Percujam: „Autisten, aber vor allem Künstler“

Artikel veröffentlicht am 5. April 2016
Artikel veröffentlicht am 5. April 2016

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Es heißt, dass die Musik den Geist beruhigt. Percujam hat eine andere Art von Einfluss entdeckt: Unterschiede verschwinden zu lassen, indem Autisten mit ihren Betreuern gemeinsam Musik machen. Ein Treffen mit einer ungewöhnlichen Band.

Die Schläge des Schlagzeugs verhallen. Die Gitarre und das Klavier verbinden die Akkorde. Der Chor klatscht in die Hände. Der Sänger richtet sein Mikro in die begeisterte Masse vor der Bühne. Auf den ersten Blick scheint dies eine vollkommen gewöhnliche Band zu sein, die da auf der Bühne des Chorus-Festivals auftritt. Ganz gewöhnlich, bis auf die Tatsache, dass acht der vierzehn Mitglieder von Percujam autistisch sind. Seit 17 Jahren macht diese illustre Truppe Musik - zum eigenen Vergnügen, aber auch für das von anderen. Mit ihren drei Alben haben sie viele französische Künstler beeindruckt: Tryo, deren Vorgruppe sie waren; Calogéro, mit dem sie einen Videoclip gedreht haben; aber auch -M- oder den Slammer Grand Corps Malade.

Gerade runter von der Bühne und am Vorabend des nächsten großen Konzerts im Olympia in Paris haben zwei Mitglieder von Percujam uns auf dieses verrückte Abenteuer begleitet. Ein Interview mit dem autistischen Künstler Raphaël und Laurent, dem Erfinder dieses „heiteren Chaos“.

Cafébabel: Wie fühlt ihr euch nach so einem Konzert?

Raphaël: Es ist genial. Es ist toll, selbst Spaß zu haben und dieses Glück an andere weiterzugeben. Manchmal habe ich vor einem Konzert Angst, aber dann, wenn ich auf der Bühne stehe habe ich keine Angst mehr, dann bin ich glücklich. Man sieht die Menschen, die da sind. Das ist für uns eine Ehre und macht uns stolz.

Ich glaube wir haben heute ein sehr gutes Konzert gespielt. Viele Leute sind danach zu uns gekommen, um uns zu beglückwünschen und uns Mut zu machen. Es ist so bewegend das zu sehen. Wir arbeiten zurzeit viel, weil wir am Montag im Olympia spielen werden. Was für ein Privileg! Es gibt Leute, die das schon gemacht haben, aber für mich wird es das erste Mal sein und ich muss zugeben, dass ich ein bisschen Angst davor habe…

Laurent: Aber das wird schon!

Raphaël: Ja, das wird klappen! Ich weiß nicht, ob du das auch so siehst, aber für mich ist das schon eine besondere Ehre.

Laurent: Natürlich.

Cafébabel: Hattet ihr eine solche Begeisterung erwartet?

Laurent: Wir haben es nicht wirklich darauf angelegt, dass es so kommt. Das heißt wir haben jeden Spaß mitgenommen, wo er sich uns geboten hat. Und der Erfolg hat sich nicht in zwei Sekunden eingestellt, wir sind step by step vorangekommen. Anfangs brauchten wir wegen des Autismus viel Zeit um uns kennenzulernen. Dann wurde die Musik zum gemeinsamen Nenner. Nach und nach hat sich ein Einklang zwischen uns entwickelt bis sich dann Menschen fanden, die ein wenig verrückt waren und uns folgten.

Cafébabel: Könntet ihr noch etwas über die Entstehung des Projekts erzählen?

Laurent: Ich habe Percujam 1999 in einer Einrichtung für junge Autisten gegründet, die von Madame Allier geleitet wurde, über die ich ein Lied geschrieben habe. Am Anfang waren es vier Jugendliche und drei Betreuer. Jedes Mal wenn ein Jugendlicher, der Musik machte, in der Einrichtung ankam, haben wir ihn und einen Betreuer in die Band aufgenommen. So sind wir zu dieser Konstellation gelangt: acht Jugendliche und sechs Betreuer. Wenn die Jugendlichen älter werden, werden sie in Strukturen für autistische Erwachsene untergebracht. Wir wollten nicht, dass sie Perlen auffädeln müssten, nachdem sie neun Jahre lang Musik gemacht hatten. Also haben wir etwas Verrücktes gewagt und Alternote, eine Institution für autistische Musiker, gegründet.

Cafébabel: Und heute widmen sich die Jugendlichen ausschließlich der Musik?

Laurent: Nein. Grundsätzlich sind das Jugendliche, die per Definition nicht unbedingt viele Dinge mögen. Autismus, das bedeutet etwas verschlossen und in sich gekehrt zu sein. Ich glaube, durch die Musik haben wir die richtigen Knöpfe bei ihnen gedrückt, sodass sie sich auch anderen Dingen geöffnet haben. Und heute machen sie viele andere Aktivitäten.

Raphaël: Ja, wir arbeiten beim Papotin (einem Magazin von Autisten, Anm. d. Red.). Wir interviewen Prominente, wie Matthieu Chedid, Rafael Mezrahi, Jacques Attali, Marc Lavoine oder Anne Hildago.

Laurent: Und du machst auch Sport!

