Parliamone: Wenn Italiens Youtuber Einwanderung factchecken

Artikel veröffentlicht am 15. April 2016
Artikel veröffentlicht am 15. April 2016

Man nehme eine Designerin, einige Journalisten und YouTuber. Dazu vertrauenswürdige Daten über Immigration und Flüchtlinge in Italien und einen wirkungsvollen Sprachstil. Heraus kommt die Onlineplattform #parliamone, das Uni-Abschlussprojekt einer Studentin aus Bozen. Die Idee: Desinformation mit Zahlen bekämpfen. Und zwar mit den richtigen.

„Die bekommen 40 Euro am Tag.“ „Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg.“ „Nicht alle flüchten vor dem Krieg.“ Diese und andere Aussagen sind in Italien an der Tagesordnung, wenn es um Einwanderung geht. Von Fernsehtalkshows bis zu unzähligen Internetseiten, jeder erzählt seine ganz eigene Geschichte darüber, wie viele Migranten das Land betreten und verlassen, wie viel Geld sie bekommen oder welchen Einfluss sie auf den Arbeitsmarkt haben. Tatsächlich steckt hinter diesen Aussagen oft kein Wissen, sondern Verwirrung: meistens handelt es sich eher um Meinungsmache als um genaue Fakten.

Gegen dieses Chaos hat Noemi Biasetton, Designstudentin an der Freien Universität von Bozen, das Projekt #parliamone gegründet (deutsch: Reden wir darüber). Das Ziel: Fakten in einer klaren und wirksamen Weise auf YouTube verbreiten. Laut Noemi sei dies aber gar nicht so leicht, da der Dschungel der (Des)Information im Netz besonders verzwickt sei. „Einige Medien setzen auf Schlagzeilen, die Leser anziehen und die Sichtbarkeit der Seite verbessern sollen“, kommentiert Noemi, „diese inoffiziellen Daten tragen dazu bei, dass die Italiener sich eine verzerrte Meinung über Immigration bilden.

YouTuber und Information: wie vereint man die Kräfte?

Zahlen und Fakten existieren, aber wo sucht man danach? Das ISTAT (Nationales Institut für Statistik in Italien) und das italienische Innenministerium stellen Berichte zur Verfügung. Aber das sind nicht die Quellen, die der Durchschnittsbürger jeden Morgen beim Frühstück konsultiert. Sicher, es gibt Journalisten und Medien. Aber auch hier riskiert man, sich im Meer der Rhetorik, der attraktiven Schlagzeilen, der Seiten mit zweifelhafter Objektivität, der in minutenschnelle geschriebenen Artikel zu verlieren, die das Internet überfluten, aber nicht systematisch informieren. Und die Zahlen gehen in der medialen Debatte oft unter. Das Ergebnis? Viele Meldungen, viel Verwirrung, viel Desinformation.

Aber nicht alles im Netz ist oberflächlich. Noemi verlässt sich auf zwei Seiten, die zu ihrer Vorstellung von Information passen: Valigia Blu und Open migration. Diese beiden italienischen Seiten experimentieren mit unabhängigem und akkuratem slow journalism. „Die Arbeit eines Journalisten kann nicht mehr in 20 Minuten gemacht werden. Man muss die Fakten lesen, vergleichen, die Quellen abchecken. Wenn online jede Stunde ein neuer Artikel herauskommt, wie gut kann die Qualität da sein?“

Für Noemi sind Fakten und Klarheit die ersten Antworten auf Desinformation. Aber das reicht noch nicht. Der Schlüssel liege auch darin, die Botschaft zu verbreiten und diese Art der Information habe es schwer, sich im Netz Gehör zu verschaffen. Deshalb kam Noemi darauf, die Inhalte von Valigia Blu und Open migration an YouTuber zu übergeben. Weil ihre Botschaft sich von den traditionelleren Onlinemedien unterscheidet.

