Piers Faccini: “Ich liebe Italiener - mal abgesehen von ihrer Politik“

Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 7. Juli 2011
Der Ex-Londoner ist ein Allround-Talent: In Südfrankreich, wo er aufwuchs, ist er heute gleichzeitig Papa und Musiker. Der britisch-italienische Künstler hat überaus viele Seiten. Die Saiten seiner Gitarre sind zudem ziemlich gut gestimmt.

Piers Faccini suchte und fand sein Leben im Exil auf den Rädern seines VW-Busses: Und zwar mitten in den Cevennen im Süden Frankreichs - an der Grenze zum Mittelmeer aber eigentlich noch in den Bergen. Bevor Faccini die malerische Natur in der Gegend erkundete, kamen oft Gläubige hierher, um Zuflucht zu finden und um ihre Religion „in Frieden“ ausleben zu können. Hier scheint die Welt noch in Ordnung. Niemand stört dich. Piers beschreibt die Landschaft als “strahlend” und ruhig. Die Atmosphäre vor Ort sei auch richtungweisend für sein Album Two grains of sand gewesen, das in Frankreich zum Album des Jahres 2009 gekürt wurde.

“Ich bin staatenlos”, verkündet Piers Faccini ruhig und gelassen. Er ist einer von denen, die das Frage-Antwort-Spiel nicht gerne halbherzig spielen. Piers kam 1970 in Großbritannien als Sohn einer englischen Mutter und eines italienischen Vaters zur Welt. Nur kurze Zeit später überquerte er den Kanal, um die ersten Jahre seines Lebens in Frankreich zu verbringen. Das ergebnis ist ein Künstler, der sich zwischen drei Sprachen hin- und herbewegt und - zumindest laut seiner Website – wahrscheinlich „eine nationale Identität Europas bewahrt hat.“

Wenn Kora auf Violine trifft

“Meine Großeltern kamen als Einwanderer nach Großbritannien. All ihre irischen, russischen, italienischen und zigeunerischen Einflüsse fühle ich in mir. Bin ich ein Träumer? Ein verkappter Romantiker? In jedem Fall habe ich mich immer von der musikalischen Vielfalt meiner geografischen Ursprünge angezogen gefühlt. Es ist als ob das alles in meiner DNA festgelegt sei.“ Der Musiker, der eine „Leidenschaft für Noten und Klänge“ hat, versucht sich zunehmend auch in der Malerei und Fotografie. „Ich bin furchtbar neugierig auf alles. Ich experimentiere wie ein Kind und versuche die Dinge aber gleichzeitig auch ernst zu nehmen.”

Two Grains of Sand [2009]Seit der Veröffentlichung seines ersten Albums Leave no Trace im Jahr 2004 [beim französischen Indie-Plattenlabel Label Bleu; A.d.R.] hat Piers Faccini sich auf Folk-Variationen spezialisiert. Sein Album aus dem Jahr 2009 nahm er bei sich zu Hause auf. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die unterschiedlichsten Instrumente aus der ganz Welt über das ganze Haus verteilt sind. Die Kora hat er sich aus der malischen Musik abgeschaut und dann Unterricht bei Ballaké Sissoko (einem bekannten Künstler besagter Instrumente) genommen. Auch eine Violine taucht plötzlich mitten im Album in einigen Songs auf.

Dieser Multikulti-Ansatz bleibt allen Songs ganz gleich welcher Qualität eigen - Piers Faccini ist eine gewisse Dosis Alternativmusik. Er selbst bringt es auf den Punkt: „Je mehr du miteinander vermischst, umso besser wird es.“ Dasselbe gilt auch für seine Familie. Seine italienische Frau brachte ihn per VW-Van zurück nach Neapel, in das Land, das ihm seinen Namen vermachte und mit dem er bis heute stark verwurzelt ist. „Ich liebe die traditionelle italienische Folklore aus Süditalien. Sie ist sehr reichhaltig. Eigentlich, mag ich auch die Italiener - mal abgesehen von ihrer Politik.“

Die richtigen Worte finden

Piers Faccini zu beschreiben ist nicht einfach. Man kann ihn weder in die Rock-Schiene stecken noch spielt er großartige Gitarrenriffs. Er sieht den nicht unbedingt glücklichen und manchmal düsteren Dingen des Lebens musikalisch ins Auge. „Meine Songs sind nicht hart. Ich will der Welt begegnen, wie sie ist und den Dämonen gegenüber treten. Mich selbst im Leben verlieren“, fügt er hinzu.

Ausgedrückt hat er diese Melancholie im Lied "My burden is light". Bevor er an seiner Solokarriere arbeitete und in Paris Aufnahmen machte, war Piers Faccini ein Londoner und seit seinem fünften Lebensjahre Mitglied der Charley Marlowe Gruppe. Mit dabei war auch seine beste Freundin, die Dichterin Francesca Beard, deren britischer „Grand Slam“ die kosmopolitische Metropole entzweit hat. Für Piers ist es nicht einfach nur ein Fall vom Schreiben in einer anderen Sprache als Englisch: „Auch wenn ich fließend Englisch und Italienisch spreche. Um Songs schreiben zu können, muss man sie perfekt beherrschen. Es ist eine Kunst, Wörter zu einer Melodie und die richtigen zur richtigen Zeit zu finden.“

Nur für Touren ist Faccini bereit, die Natur für eine Weile zurück zu lassen. „Es ist ein Luxus, sein Album zu Hause aufnehmen zu können. Auf Tour kann ich positive Energie finden und die andere Seite der Welt sehen. In der Stadt treffe ich zudem eine Reihe von Leuten, mit denen ich meine Musik auf der Bühne teilen kann“, gibt er zu. „Jack of all trades, master of none“ [in etwa: Hans Dampf in allen Gassen, aber kein wirklicher Meister in nichts] ist eine Redensart, die ihm als junger Mann zu schaffen gemacht hat. Eine Wendung, die heute zur Geschichte gehört.

Alben von Piers Faccini

• this could be you (2000)• Leave no trace (2004)

• The Streets of London (2005)

• Tearing Sky (2006)

• Two Grains of Sand (2009)

• My Wilderness (2011)