Pick-Up Artists: Männer zwischen Führung und Verführung

Artikel veröffentlicht am 29. November 2012
Artikel veröffentlicht am 29. November 2012
FMAC mit HB nach der 3s Rule? Pick-Up ist nicht etwa – wie oft in Presse und wissenschaftlichen Studien behauptet – eine frauenfeindliche Aufreißtaktik unter (teurer) Anleitung, sondern die Lehre vom erfolgreichen Umgang mit sich selbst und mit Frauen, sagt zumindest unser Autor und Mitglied der PU-Community.

Mann und Frau finden heute kaum mehr zueinander. In europäischen Großstädten gibt es immer mehr Singles. Viel wichtiger aber ist: Die große Mehrheit davon ist (wenn auch oft insgeheim) nicht glücklich mit der Situation und hätte gern einen Partner. Warum das trotzdem nicht funktioniert, dafür gibt es mannigfaltige Erklärungen. Nina Pauer in der Zeit sieht das Problem in der Entwicklung der Geschlechterrollen und berichtet von verunsicherten 'Schmerzensmännern'. Der spirituelle Psychologe Robert Betz sieht das Problem in den Lebensumständen der Menschen. Wieder andere schieben es auf den Feminismus.

Einstieg als PUA

Die PU-Community hat aber ihre eigenen Erklärungen. Auf der Real Man Conference 2010 in Aachen erklärte der Pick-Up-Trainer, der sich selbst Bad Boy nennt: “Das Problem ist die Gesellschaft. Sie nimmt den Leuten ihr Selbstbewusstsein und suggeriert ihnen, sie müssten es sich über teure Markenprodukte erkaufen.“ Auch Pick-Up will verkaufen - daraus machen die Trainer keinen Hehl. Hinter der aus den USA stammenden Methode, Frauen systematisch und nach bestimmten Regeln anzusprechen und zu verführen, steht mittlerweile eine nicht zu unterschätzende Industrie, die diese Weltanschauung in allen möglichen Formaten von Ebooks über Hörbücher und DVDs bis hin zu Wochenend-Kursen anbietet. Es wird Erfolg quasi über Nacht versprochen, Techniken und Sprüche angepriesen, denen sofort verfallen würde. Das ist natürlich Blödsinn, reines Marketing-Gerede.

Der Einstieg für viele ratsuchende Männer ins Thema Pick-Up sind Zauberformeln nach dem Prinzip des FMAC (Find Meet Attract Close), denen die Frauen erliegen sollen. Da wäre zum Beispiel die 3s Rule, eine Regel, nach der Mann nicht länger als 3 Sekunden zögern sollte, um Frau (HB = Hot Babe) anzusprechen. Hilfreich könnte auch die ein oder andere Neg, eine provokative Bemerkung über das Gegenüber, sein, um ein KC (ein Kiss Close), den Abschluss eines Flirts mit Kuss hinzubekommen.

Es sind vorgefertigte Antworten und Verhaltensweisen, lustige Geschichten und Regeln, die man sich von erfolgreichen Männern abgeschaut hat und die man nun nachmachen soll. Das Kennenlernen ist in Phasen aufgebaut und in jeder muss man Wert auf einen bestimmten emotionalen Aspekt legen – verlieben nach System quasi. Eine Regel ist zum Beispiel auch das ‚Push & Pull‘, bei der die Auserwählte sowohl angezogen als auch links liegen gelassen werden soll.

Was PUAs spät und Kritiker nie lernen

Kritiker stellen die PUAs gern als unmoralische, gewissenlose Verführer dar und die PUA-Szene allgemein als Gefahr, denen die Frauenwelt hilflos ausgesetzt sei. Schade, dass kein Bericht sich die Mühe macht, tiefer hinter die Materie zu blicken und alle nur die berühmte Spitze des Eisbergs beschreiben. Das gilt im übrigen nicht nur für die Kritiker, sondern leider auch für positive Berichte.

PU-Anfänger und Journalisten übersehen bei der der Nachahmer-Methode zwei gegensätzliche Punkte. Nummer eins: Sie ist schlicht und einfach nützlich. Das Selbstbewusstsein der Männer ist heute stark in Mitleidenschaft gezogen. Wer traut sich schon noch auf offener Straße eine Frau anzusprechen, die ihm gefällt? Pick-Up hilft durch das ständige Kennenlernen neuer Menschen, Social-Skills konstant zu verbessern. Außerdem ist ein cleverer, auswendig gelernter erster Satz manchmal ein schönerer Gesprächseinstieg als “Na, auch hier?“ Der zweite Punkt ist aber: Das Ganze ist eine Sackgasse.

Sich selbst lieben als oberste Priorität? Das klingt erstmal egoistisch, doch erklärte der Psychologe Robert Betz: „Was wär das bloß für eine Welt, in der sich jeder um sich selbst kümmert? Eine tolle! Wenn sich jeder gut um sich selbst kümmert, geht es jedem gut! Noch besser sogar, weil man dann nicht manipulativ versucht sich etwas von anderen zu erschleichen, sondern frei aus sich heraus Anderen Gutes tut.“

Selbstbewusstsein oder Sackgasse?

Flirt-Coach Maximilian Pütz (Der perfekte Eroberer - Wie Sie garantiert jede Frau verführen) beschreibt das Problem so: “Es ist ein bisschen wie beim Hausbau. Viele Anfänger und PU-Lehrer versuchen mit der Methode ein solides Haus auf Matsch zu bauen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.“ Tatsächlich landen viele Anfänger nach gewisser Zeit in einer Sackgasse. In den Foren schildern sie, wie sie mit den auswendig gelernten Inhalten keinen Erfolg (mehr) haben oder immer wieder auf Situation stoßen, in denen sie nicht weiter wissen. Denn Frauen haben ein besonders feines Gespür für Inkongruenz - wenn das Gesagte nicht mit dem Verhalten übereinstimmt. Es ist an der Zeit sich nicht länger zu verstecken, sondern endlich harte Arbeit zu investieren und selbstbewusst zu werden.

Die Persönlichkeitsentwicklung nimmt in der PU-Literatur einen geringen Teil ein und wird wohl darum fast immer übersehen. Trotzdem ist sie bei weitem das Wichtigste beim Pick-Up, holt Mann aus seiner Komfort-Zone und gibt den oft missverstandenen Ratschlag, sich selbst respektieren und lieben zu lernen. PUAs lassen zudem auch die Körperlichkeit nicht vermissen, deren Abstinenz das Bild der Schmerzensmänner definiert.

Das „Flirten mit Krücken“ lohnt sich also: Beschwert sich am Münchner Stachus eine Frau darüber, dass man heute schon der Dritte sei, der fragt ‚ob nun Männer oder Frauen mehr lügen‘ (eine Pick-Up Formel), muss man nicht gleich die Flucht ergreifen. Man kann lachen und ihr sagen: “Das macht nichts. Ich hab mich sowieso schon gewundert, dass den Spruch bisher noch keine Frau kannte. Jetzt bin ich beruhigt. Sag mal, wie heißt du?“

Illustrationen: (cc)Bugsy Sailor/flickr; Im Text (cc)Tempus Volat/flickr; Video Bad Boy (cc)PsychoPuabase/YouTube