Persepolis – Revolution und Revolte

Artikel veröffentlicht am 28. November 2007
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Artikel veröffentlicht am 28. November 2007
Voller Ironie und Witz gelingt es Marjane Satrapi in „Persepolis“, ein Bild der islamischen Revolution zu zeichnen, das zwar schwarz-weiß aber keineswegs einseitig ist. Sie verweigert sich einer Einteilung in Gut und Böse und zeigt lieber, wie es Menschen trotz Repression und Gewalt gelingt, ihr Lachen zu bewahren.

Revolutionäre Demonstranten - Credit to: CMIEWenn man in Frankreich auf den Iran zu sprechen kommt, ist nicht selten die erste Frage, ob man „Persepolis“ kenne. Hierzulande war Marjane Satrapis Werk bisher nur einer Minderheit bekannt, doch nach der großartigen Verfilmung ihrer Comics kann man hoffen, dass auch hier in Zukunft beim Iran als erstes „Persepolis“ in den Sinn kommt. Denn Satrapi ist es gelungen, nicht nur der Erinnerung an ihre eigene Kindheit und Jugend Form zu geben, sondern zugleich die Geschichte ihres Landes in bewegenden Bildern aufzuzeichnen. So schwarz-weiß ihre Zeichnungen, so differenziert ist ihre Bild einer Revolution, deren Hoffnung auf Freiheit allzu bald in Gewalt untergegangen ist.

Die Unterdrückung der politischen Opposition, die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens, die Verfolgung jeder abweichenden Meinung wird ebenso gezeigt wie die anhaltende Rebellion gegen die Moral und die unablässige Suche nach Freiheit, um einen Rest Lebensfreude zu bewahren. In einer Zeit, wo Musikplatten nur auf dem Schwarzmarkt zu kaufen waren, Lederjacken zur Verhaftung führen konnten und Schminke Ärger mit den Moralwächtern einbrachte, gelang es der Jugend dennoch, ein Stück Leben zu bewahren.

Die Hand im Schutt

Schallplatten auf dem Schwarzmarkt - Credit to: CMIEDoch dann begann der Krieg, und in Bomben und Blut zerbrach auch der letzte Rest Normalität. Nächtliche Bombenangriffe, zerschossene Straßenzüge, zermürbende Wartezeiten in Luftschutzkellern. Das Bild der Hand, die als einziges noch aus dem Schutt hervorragt, prägt sich dem Zuschauer ebenso ein wie der jungen Marjane. Die Hinrichtung der jungen Kommunistin wird abgeblendet, die Ermordung der politischen Gefangenen nur angedeutet, und doch könnte der Terror kaum deutlicher sein.

Da ist der Onkel, der als Kommunist bereits unter dem Shah im Gefängnis saß und kurz nach der Revolution erneut verhaftet wird. Da ist der Nachbarsjunge, der mit einem Schlüssel zum Paradies in den Krieg geschickt werden soll, um den Märtyrertod zu sterben. Da ist der Bekannte, der für eine Operation dringend ins Ausland muss, aber ohne Pass dem desolaten Gesundheitssystem ausgeliefert bleibt. Als Marjane nach einer kritischen Bemerkung von der Schule verwiesen wird, beschließen ihre Eltern, sie ins Ausland zu schicken.

Holzschnitte voller Heiterkeit

Der Schlüssel zum Paradies - Credit to: CMIESatrapi ist es gelungen die puristische Graphik ihrer holzschnittartigen Bilder in einen sehr lebendigen Film zu verwandeln, in dem sie mit Stilformen und Erzählstilen spielt, zwischen Alltagsszenen und kurzen Zusammenfassungen wechselt. So ernst die Geschichte, so heiter sind die Bilder, in denen Satrapi sie erzählt. Niemals verliert sie ihre Ironie und ihren Humor. Allein er hilft Marjane, die täglichen Schikanen und Demütigungen zu ertragen. Und mit ihr muss auch der Zuschauer lachen.

Für Marjane beginnt in Wien ein neuer Lebensabschnitt. Als Fremde findet sie unter den Außenseitern ihrer Schule neue Freunde, doch immer wieder wird sie auf ihre Andersartigkeit zurückgeworfen. Um den erstaunten Blicken und immergleichen Fragen zu entgehen, behauptet sie schließlich, Französin zu sein. Es ist ein anderer Kampf als in Teheran, doch auch in Wien kämpft sie – gegen die Fremdheit, die Einsamkeit, die Isolation. Als sie schließlich auf der Straße landet, wird es zu einem Kampf ums Überleben.

Krise aus Liebenskummer

Es ist bezeichnend, dass Marjane nicht wegen dem Moralterror sondern wegen Liebeskummer in ihre tiefste Krise stürzt. Nicht nur hier überlagern die Probleme des Heranwachsens den politischen Konflikt. Es geht Satrapi in „Persepolis“ nicht darum, Anklage zu erheben. So unmenschlich das Regime, so menschlich bleiben doch seine Vertreter. So lässt der junge Soldat bei der Erinnerung an seine eigene Mutter Marjanes Familie ziehen. Und der bärtige Wächter verzichtet gegen eine Handvoll Scheine doch noch einmal auf die Kontrolle.

In einer Zeit, da die Auseinandersetzung um das Atomprogramm und die Provokationen des Präsidenten das Bild des Iran beherrschen, verdeutlicht Satrapis Film, dass sich der wahre Konflikt und die wahre Tragödie noch immer im Iran selbst abspielen. Die Autorin, die seit langen Jahren in Paris lebt, verweigert sich einer klaren Einteilung in Schwarz und Weiß. Stattdessen zeigt sie ein Land, das die eigene Gesellschaft unterdrückt, und dennoch Lebensfreude und Freiheitsliebe bewahrt hat.