Pierre Notte: Dingsdadinger im Märchenreich

Artikel veröffentlicht am 17. September 2010
Artikel veröffentlicht am 17. September 2010

Schlabberige Froschschenkel und übereifrige Polizisten, traurige Wölfe und ein dicker Ludwig XVI.: Alles nur "bidules trucs"? 

Wenn der französische Theaterregisseur Pierre Notte sein Märchenbuch öffnet, setzt sich das Karussell in Bewegung und nimmt Kinder und Erwachsene auf eine wild verträumte Reise durch seine Zauberwelt mit. Deren fantastische Bewohner stammen nicht nur aus Frankreich, sondern auch aus England, Deutschland, Russland und den USA. Das Theaterstück Bidules trucs vereint sie auf einer Bühne.

Was soll man nur mit einer widerspenstigen Prinzessin anfangen, die sich partout nicht in den sicheren Hafen der Ehe begeben, sondern lieber selbstvergessen Mozart klimpern will? „Ich bin blond und reich und alles andere ist mir egal!“ lässt die Blondgelockte gleich zu Beginn des Theaterstücks verlauten. Doch während sich die Königin noch den Kopf über ihre missratene Tochter zerbricht, hat die sich schon ihren Zukünftigen aus dem Kreise der Frösche erkoren und es sich, nun selbst eine grün glitzernde Fröschin, zwischen Brunnenkresse und Sumpfdotterblumen bequem gemacht. Doch was als liebliches Plädoyer für die Akzeptanz alternativer Lebensentwürfe enden könnte, wird schnell zur Horrorgeschichte, wenn die böse Königin in einem Anfall von Gourmetsucht ihre Tochter samt Angetrauten verschlingt und erst nach langen Kämpfen mit ihren Gedärmen und einem eleganten Erbrechen hinter das Klavier wieder in die Freiheit entlässt.

Die sechs kurzen Geschichten, aus denen sich Pierre Nottes Theaterstück Bidules trucs („Dingsdadinger“; A.d.R.) zusammensetzt, sind also keineswegs bloße Nacherzählungen weichgespülter Volksmärchen, sondern wilde Fabeln, in denen kleine Monster und arme Raubtiere, böswillige Großmütter und fantastische Schreckgespenster ihr Unwesen treiben. Das alles umrahmt von bunten Marionetten, genialen Pianisten und eingängigen Chansons ebenfalls aus der Feder Pierre Nottes. Die Moral von der Geschicht’ ist dabei oft so subtil, dass sie den Kindern im Publikum wohl eher entgehen dürfte. Nicht umsonst also lautet der Untertitel der Bidules trucs „Six contes pour tous“ (Sechs Erzählungen für alle; A.d.R.) und ein Großteil des Publikums, das sich zur Vorpremiere am 4. September im Théâtre de la Bruyère in Paris eingefunden hat, dürfte die Altergrenze von sieben Jahren schon länger überschritten haben. Auch der Autor selbst betont, dass die Bidules trucs, die während seiner Arbeit mit Kindern in Krankenhäusern und Tagesstätten entstanden sind, sich sowohl an Kleine als auch Große richten. Denn Bidules trucs sollen, so Pierre Notte, vor allem dabei helfen, „ein wenig zur Kindheit zurückkehren, um weniger schnell zu altern.“

Ein beherzter Griff in die Märchenkiste Europas

Das Material für sein fantastisches Bestiarium, das ähnlich einer mittelalterlichen Sammlung von Tierdichtungen um sprechende Hasen und singende Frösche kreist, bezieht Pierre Notte dabei aus dem kollektiven europäischen Märchenfundus, der weder Grenzen noch Nationalsprachen kennt: Die meisten Akteure - weise Löwen, garstige Katzen, hungrige Wölfe und lästige Könige - scheinen direkt den Grimm’schen Märchen entsprungen. Doch treten sie nicht in den ursprünglichen Besetzungen wie im Gestiefelten Kater oder Froschkönig auf, sondern lassen sich willig auf eine moderne Neuinterpretation ein. So wird der artige kleine Prinz aus Antoine de Saint-Exupérys Petit Prince beispielsweise zum Retter einer zum Leben erwachten Löwenstatue, der gestiefelte Kater zum faulen Nimmersatt, der seinen Spaß mit einem traurigen Polizisten treibt, und der böse Wolf, der einst Rotkäppchen verschlang, zum Opfer einer kindlichen Gewaltfantasie.

Mit Erik Satie in die SternennachtDer Froschkönig hingegen wird amerikanisiert und tritt wie Kermit von den Muppets als Schlagersänger mit brüchiger Stimme in Aktion. Der Hase Panpan aber, der ebenso dem Disneymärchen Bambi als auch Lewis Carrolls Alice im Wunderland entsprungen sein könnte, wird bei Pierre Notte zum tapsigen Diener von Ludwig dem XVI. und Marie Antoinette, die ihren wütenden Untertanen nur noch milde zulächeln und zu ihren Stricksachen zurückkehren. Wird dann allerdings im vierten Stück, einem stillen Intermezzo zweier Passanten auf dem Klavier, über die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Schwerkraft philosophiert, drängt sich der Vergleich mit den absurden Dialogen eines Samuel Beckett nicht nur dem eingeweihten Betrachter auf. Die beiden Wartenden setzen schließlich zu einem Flug in die Sternennacht an, untermalt von Klängen, die an die Kompositionen des französischen Pianisten Erik Satie erinnern, und lassen alle Fragen offen.

Kindergeschichten mit doppeltem Boden

Doch was so heiter, fröhlich und farbenfroh scheint, endet mit einer gewagten Umdichtung der jahrhundertealten Furcht vor dem bösen Wolf, wie sie schon den kleinen Peter in Sergej Prokofjews musikalischem Märchen Peter und der Wolf umgetrieben hatte. Ob nun im Traum oder der Wirklichkeit, beschließt das Kind der Bidules trucs sich nicht länger einschüchtern zu lassen und verschlingt kurzerhand den Wolf, der sich schon auf sein blutiges Abendessen gefreut hatte. Warum sollte man auch Angst vor einer Märchenfigur haben? Diese dunkle Seite der Kindheit, das Reich der Ängste und Albträume, findet ebenso wie die Sehnsucht nach Glück oder die Freude am Unernsten Eingang in die Bidules trucs und macht sie zu mehr als einem Kindertheater. Für den Regisseur Sylvain Maurice sind die sechs Stücke daher „eine Art Kabarett, in dem die Freude am Spiel und die Tragik der Kindheit, von der wir nie ganz geheilt werden, Hand in Hand gehen.“ Trotzdem kommen Komik und Spaß nicht zu kurz. Und spätestens wenn das Publikum mit Pierre Nottes Chanson Je souris ('Ich lache', A.d.R.) auf den Lippen den Theatersaal verlässt, können sich Frosch und Katze erleichtert zurücklehnen, denn sie haben ihr märchenhaftes Tagwerk zu aller Zufriedenheit getan.

Bidules trucs wird vom Ensemble Les déchargeurs in der Inszenierung von Sylvain Maurice ab dem 18. September 2010 im Pariser Théâtre de la Bruyère gegeben. Preise: Kategorie 1: 14€ (Kind)/18€ (Erwachsene) bzw. Kategorie 2: 10€ (Kind)/14€ (Erwachsene); Gruppentarif: 10€.

Illustrationen: Fotos ©Ifou pour lepolemedia; Video ©lepolediffusion/Youtube