Paris schwankt, aber geht nicht unter

Artikel veröffentlicht am 17. November 2015
Artikel veröffentlicht am 17. November 2015

[Kommentar] Warum wir nach den Anschlägen in Paris die humanistischen Werte Frankreichs stärker als je zuvor verteidigen müssen.

Frankreich durchlebt gerade die folgenschweren Tage des zweiten Massakers in diesem Jahr, nur 10 Monate nach den tragischen Attentaten auf die Redaktion von Charlie Hebdo. Diese erneuten Anschläge haben eine weltweite Solidaritätsbewegung mit Frankreich hervorgerufen. Es gabe eine regelrechte Welle der Unterstützung - Obama, Cameron, Merkel und weitere Weltpolitiker haben ihre Trauer kundgegeben, ihr Unverständnis und ihre Entschlossenheit, gemeinsam und stark gegen den Terrorismus vorzugehen. Viele Weltsehenswürdigkeiten erleuchteten in den französischen Farben der Tricolore als Zeichen der Anteilnahme.

Drei Tage nach dem Blutbad von Paris ist die französische Hauptstadt weiterhin in Trauerstimmung. Eine ganze Nation steht unter Schock. Das Motto der Stadt - “Fluctuat nec mergitur” - spiegelt den aktuellen Stimmungspegel des Landes wider. Paris schwankt, aber unter geht es nicht.

Menschen fanden sich ab Sonntag zusammen, um der Opfer der Anschläge vom Freitag zu gedenken. Das kollektive Trauma sitzt tief. Am Sonntag gab es einen Panikmoment, als der Place de la République nach einem Knallgeräusch plötzlich wie leergefegt war. Die Leute, die an diesem Tag hier zusammengekommen waren, hatten die Geräusche falsch ausgelegt und für Feuerwaffen gehalten.

Es ist nun an der Zeit für alle von uns, im Kampf gegen den Terror und die Barbarei zusammen zu stehen. Und zwar geeint und stark. Um den Mördern, die dieses Blutbad angerichtet haben zu zeigen, dass Frankreich keine Angst hat. Denn sie können Menschen nicht entzweien, die das Leben mehr lieben als den Tod.

Unsere Antwort: Liebe, Menschlichkeit und Demokratie

Es ist schwer, in religiösem Fanatismus und Nihilismus einen Sinn zu erkennen. Menschen, die bereits einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, können das wohl nur schwer verstehen. Unsere Antwort lautet Liebe, Menschlichkeit und Demokratie. Und das ist weit von einer naiven Antwort entfernt. Es ist der genaue Gegenentwurf zu allem, wofür die Terroristen stehen: Hass, Terror und Theokratie.

Dem französischen Präsidenten François Hollande zufolge befindet sich Frankreich nun im Kriegszustand. Grenzen wurden geschlossen. Der Notstand wurde ausgerufen und wird uns auch in den nächsten drei Monaten weiterhin begleiten. Das sind Maßnahmen für den Extremfall. Doch ob sie tatsächlich hilfreich sind, bleibt fraglich. Mit der Sprache des Krieges hat man noch nie erfolgreich Probleme aus dem Weg geräumt.

Die Konsequenzen aus diesen Attentaten haben auch Rache- und Vergeltungsgefühle hervorgerufen. "Wir werden den Feind angreifen", sagte der französische Premierminister Manuel Valls. Und zwei Tage nach den Attentaten von Paris warf Frankreich bereits Bomben auf die syrische Stadt Raqqa, um die Stützpunkte des IS zu treffen.

Das ist Krieg, aber dieser Krieg wendet sich auch gegen die Bürger im eigenen Lande. Dieser "Krieg" gegen einen Feind ist kein traditioneller gegen die "Anderen", sondern gegen die französischen Bürger (und andere Nationalitäten) selbst. Er zeigt die schrittweise Ohnmacht des Konzepts des Nationalstaates in einer globalisierten Welt, in der ein Pass nicht mehr unbedingt heißt, dass man auch die kulturellen Werte des Landes teilen muss. Das sind komplexe Zusammenhänge, die alle Länder 2015 angehen müssen und die man nicht mit Luftangriffen auslöschen kann.

Entmenschlichung der Terroristen bringt nichts

Es ist einfach, Terroristen als Monster zu sehen, da ihre Akte außergewöhnlich brutal und unmenschlich sind. Aber sie sind auch keine Außerirdischen, sondern Menschen, die einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Terroristen zu entmenschlichen ist einfach, aber auch sehr gefährlich. Wir wissen, was passiert, wenn Menschen dehumanisiert werden; das kann in Völkermord und Massakern enden. Und sorgt für noch mehr Gewaltpotenzial.

Nach all der Trauer und Wut müssen wir den Versuch wagen, zu verstehen, wie das passieren konnte. Wie konnte und kann Daesh so viele Europäer anwerben? Wie schnell Radikalisierung und Gehirnwäsche sich ich Tragödien und Blutbäder verwandeln kann. Was wir tun können, um dies zu stoppen, ohne noch mehr Menschenleben zu fordern. Gewalteskalation hat am Ende noch nie zu Frieden geführt. Frankreich und der Rest Europas müssen jetzt Entscheidungen über den Weg treffen, den sie in den nächsten Jahren einschlagen wollen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Bomben über Syrien nicht die einzige Antwort sein können. Auch die Wurzel des Terrorismus muss bekämpft werden.

Liberté, Egalité, Fraternité

Anstatt den Kriegszustand auszurufen, müssen wir versuchen, den Sinn der Attentate zu analysieren, denn was uns von reliogiösen Fanatikern und Terroristen unterscheidet, ist der Glaube an unsere demokratischen Werte: Zusammengefasst im Slogan dieser wunderbaren Erfindung, die wir 'République' nennen - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Im Justizsystem, das alle Menschen gleich behandelt. Im Glauben, dass universelle Menschenrechte tatsächlich auch für jedermann gelten und nicht für moralischen Relativismus anfällig sind. Wir müssen diese Werte mehr als je zuvor verteidigen. Erinnert euch an die Worte von Charlie Hebdo: L'amour plus fort que la haine - Liebe ist stärker als Hass.