Petr Zelenka: „Kundera ist ein Idiot“

Artikel veröffentlicht am 27. April 2007
Artikel veröffentlicht am 27. April 2007

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Kein tschechischer Regisseur und Drehbuchautor hat so viele Filmpreise gewonnen wie Petr Zelenka. Ein Gespräch über Einsamkeit, Traurigkeit und die europäische Identität.

Zum Film kam Zelenka schon früh, denn seine Eltern arbeiteten für das tschechische Fernsehen. Er schwankte damals zwischen Mathematik und Drehbuchschreiben. Seine Liebe zum Film siegte und Zelenka wurde Student an der berühmten Prager Filmhochschule FAMU. Für seine Arbeit hat er zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten. Derzeit plant er eine zeitgenössische Verfilmung des Romans „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewski.

Die Traurigkeit der Welt

Wir treffen den 40jährigen Regisseur im La Casa Bl, einem beliebten Klub in Warschau. Hier spielt auch Samotari („Die Einzelgänger“), einem Film, zu dem Zelenka das Drehbuch verfasst hat. Da müssen wir natürlich nach der Geschichte zu Samotari fragen. Eigentlich hätte es nur ein filmisches Porträt von Zelenkas Freunden werden sollen. Doch dann hatte der Film unerwartet in ganz Europa großen Erfolg.

Ist denn die Einsamkeit typisch für die junge Generation der Tschechen? „Nein, die Einsamkeit ist typisch für die Europäer“, antwortet Zelenka. „Ich habe gelesen, dass sich in Bangladesh 85 Prozent der Menschen für glücklich halten, während in Deutschland nur 35 Prozent der Menschen glücklich sind. Ich denke, dass unsere Fähigkeit, egal was zu verändern, die Vergänglichkeit ist. Ich glaube nicht an starke Charaktere, die die Welt verändern können. Ddeshalb sind meine Helden der Welt gegenüber gleichgültig.“

Das beste Beispiel für einen solchen Held ist Jakob aus dem Film Samotari. Er ist marihuanaabhängig und fragt sich, während die tschechische Hymne gespielt wird: „Verdammt, woher kenne ich denn noch mal dieses Stück?“. Die „Einzelgänger“ müssten im Film noch viel trauriger sein, als sie es ohnehin schon sind – der Regisseur David Ondricek hat viel am Drehbuch verändert und zeigt die sieben Charaktere des Films viel lebendiger als sie es laut Drehbuch sein müssten.

Woher kommt denn dann so viel Traurigkeit? „Irgendwie ist allein schon das Nachdenken über das Leben traurig. Es sind die Dinge, die Menschen nie erreichen können: Beziehungen, Menschen nach denen du dich sehnst und die sterben, bevor du Gelegenheit hast, sie richtig kennen zu lernen, oder auch das Abschiednehmen an sich. All dies macht den Menschen traurig, und wir Menschen haben die Tendenz genau über diese Dinge nachzugrübeln. Daher rührt die Traurigkeit der Welt.“

Die Helden der Tragikkomödie Knoflíkári („Die Knöpfler“) ringen nicht mit ihrer Einsamkeit, sondern mit ganz unterschiedlichen Phobien. Wie kam Zelenka zu so einer Idee? „Das ist eine Spielerei. Die Zuschauer erinnern sich später an die Filmhelden und deren unterschiedliche Phobien, die im Film dargestellt werden. Manchmal treffe ich merkwürdige Menschen, manchmal denke ich mir die Charaktere auch selber aus. Den Held mit dem Knopf zum Beispiel habe ich erfunden. Aber der Typ mit der Sprayphobie ist eine echte Person. Ich kenne einen Menschen, der 30 verschiedene Sprays, Deodorants oder Parfüms besitzt – jedes für einen anderen Körperteil oder passend zu einer bestimmten Garderobe. Er hat alle diese Sprays in einem kleinen Köfferchen bei sich und alle paar Augenblicke sprüht er etwas auf seine Haare, Schuhe oder in die Luft – natürlich mit der Folge, dass ihn ein furchtbarer Gestanks umgibt.“

Nach Polen statt nach England

Petr Zelenka ist voller Widersprüche. Während er über die Traurigkeit spricht, lächelt er die ganze Zeit. Das macht es schwer zu beurteilen, ob er das Gesagte ernst meint, oder ob das ganze Interview womöglich sein neuester surrealistischer Scherz ist. Wir bestellen den nächsten Kaffee und wechseln das Thema. Petr arbeitet seit kurzem Zeit an einem neuen Projekt in Krakau.

