Pastafarianismus: Spaghetti Monster Unser

Artikel veröffentlicht am 1. Februar 2017
Artikel veröffentlicht am 1. Februar 2017

Pastafari Serge aus Belgien und seine Glaubensbrüder und -schwestern haben keine Zweifel: Pasta und Bier sind die Lösung für sämtliches Übel in der Welt.

Am Ende der Leitung meldet sich eine gelassene, herzliche Stimme zu unserem Gespräch über die moderne Gretchenfrage. Allerdings geht es um keine gewöhnliche Religion, sondern eine etwas spezielle. Serge Burgman ist Leiter der belgischen Pastafari-Kirche, einer von tausenden Glaubensgemeinschaften auf unserem Planeten. Mit ihm zu sprechen ist vor allem eines - eine Offenbarung. „Die Welt, wie wir sie heute kennen, wurde nicht von Gott geschaffen, sondern vom Fliegenden Spaghetti-Monster (FSM)“, lautet das Credo der Glaubensrichtung.

Das Gespräch wirkt schon nach einigen Sekunden sehr vielversprechend. Laut der Bibel brauchte Gott sechs Tage, um die Welt zu erschaffen und am siebten Tag ruhte er. Serges Version ist anders: „Das große Monster, das einige Bier über den Durst getrunken hatte, erschuf die Welt in vier Tagen.“ Die Pastafaris glauben, dass der Rauschzustand des Monsters der  Grund für die Unvollkommenheit unserer Welt sei: „Solche Dinge passieren eben. Man geht aus dem Haus, um etwas zu trinken und dann gerät es aus den Fugen. Wem ist das nicht auch schon einmal passiert?“ So abstrus sie auch klingen mag, diese Schöpfungstheorie ist Grundlage einer Religion, zu der sich weltweit immer mehr Gläubige bekennen. Der Pastafarianismus (eine Wortschöpfung aus den Begriffen „Pasta“ und „Rastafari “) hat eigene Schriften, Bräuche und Gebote, bekannt als die acht „Am liebsten wäre es mir“.

Zu allem Ja und Ramen

Seine Ursprünge hat der Pastafarianismus in den USA, wo er vor elf Jahren entstand. Mehrere fundamentalistisch-christliche Gruppierungen übten hohen Druck auf das Bildungsministerium des US-Bundesstaats Kansas aus, wodurch sich dieser zur Implementierung einer ungewöhnlichen Maßnahme gezwungen sah: Im Biologieunterricht sollte fortan nicht nur Darwins Evolutionstheorie gelehrt werden. Per Gesetz wurde der religiösen Vorstellung des Ursprunges der Welt, dem Kreationismus, die gleiche Gewichtung zugewiesen. Das sorgte für großen Aufruhr. So schickte ein empörter Physiker namens Bobby Henderson aus dem US-Staat Oregon im Juni 2005 einen Brief an die zuständige Schulbehörde, in dem er seine Kritik an dieser Entscheidung zum Ausdruck brachte. Henderson bezeichnete die Maßnahme als absurd und schlug vor, doch auch gleich seine eigene erfundene Theorie in die Lehrpläne aufzunehmen, wonach die Welt nicht von Gott, sondern von einem riesigen fliegenden Knäuel aus Spaghetti mit Fleischbällchen erschaffen wurde.

„Das Paradies ist voll von Bier und Strippern“ 

Wie jede Religion, die sich als solche rühmt, hat auch der Pastafarianismus seinen eigenen Garten Eden. „Unser Paradies ist voller Bier-Vulkane und Stripper. Natürlich hängt deren Geschlecht von der jeweiligen sexuellen Orientierung der einzelnen Person ab.“ Doch wer erhält Zutritt zum Pastafari-Himmel? „Im Prinzip verdient es jeder, ins Paradies zu kommen. Wenn du aber kein guter Pastafari warst, ist die Konsequenz, dass dein Bier verwässert wird und der Stripper oder die Stripperin deiner Wahl nicht besonders attraktiv ist. Und das ist wohl die größte Strafe, die man einem ketzerischen Pastafari auferlegen kann.“

Ist der Pastafarianismus seriös oder handelt es sich um eine Parodie, um sich über andere Religionen lustig zu machen? Serge erläutert: „Offiziell ist es sehr seriös. Inoffiziell dient es dazu, allen Gläubigen zu vermitteln, dass sie gerne anbeten können, wen sie wollen, solange sie ihre Glaubensvorstellungen nicht in unseren Schulen verbreiten.“ Außerdem, bestätigt Serge, erhoffen sich die Pastafaris, dass ihnen eines Tages die gleichen Rechte zugestanden werden wie allen anderen. Folglich müsste es dann auch in Gefängnissen Pastafaris geben, die „Messen“ für die inhaftierten Anhänger dieses Glaubens zelebrieren.