Das Video von Claudio Di Biagio (alias nonapritequestotubo) für #parliamone: die Zahlen des Kriegs und der Migration

YouTube das Wort erteilen

Das Team der beteiligten YouTuber ist bunt gemischt: Dazu gehören Claudio di BiagioAlice MangioneCool and the gameDellimellowBoban Pesov und DoubleFace. Sie alle haben verschiedene Erfahrungen, aber teilen die Überzeugung, dass YouTube nicht nur für Unterhaltung sondern auch für soziale Kampagnen eine außergewöhnliche Plattform ist. Noemi hat diesen bekannten Gesichtern von YouTube eine Art antirassistischen Leitfaden gegeben: den so genannten vademecum antirazzistaValigia blu hat zu den gängigen Gemeinplätzen über Einwanderung zudem eine Antwort mit den offiziellen Zahlen gefunden. Daraus haben die YouTuber dann das Material für ihre Videobeiträge gezogen.

„Wir können einen großen Einfluss auf unsere Follower haben“, kommentiert einer der YouTuber, Boban Pesov. „Manchmal muss man bei einer wichtigen Sache bleiben und sich von der komischen und spielerischen Seite des Kanals entfernen. Ich hoffe, dass es noch andere Projekte geben wird, die soziale Probleme ansprechen. Man kann auch über YouTube viele Dinge verändern.“

Auch die anderen Vlogger sind sich dieser Verantwortung bewusst: „Wir sind den Populismus auf den sozialen Netzwerken leid. Wir leben in einer Zeit, in der man oft Informationen für bare Münze nimmt, die komplett Unbekannte geteilt haben, ohne ihre Richtigkeit zu überprüfen“, kommentieren die YouTuber von Cool and the game. „Das ist bei Einwanderung genauso wie bei vielen anderen Themen, die die Menschen berühren. Es war Zeit klarzustellen, dass wir damit nicht einverstanden sind! Die Idee, ein paar Videos zu machen, die weit verbreitete Klischees aushebeln, klang richtig. Auf jeden Fall viel politisch korrekter als die Art, in der wir drei uns abreagieren wollten.“

YouTube ist mittlerweile vor allem für die Jüngsten eine der einflussreichsten Plattformen geworden. „Aus unserer Sicht kann das aber auch eine schlechte Sache sein. Da könnten zum Beispiel Horden von Fanatikern Idole verteidigen, die sich gerade vom 20-jährigen Videogamer zum Sozialkritiker mausern. Aber auch die negativen Aspekte zeigen, welchen Einfluss YouTuber auf ihre Viewer haben: warum also nicht die Wahrheit verbreiten?“ fragen Cool and the game.

Boban Pesov interviewt seinen mazedonischen Vater für #parliamone

Geschichten der Einwanderung

Die Initiative #parliamone rückt auch persönliche Geschichten ins Scheinwerferlicht. Boban Pesov zum Beispiel befragt seinen Vater in seinem Video nach seinen Erfahrungen als mazedonischer Immigrant in Italien vor 20 Jahren. „Ich wollte dieses Video schon seit einiger Zeit machen. Ich wollte nicht nur Stereotypen aufzählen, sondern einen Einwanderer interviewen, der über sein Leben spricht. Wir haben die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft, über unser Herkunftsland gesprochen und darüber, was in Mazedonien mit den Immigranten passiert.“

Und wie reagiert die YouTube-Community auf #parliamone? „Immer mehr Leute wollen solche Dinge sehen, wir haben die Werkzeuge dafür“, sagt Boban. Cool and the game sind kritischer, aber hoffnungsvoll: „Wir glauben, dass die Besucher von YouTube die leichte Unterhaltung vorziehen, und damit meinen wir „Müll“. Aber das heißt nicht automatisch, dass verantwortungsvollere Initiativen nicht ins Schwarze treffen. Im Gegenteil.“ Das ist es, was Noemi mit ihrem Projekt machen wollte. Und wenn #parliamone abgeschlossen ist, schließt die Initiatorin nicht aus, dass die Idee auch für andere Themen fruchtbar sein könnte.