Philosophie-Studenten: Mit Kant in die Finanzwelt

Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2010
Artikel veröffentlicht am 1. Oktober 2010
Der Prototyp des Philosophie-Studenten lebt auf dem Mond. In einer Welt der Finanzen und des Marketing scheint er ein Fremdkörper zu sein. In Wirklichkeit haben wir es jedoch mit einem verängstigten, jungen Menschen zu tun, dessen Zukunft die Krise scheinbar verbaut hat, und der sich wahrscheinlich immer wieder fragt, ob ihm Sokrates und Aristoteles noch irgendwie weiterhelfen können.
So hoffnungslos ist es für die Geisteswissenschaftler allerdings doch nicht. Einige ehemalige Studenten haben den Schritt auf den Arbeitsmarkt geschafft. Ob als Verkäufer, Politiker oder Manager, europäische Philosophie-Absolventen beweisen, dass das Bild vom „armen Philosophen“ nicht der Realität entsprechen muss.

Es ist nicht einfach, wenn das Herz für die Philosophie schlägt, die entmenschlichte Welt um einen herum aber so sehr von Leistungsdruck und Ergebnisorientierung bestimmt wird, dass Arbeit schon manchen Menschen in den Suizid getrieben hat. Dennoch gibt es viele idealistische Studenten, die sich der Philosophie mit Leib und Seele widmen und glauben, dass sich mit dem Wissen über Ethik, Vernunft und Dialektik ein Job finden lässt.

Kritik der reinen Vernunft? Nicht ganz...

Auf die spanische Philosophie-Absolventin Victoria wartete nach ihrem Studium nicht das gelobte Land. „Meistens endet der Weg dort. Es ist keine einfache Situation, mit diesem Studium in die Arbeitswelt geworfen zu werden. In den meisten Fällen hat der Job, den man findet, nicht das Geringste damit zu tun, was man die letzten fünf Jahre studiert hat.“ Die junge Frau entschloss sich, ihr Glück in Frankreich zu versuchen - und zwar als Mode-Verkäuferin. „Ich hatte schon nach drei Tagen das erste Vorstellungsgespräch und nach weniger als zwei Wochen arbeitete ich in einer Markenboutique in einem Einkaufszentrum. Zwei Monate später habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieben und verdiene seitdem bei einer 35-Stunden-Woche (im Gegensatz zur spanischen 40-Stunden-Woche) das Doppelte von dem, was ich mit demselben Posten in Spanien verdienen würde.“ Victoria gibt zu, dass sie nicht mit einem Lächeln im Gesicht zur Arbeit geht. Aber immerhin kann sie mit ihrem Job ihr tägliches Brot verdienen. Ob ihr Metaphysik und die antiken Philosophen dabei helfen, Hemden zusammenzulegen, ist eine andere Frage.

Die Stellen, die den Absolventen angeboten werden, stehen im starken Gegensatz zu dem, worauf sie das Universitätsstudium vorbereitet - die Ideen des Existenzialismus oder die Konzepte von Vernunft und Freiheit spielen dort keine Rolle. In Frankreich wurden im Namen der Diversität neue Konzepte entwickelt, um lange, Marketing-ferne Studiengänge der Arbeitswelt anzunähern. So bietet das französische Programm Opération Phénix Universitätsabsolventen seit 2007 die Möglichkeit, sich bei Unternehmen wie Coca-Cola, Danone, HSBC oder L’Oréal für Stellen im Personalwesen oder im Management zu bewerben. Auch wenn Victoria ein bisschen meckert, andere nehmen diese Chance mit Begeisterung war.

Geister in die Wirtschaft

Auf der Webseite des Programms sind viele euphorische Berichte zu lesen, in denen die Studenten betonen, dass die Fähigkeiten, die sie in ihrem Studium erworben haben, nicht umsonst sind: „Meine Arbeit besteht darin, Kreditanträge zu bearbeiten (...). Das scheint von meinem Philosophie-Studium sehr weit entfernt zu sein. Dennoch helfen mir die Qualifikationen, die ich während meines Studiums entwickelt habe - Kommunikations- und Argumentationsfähigkeiten sowie Denkstrategien - jeden Tag weiter“, begeistert sich Cristina. Gestern noch war sie Master-Studentin an der Universität Paris 1, heute ist sie Analystin bei der französischen Bank Société Générale und arbeitet in der Kreditvergabe an kleine und mittelständische Unternehmen. Sie ist nicht die einzige, die ihre Umorientierung zu schätzen weiß. Nach ihrem fünfjährigen Philosophie-Studium an der Universität Paris II arbeitet Catherine jetzt als Managerin bei HSBC. Damit widerlegt sie das Vorurteil, dass sich Geisteswissenschaften und Finanzen nicht miteinander vereinbaren lassen. „Ich habe eine rein geisteswissenschaftliche Ausbildung. Ich wollte Lehrerin werden. Aber ich habe beschlossen, dass ich mit 23 Jahren den Sprung ins kalte Wasser wagen würde. Ich habe mich ausschließlich bei HSBC beworben, da ich bei einer Bank arbeiten wollte. Ich glaube, dass das ein guter Einstieg in die Wirtschaft ist. Und ich habe schnell den Fuß in die Tür bekommen.“

Hakuna Matata, keine Sorge!

Die Theorie, dass Geisteswissenschaften und Marketing-Berufe nicht zusammenpassen, widerlegt auch das britische Modell. In Großbritannien stellt sich die Frage nach der Verbindung von Studium und Berufsleben für Philosophie-Studenten nicht. Philosophie ist dort ein übliches Studienfach, ein Philosophie-Studium gilt als nützlich und wird von Arbeitgebern geschätzt. An der britischen Polit-Prominenz lässt sich das leicht ablesen: David Cameron (Konservativ), Danny Alexander (LibDem)und David Miliband (Labour) sind alle Oxford-Absolventen mit einem Abschluss in PPE (Politics, Philosophy and Economics). Die zukünftige Philosophie-Doktorin Emilie bestätigt das und macht sich keine Sorgen über ihre Zukunft: „Ich denke daran, was mich in der Arbeitswelt erwarten wird. Business Consulting, Ethikkommissionen, „Think Tanks“, Human Ressources, humanitäre Arbeit, internationale Institutionen, Journalismus: das sind alles Bereiche, in denen Philosophie-Absolventen arbeiten. Ich habe also viele Optionen, die mich alle reizen und auf die ich mich bei meiner Stellensuche konzentrieren werde.“ Ein Leben ohne Zukunftsängste ist also auch möglich. Nur eine Frage der eigenen Philosophie.

Illustrationen: (cc)Jukebox909/flickr; Eichhörnchen Padumbumpsh/flickr; Video: (cc)Studyrama/YouTube