Aktuell wird der Pastafarianismus in den Niederlanden und Neuseeland als Religion anerkannt, wobei letzteres das einzige Land ist, welches auch das Trauungs-Zeremoniell als offiziell gültig anerkennt. Die niederländische Handelskammer  hatte den Antrag zunächst abgelehnt, war aber daraufhin 2016 von einem Gericht dazu aufgefordert worden, die Kerk van het Vliegend Spaghettimonster offiziell als religiöse Institution anzuerkennen, erklärt ein offizieller Sprecher am Telefon. Auch in Polen versucht die Religion immer wieder einen offiziellen Status zu erlangen, der Antrag wurde aber im Mai 2016 erneut abgelehnt. Ein österreichischer Autofahrer und ein tschechischer Politiker haben außerdem gerichtlich erwirkt, dass sie auf den Fotos in ihren Ausweisdokumenten ein Spaghettisieb als Kopfbedeckung tragen dürfen.

Auch in Belgien genießt man noch keinen Religionsstatus. Erst letztens, erzählt Serge voller Stolz, habe seine Kirche eine Pastafari-Hochzeit in Uccle, einem bürgerlichen Bezirk der belgischen Hauptstadt, organisiert: Die Trauung von Martine und Philippe unterschied sich nicht besonders von einer gewöhnlichen Hochzeit, bis auf ein Detail: Das „Ja, ich will“ versprachen sich beide mit einem Nudelsieb auf dem Kopf. Das Highlight des Hochzeitsmenüs waren logischerweise Spaghetti.

Obwohl sich die Pastafaris wünschen, ernst genommen und nicht länger als seltsame Freaks abgestempelt zu werden, gesteht Serge ein, dass Humor ein wesentlicher Bestandteil der Pastafari-Dogmen sei: „Humor ist die Methode, mit der wir unsere Ideen verbreiten.“

Pastafaris und Piraten: Eine Liebesgeschichte

Pastafaris lieben Piraten. So sehr, dass neben dem FSM ein Piratenfisch als weiteres wichtiges Symbol der Religion gilt. Serge erklärt, wie sehr er und der Rest der Spaghetti-Verehrer es lieben, sich in Piraten-Kostümen zu präsentieren, da Piraten für sie heilige Wesen darstellen. Doch woher rührt diese enge Beziehung zwischen Pastafaris und den gleitenden Herrschern der Ozeane? „Laut den Schriften sind die Piraten die ursprünglichen Pastafaris, obwohl sie ja heute eher einen miesen Ruf haben.“ Auch weist Serge auf den Zusammenhang zwischen der globalen Erwärmung und Piraten hin, da diese gegen Naturkatastrophen kämpften. „Kennst du das Ozonschicht-Problem?“, fragt Serge, „Wir konnten beweisen, dass das Ozonloch stetig gewachsen ist, seitdem die Überseepiraten verschwunden sind. Daraus kann man folgern, dass Pastafaris und Piraten enormen Einfluss auf den Klimawandel haben.“ So ist das also.

Die acht „Am liebsten wäre mir“

Auch wenn der Pastafarianismus keine strengen Regeln vorschreibt, können sich die Gläubigen an den acht „Am liebsten wäre mir“ orientieren - einer Liste von acht ziemlich logischen Empfehlungen, die jeweils mit den Worten beginnen: „Am liebsten wäre mir, du würdest nicht…“ Besonders auffällig ist Gebot Nummer sechs: „Am liebsten wäre mir, du würdest keine milliardenteuren Kirchen, Tempel, Moscheen oder Altare für meine nudelige Heiligkeit errichten, wenn du das Geld dafür einsetzen könntest, Armut zu beenden, Krankheiten zu heilen oder den Preis für Kabelfernsehen zu senken.“ Einmal mehr zeigt der Pastafarianismus seine atheistische Seite. 

Auch wenn die Glaubensrichtung, deren offizielles Symbol ein Kreuz mit einer Gabel ist, ursprünglich nur als persönliche Initiative der aktiven Religionskritik gedacht war, verzeichnet die Bewegung doch eine wachsende Zahl an Anhängern, was hauptsächlich den sozialen Medien geschuldet ist. Laut eigenen Aussagen der Ersten Vereinigten Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters in Deutschland gebe es mittlerweile über 10 Millionen Anhänger weltweit. „Unsere Religion ist eine moderne Religion, die sich nach der Jugend richtet. Wir verwenden Facebook, um unsere Ideen zu teilen.“ Serge ist stolz auf seine über 2000 Follower und man kann es ihm nicht verdenken. Wer weiß, vielleicht tummeln sich schon bald überall Menschen mit Nudelsieb-Kopfbedeckung auf den Straßen. Bis dahin: Möge das riesige fliegende Spaghetti-Monster eure Tage mit Carbonara-Soße erfüllen. Ramen. 

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Voglio Vivere Così ist eine Artikelreihe, in der wir über alternative Lifestyles berichten. 8 Wochen, 8 Geschichten, gesammelt von unserem Cafébabel-Team.