Raphaël: Ich habe Judo gemacht, musste damit aber wegen eines Unfalls aufhören. Dabei hatte ich den orange-grünen Gürtel. Ich habe auch Leichtathletik gemacht und Medaillen im Weitsprung und 100m-Sprint gewonnen. Außerdem male ich.

Cafébabel: Und was gefällt dir an der Musik?

Raphaël: Dass sie nicht traurig ist. Ich mag gerne fröhliche und energiegeladene Musik, in der sich aber trotzdem ein bisschen Gefühl wiederfindet.

Cafébabel: Gibt es Sänger, die dich besonders berühren?

Raphaël: NTM! Ich mag besonders Underground Rap… Den Wu Tang Clan, IAM. Was Rock angeht: Téléphone, Noir Désir…

Cafébabel: Also Bands mit eher starken Texten…

Raphaël: Ja, mit engagierten Texten. Im Reggae ist da auch Bob Marley. Er ist der Populärste dieses Genres, aber es gibt auch viele andere Gruppen, wie Burning Spear oder Peter Tosh. Nicht wenige Rastafaris haben mich geprägt. Aber ich mag auch gerne neuere Sachen! Eigentlich mag ich alle Stile und es tut mir immer gut Musik zu hören.

Cafébabel: Und auch Musik zu machen?

Raphaël: Ja, natürlich; das liebe ich!

Cafébabel: Was ist deine Position in der Band?

Raphaël: Ich bin Violinist, Bassist, Schlagzeuger und Sänger.

Cafébabel: Und du hast all das durch Percujam gelernt?

Raphaël: Nein, ich habe schon mit sieben Jahren mit der Violine angefangen. Man hat mir gesagt, dass ich ein besseres Gehör hätte als die anderen. Danach habe ich mit vierzehn Jahren mit Schlagzeug angefangen. Zuerst hatte ich Probleme damit voranzukommen. Dann habe ich Percujam entdeckt und da ich, wie Laurent, Linkshänder bin, konnte ich mich mit ihm Fortschritte machen. Ich habe auch einen Lehrer, der mir ständig neue Techniken beibringt. Für den Bass hat mir das sehr geholfen, da ich ein absolutes Gehör habe und dadurch die Töne erkennen kann.  Für den Gesang war ich Mitglied in einem Chor, aber das ist schon lange her.

Cafébabel: Also waren es nicht die Betreuer, die den Jugendlichen vorgeschlagen haben Musik zu machen, sondern die Jugendlichen haben sich schon dafür interessiert?

Laurent: Es waren sie selbst, die uns diese Fähigkeiten gezeigt haben. Ich nahm meine Gitarre, es kam ein Jugendlicher dazu, der mich auf dem Klavier oder mit Gesang begleitet hat und dann kamen noch andere dazu. Es ist auf magische, alchemistische Weise entstanden. Mittlerweile funktioniert alles natürlich ein bisschen professioneller, und mit Lehrern.

Cafébabel: Wie ist eure Arbeit organisiert? Wer komponiert, wer schreibt die Texte?

Laurent: Ich bin schon von Anfang an dabei, also habe ich recht viel geschrieben. Aber mittlerweile steuert jeder ein bisschen etwas bei.

Raphaël: Wir machen Workshops, in denen wir Texte schreiben. Dann komponieren wir ein bisschen. Man muss mir nur einmal zeigen, wie ich ein Stück spielen soll, dann kann ich es schon.

Cafébabel: Was wollt ihr durch eure Lieder mitteilen?

Laurent: Wir sprechen wenig von den Betreuern, wir sprechen wenig von Autismus; wenn unsere Gruppe also ein wenig diese Aussage trägt… Es ist eine positive Weise sich zu zeigen. Im Fernsehen wird immer nur von Misshandlung berichtet, aber es gibt nicht nur das! Es gibt auch schöne Projekte mit Jugendlichen, die einen Riesenspaß haben und mit motivierten Leuten dahinter!

Raphaël: Wir möchten damit sagen, dass wir vor allem Künstler sind und dass es keine Unterschiede gibt.

Laurent: „Gegen Unterschiede kämpfen indem wir das Schild hoch vor uns her tragen / Frankreich ist nicht besonders schön, wenn es sich über andere lustig macht.“ („Lutter contre les différences en portant haut le bouclier / Elle n’est pas très jolie la France quand elle se met à se moquer.“, im Orig.) – das bedeutet, es den Menschen zu erlauben, weniger Vorurteile zu haben. Und es gibt kleine Sätze, die von unseren Zuschauern kommen, die uns zeigen, ob das funktioniert hat. Zum Beispiel, jenen, den wir für das erste Album aufgegriffen haben: „Welches sind denn nun die Autisten?“ Wenn man uns diese Frage stellt, haben wir die Herausforderung gemeistert. Wenn die Leute nicht mehr unterscheiden können, das ist schon nicht schlecht.

Cafébabel: Also glaubt ihr das Percujam das Bild von Autismus voranbringen konnte?

Laurent: Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, dass darüber mehr gesprochen wird. Autismus ist ein Phänomen, das große Beachtung finden sollte, da es eine Realität ist, die viele Menschen betrifft. Und es muss verstanden werden, dass das keine Krankheit ist. Man kann damit ein Leben lang klarkommen und verschiedenste Dinge machen, so wie alle anderen.