PIIGS: Bilanz-Schweinereien in Europa

Artikel veröffentlicht am 1. März 2010
Artikel veröffentlicht am 1. März 2010
Silvio Berlusconis Träumereien zum Trotz wird Israel wohl nicht Mitglied der Eurozone werden; auch um einen Beitritt Kroatiens und der Türkei ist es still geworden. Die aktuelle europaweite Debatte dreht sich aber vor allem darum, welche Staaten eigentlich Mitglied hätten werden dürfen.

Sie werden als PIIGS bezeichnet. Die erstmals 1997 gebrauchte Abkürzung, der damals noch ein I fehlte, bezog sich auf Portugal, Italien, Griechenland und Spanien. Die Länder hatten gegen die festgelegten Grenzen des Stabilitätspaktes verstoßen. Jetzt kommt noch ein I dazu - Irland. Einst Paradebeispiel für die wirtschaftlichen Vorteile der gemeinsamen Währung, dient Irland heute als abschreckendes Beispiel für potenzielle Beitrittskandidaten. Der erlangte Wohlstand ist dahin - Irland 'ist nicht mehr auf dem Schweinerücken' (ar muin na muice), wie der irische Volksmund zu sagen pflegt. Das heißt, die goldenen Zeiten auf der Grünen Insel sind vorbei. Europas wirtschaftlich geschwächte Staaten sind bei ihren zentraleuropäischen Nachbarn ebenso unbeliebt wie pigs in the parlour ('Elefanten im Porzellanladen'). Eine EU-Osterweiterung wird immer unwahrscheinlicher, da das PIIGS-Problem die Frage aufwirft, ob eine Mitgliedschaft in der Währungsunion nicht auch entzogen werden kann.

Die fehlende Flexibilität der gemeinsamen Währung weckt nostalgische Erinnerungen an die Zeiten der alten, nationalen Währungen. Londons Bürgermeister Boris Johnson berichtet im Gespräch mit der Zeitung The Telegraph von dem überraschenden Fund einer griechischen Drachme in seinem Trockner und stimmt einen Lobgesang auf die vergangene nationale Währungshoheit der Euroländer an: “Es war, als läge ein Stück griechischer Geschichte in meiner Hand. Ein Symbol Griechenlands wirtschaftlicher Unabhängigkeit, die aus Prestigesucht aufgegeben wurde. Die Griechen dachten wohl, dass sie durch die Einführung einer gemeinsamen Währung ein den Deutschen ebenbürtiges Maß an strikter Haushaltsdisziplin erwerben würden. Dem Himmel sei Dank, dass wir der Währungsunion nicht beigetreten sind.“

Als in Deutschland noch die Deutsche Mark verwendet wurde, brauchte man sich nicht über Währungsschwankungen in den ärmeren Nachbarländern zu beunruhigen. Die Tatsache, dass die 'Verschwender-Länder' mit Steuergeldern aus dem Schlamassel gezogen werden müssen, ist der wohl am heftigsten umstrittene Aspekt im europäischen Staaten-Familiendrama. So schreibt beispielsweise die FAZ: „Die Griechen gehen gegen eine Anhebung des Rentenalters von 61 auf 63 Jahre auf die Barrikaden; sollen also die Deutschen ihr Renteneintrittsalter von 65 auf 67 anheben, um den Griechen ihren Ruhestand zu ermöglichen?“ Die Botschaft kommt zweifellos bei den Lesern an. Aufgrund ihres Rufs als begnadete Bilanzfälscher erhielten die Griechen sogar einen neuen Spitznamen: "statisticsfraudsters“ - die Superstatistikfälscher.

Die Medien nutzen das Thema gekonnt für tierische Wortspiele. PIIGS zur Schlachtbank!: Das Magazin Spiegel wirft mit seiner Schlagzeile die Frage auf, ob die Währungsunion den Staatsbankrott eines ihrer Mitglieder überhaupt verkraften kann. PIIGS in muck - 'Schweine im Dreck’ - bei dieser Financial Times-Schlagzeile werden Erinnerungen an das 'pig in lipstick' Debakel im US-Wahlkampf 2008 zwischen Palin und Obama oder Paul McCartneys schmutziger Scheidungskampf mit Lady Mucca wach. Der portugiesische Wirtschaftsminister zeigte sich seinerseits entrüstet über die Schlagzeilte der Financial Times. Manuel Pinho gab an ‘sehr betroffen über diese Bezeichnung zu sein’, gab aber gleichzeitig zu, dass man sich mittlerweile der eigenen Fehler bewusst geworden sei. Vielleicht hat ihn ein portugiesisches Sprichwort zu dieser Einsicht gebracht: 'ein auf Pump gekauftes Schwein bringt einen fetten Winter aber einen harten Frühling' (bacoro fiado, bom inverno, e mao verao).

Die irländische Regierung plant ihrerseits neue Kredite aufzunehmen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die junge Generation von Iren ist über die zukünftige Steuerbelastung aber alles andere als glücklich. Einige kehren Irland sogar den Rücken - wie schon so oft in der Geschichte des Landes. Zum ersten Mal seit 15 Jahren ließ sich 2009 ein erneuter Trend zur Auswanderung erkennen. Die Arbeitslosenquote der unter 25-jährigen Männer liegt bei 33%. Spaniens Arbeitslosigkeit ist auf einem ähnlich hohen Niveau. Dort ist die durch den Tourismus begünstigte Bauindustrie zusammengebrochen, eine steigende Inflationsrate war die Folge, der man nicht, so wie früher, mit einer Abwertung der Peseta gegensteuern kann.

Auch wenn in Brüssel über Verantwortungslosigkeit geschimpft wird, sollte doch ein weises, dänisches Sprichwort nicht außer Acht gelassen werden: ''Das Ferkel muss oft erleiden, was das alte Schwein ausgefressen hat' (Ofte kommer Begn efter Solskin, og efter Muln klart Veir) - die Schuld trifft nicht immer den Schuldigen.

Foto: ©Kevin Hutchinson/ Flickr