Pharmakonzerne: Die neuen Staaten

Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2004
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Artikel veröffentlicht am 24. Februar 2004

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Die Geldgier der Pharmakonzerne bedroht die staatliche Sicherheit. Die Multinationalen haben die Wahl: Moral oder Geld.

Die Staaten sind nicht die einzigen Spieler auf der zunehmend globalisierten Weltbühne. Wie der Nachhaltigkeitsgipfel in Johannesburg klar gemacht hat, haben die multinationalen Firmen eine fundamentale Rolle in den internationalen Beziehungen. Das ist insbesondere bei Pharmafirmen der Fall.

Wenn wir an staatliche Sicherheit denken, haben wir zunächst das Militär vor Augen. Es gibt jedoch Situationen, in denen uns diese Kräfte keinen Schutz bieten können, es gibt Aspekte, die sich ihrer Kontrolle entziehen – nicht jedoch der von bestimmten „Global Players“. Wir sprechen über Epidemien und Infektionskrankheiten, die unleugbar die nationale und internationale Sicherheit bedrohen (wie Butros Butros Ghali in seiner „Friedensagenda“ feststellte) und über die großen Pharmakonzerne, die auf den Patenten sitzen und sich (ohne „vernünftige“ Preise) weigern, einzuschreiten.

Diktatur der Patente

In Europa nimmt das Problem nicht die erschreckenden Ausmaße an wie in der „Dritten Welt“. Dort untergräbt die Finanzschwäche der Staaten oft die Sicherheit, vor allem im Hinblick auf Krankheiten wie AIDS oder Lepra angeht. Gleichzeitig stiegen die Profite der großen Pharmamultis – Bayer (Deutschland), Merck und Pfizer (USA), Roche (Schweiz) und Glaxo (Großbritannien) – 517 Mrd. Dollar in 2002.

Unsere Gesundheitssysteme kämpfen gerade mit der Pharmaindustrie mit dem Ziel, günstige Nachahmerprodukte zu herstellen zu dürfen um die Kosten zu senken. In Ländern wie Namibia, das zu den reicheren des südlichen Afrika gehört, steigt die Zahl der AIDS-Fälle stetig. Obwohl die Pharmafirmen ihre patentierten Produkte bereits zu sehr reduzierten Preisen anbieten, sind sie immer noch zu teuer für die Bevölkerung des Landes. Solange die Patente existieren ist es unmöglich, anti-retrovirale Medikamente zu einem Preis herzustellen, den die Mehrheit der Bevölkerung der betroffenen Länder bezahlen kann. In Afrika gibt es 24,5 Millionen HIV-Positive, das sind 71% der weltweit Infizierten. Sie sehen sich selbst als Opfer einer doppelten Tyrannei: Einerseits wollen die Pharmakonzerne auf keinen Fall ihre Gewinne opfern, andererseits nimmt der illegale Handel mit Nachahmerprodukten zu. Schmuggelringe in der dritten Welt verkaufen immer mehr sogenannte „Arzneien“: Zuckergefüllte Kapseln, die angeblich bei Kindern Fieber senken oder Schmerzen lindern sollen, und die in vielen Fällen tödlich sind für die, die sie schlucken, im glauben sie seien echt.

Moral oder Geld?

Nach den Worten des Direktors der Weltgesundheitsorganisation sind „Gesundheit und das Recht auf Eigentum unvereinbar“. Einer der krassesten Fälle ist die deutsche Firma Bayer, deren Profite unter den höchsten in der Welt sind (25 Tochterfirmen teilen sich 50% des gesamten Medikamentenmarkts, ein Prozentsatz, der in den gewinnträchtigsten Sektoren auf bis zu 80% steigt). Als Firma, die sich der nachhaltiger Entwicklung verpflichtet fühlt, führt Bayer Antirassismus- und Wideraufbauprogramme durch und unterstützt Klima- und Umweltschutzprojekte. Aber seltsamerweise gibt es keine Programme zur Arzneiversorgung Bedürftiger. Schließlich ist gerade die Herstellung dieser Medikamente die Grundlage des Bayer-Geschäfts. Bayer wurde in den 80er Jahren beschuldigt, unsichere Medikamente in Dritt-Welt-Ländern zu verkaufen, während in Europa und den USA bereits Weiterentwicklungen angeboten wurden. Allein in Hongkong und Taiwan infizierten sich über 100 Bluter mit HIV über kontaminierte Medikamente (Faktor VII). Nach jahrelangen Gerichtsstreitigkeiten musste Bayer schliesslich 600 Millionen Dollar an die Opfer zahlen.

Grundsätzlich will die „Dritte Welt“ einfach einen besseren Deal. TRIPS, das internationale Abkommen über Patentrecht, garantiert 20 Jahre Patentschutz für Medikamente. Die Doha-Konferenz forderte die Änderung, oder zumindest die Lockerung dieses Vertrags. Während ältere Medikamente patentfrei sind, werden neue Arzneien geschützt und sind damit in Entwicklungsländern – und auch in Industriestaaten – unbezahlbar geworden. Nach dem 11. September 2001 drohte die US-Regierung damit, das patentierte Medikament Cipro, ein Milzbrandantibiotikum, selbst zu produzieren, da der Preis, den Bayer wollte zu teuer war. Schließlich einigte man sich auf einen geringeren Preis, wobei eine Tablette den Kunden immer noch 4 Dollar kostet. Für den amerikanischen Geldbeutel sind vier Dollar nicht viel, aber wenn wir dieses Beispiel auf Kuba übertragen (wo der Durchschnittslohn zehn Dollar betragt) sprechen wir nahezu von einem halben Gehalt.

Dennoch hören wir immer dieselben, abgedroschenen Worte, diesmal aus dem Mund von Harvey Bale, dem Generaldirektor des Internationalen Bunds der Verbände der Arzneihersteller:“ Wir brauchen diesen Schutz des geistigen Eigentums auf der ganzen Welt. Nicht notwendigerweise in allen armen Ländern der Erde, (…) aber in Entwicklungsländern und Industrieländern ist diese Art des Patentschutzes unerlässlich für die Industrie.“