„Das Stück entsteht speziell für das Stary Teatr in Krakau“, erzählt er. „Dort soll es exklusiv nur zweimal innerhalb von 18 Monaten aufgeführt werden. Wir bauen also nur zwei Mal alles auf – einmal im Mai und dann noch einmal im Oktober. Ich ziehe nach Krakau, um polnisch zu lernen und um mich mit den Schauspielern verständigen zu können. Nicht alle sprechen Englisch und ich möchte auch die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch haben. Über einen Dolmetscher ist das unmöglich.“

Aber eine neue Sprache lernen, nur um ein Theaterstück aufzuführen? Warum nicht. Zelenka sieht der Chance, im westlichen Ausland zu arbeiten, sehr gelassen entgegen. „Ich wollte in England arbeiten, aber es wurde nichts daraus. Die Briten haben eine sehr hermetische Gesellschaft. Ich denke, dass auch die Franzosen so sind. Ich war so frustriert, und gerade zu diesem Zeitpunkt hat sich Polen vor mir aufgetan. Es gibt keine logische Erklärung hierfür, es hat sich einfach so ergeben. Aber das Leben ist von Natur aus unlogisch, also bin ich diesem unlogischen Pfad gefolgt und suche ich jetzt mein Glück in Polen.“

Man sieht Zelenka an, dass er sich viel von seinem Umzug zu den nördlichen Nachbarn Tschechiens verspricht. „Krakau ist ein echter Wendepunkt in meinem Leben. Auch Krakau war ja Teil der Österreich-Ungarischen Monarchie, und Prag ist in mancher Hinsicht ähnlich, nur eben viel kleiner. Die Atmosphäre in Krakau finde ich einfach wunderbar.“

Trotz seiner Begeisterung für Krakau bleibt Petrs Liebe zu seiner Heimatstadt Prag nicht verborgen. „Im Vergleich zu anderen großen Städten ist Prag ein Paradies. Die beste Zeit in Prag war Anfang der 1990er Jahre, als viele Amerikaner hierher kamen. Das war Wahnsinn. Die Gebäude wurden renoviert, es entstanden neue Klubs. Leider hat alles seinen Preis: die Stadt hat viel von ihrem Charme verloren, obwohl man hier immer noch leben kann. Prag ist ruhig, günstig und hat den allerbesten öffentlichen Nahverkehr auf der Welt. Kurz gesagt, es gibt hier alles, was ein Schriftsteller braucht.“ Auf die Frage nach den Nachteilen Prags meint er ironisch: „Die Obdachlosen. Es gibt einen Film von Abel Ferrara mit dem Titel Driller killer, in dem ein Mann einen Obdachlosen mit einer Drillmaschine erledigt. Diese Option könnte man auch auf unseren Straßen einführen, aber unsere Regierung ist dafür wohl zu weich.“

„Kundera stiehlt Ideen“

Zelenka wird oft mit anderen tschechischen Literaturgrößen wie Hrabal oder Kundera verglichen, obwohl er mit diesem Vergleich überhaupt nicht einverstanden ist. „Ich bin der Ansicht, dass es lächerlich ist, mich mit Hrabal zu vergleichen, denn Hrabal war so ein phänomenal guter Schriftsteller, dass ich nicht weiß, ob sich jemals irgendjemand mit ihm messen sollte. Kundera dagegen...Wissen Sie, ich mag ihn nicht... – Während eines Treffens im Warschauer Theaterinstitut haben Sie ihn einen„Idioten“ genannt. „Ja, und danach habe ich versucht ‚Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins’ zu lesen und ich habe es einfach nicht geschafft. Dann habe ich behauptet, dass er doch ein Idiot ist. Er stiehlt Ideen von anderen Autoren, zitiert sich zu oft selbst und ist vor allem ein schlechter Schriftsteller. Ist das denn nicht offensichtlich?! – ein Ausdruck von Ekel und Widerwillen zeigt sich auf seinem Gesicht. „Kunderas Bücher sind technisch gut geschrieben. Er weiß, wie man verschiedene Dinge geistreich aneinander reiht. Und man kann Vieles über ihn sagen, aber nicht, dass er ehrlich sei.“

Zelenka äußert sich auch kritisch über die Erben der „Samtenen Revolution“: „Das Problem der tschechischen Intellektuellen ist, dass sie nicht wirklich intelligent ist. Ich erinnere mich, das es in den 1970er Jahren unter gebildeten Menschen eine Mode gab, vulgär zu sprechen. Warum? Das wusste keiner. Ich glaube, das war etwas sehr tschechisches, eine Selbstverunglimpfung durch die Sprache.“

Und die junge Generation? „Sie weiß genau, was sie will, und will es einfach. Sie ist gar nicht romantisch. Romantik heißt ja nicht nur ein Ausflug in die Berge. Du kannst wie ein Hund leben, weil dein Lieblingsromanheld auch so gelebt hat. Das Finden von etwas Schönem in der schrecklichen Welt des Kommunismus kann ebenfalls sehr romantisch sein. Allerdings ist dies eine Romantik, die die junge Generation nicht akzeptiert.“

Nach seiner Meinung zu Europa gefragt, sagt er, dass er sich nicht als Europäer fühlt. „Meiner Ansicht nach ist Europa bislang einzig eine Frage des Geld, transeuropäischer Polizeiarbeit und weiteren europäischen Programmen. Ich fühle mich überhaupt nicht als Europäer, weil ich nicht so erzogen worden bin, und sich solch ein Bewusstsein nur in der Kindheit herausbilden kann. Es ist nicht möglich, das später einfach zu erlernen.“