsere Theaterdirektoren kleben an ihren Sesseln. Diese Unbeweglichkeit steht jeder Innovation im Weg. Was wir brauchen, sind neue Formen der Führung, Leute aus dem Ausland, die frischen Wind mitbringen. Wir müssen diese italienische Mauer durchbrechen, die eine kulturelle Landschaft umschließt, die ich, was das Theater betrifft, ohne Hemmungen als ausgestorben bezeichnen würde.“

Theater International

Auch um dem sterilen Charakter der italienischen Kulturlandschaft zu entgehen, hat Delbono, der mittlerweile in Italien sehr beliebt ist, immer Kontakte im Ausland gesucht. So hat der Regisseur aus Ligurien mit dem argentinischen Schauspieler Pepe Robledo gearbeitet, mit der Gruppe Farfa unter der Leitung von Iben Nagel Rasmussen in Dänemark sowie mit der Choreografin Pina Bausch und ihrem Tanztheater Wuppertal.

Schließlich zog es ihn auch in den Orient, wo er in Indien, China und auf Bali seine Techniken als Schauspieler und Tänzer verfeinern konnte. Und auch in seinen Filmen wird eine internationale Ausrichtung deutlich: Mit Guerra („Krieg“), während einer Tournee in Israel und Palästina gedreht, gewann er einen David di Donatello für den besten Dokumentarfilm. Vor zwanzig Jahren tourte er mit seiner ersten Inszenierung, Il tempo degli assassini („Die Zeit der Mörder“) durch Theater, Gefängnisse und Dörfer Südamerikas. Von da an folgten nationale und internationale Erfolge, mit denen Delbono jedoch nie die Welt der von der Gesellschaft Ausgeschlossen aus den Augen verloren hat. Im Gegenteil.

Das Theaters des ligurischen Regisseurs setzt Immigranten, Obdachlose, geistig Verwirrte, Behinderte in Szene – wie zum Beispiel Bobò, der fünfzig Jahre in einer Psychiatrie in Neapel verbracht hat: „Die Arbeit mit ihnen hat mir gezeigt, daß Menschen aus sozial ‚schwierigen’ Umständen nicht mit anderen Augen gesehen werden müssen. Ich akzeptiere das nicht mehr. Diese Leute sind die Protagonisten meines künstlerischen Werdegangs geworden, sie sind die Figuren aus meinen Inszenierungen, die in allen europäischen Hauptstädten gezeigt werden. Dieses ist ein Zeichen dafür, daß Vielfalt als Instrument zur kulturellen Öffnung benutzt werden kann“, erklärt Delbono. „In Moskau haben sie mir gesagt, ‚Bei uns werden Kinder mit Down-Syndrom eingesperrt!’“ In einer meiner Aufführungen lasse ich das Stück von einem solchen Kind mit einem Lächeln beenden, und niemand hätte das besser gekonnt: In ihm sehe ich das Licht Buddhas“.

Video: Das Theater Pippo Delbonos

Dieses Video zeigt Ausschnitten aus Questo buio feroce („Diese fürchterliche Finsternis“) Das Stück basiert auf dem autobiographischen Roman des amerikanischen Schriftstellers Harold Brockley, der an Aids starb. Es erzählt seine letzten Lebensjahre.