Paris: Lebkuchen gegen Lafayette

Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 13. Dezember 2010
Ist denn schon Weihnachten? Der Kalender sagt ja, Paris nein. Aber Moment mal, befinden wir uns nicht in der angeblich romantischsten Stadt der Welt? Wer in den letzten Tagen durch die Pariser Straßen spaziert ist, wurde nicht gerade von Weihnachtsdekoration, bunten Lichtern und einem die Luft erfüllenden Zuckerduft begleitet.
Doch dann biegt man hinter der alten Oper nach links ab und am Boulevard Haussmann, dem Shopping-Mekka der französischen Hauptstadt, klingelt, singt und glitzert es in den Schaufenstern. Sind Pariser Weihnachtsmuffel? Sollten die sonst so humorlosen Teutonen zu Weihnachten die romantischeren sein?

Das ist schon gut möglich. Es scheint, als sei das letzte Fest im Jahre in der französischen Hauptstadt auf den Handel beschränkt. Die Deutschen hingegen halten fest an ihren Traditionen: Zu Weihnachten gehören nun einmal Adventskränze, Stollenbacken und das Bummeln über den Weihnachtsmarkt.

noel_pauvrete.jpg“Paris, die romantischste Stadt der Welt? Sie ist vor allem Handel, Tourismus, Armut und Sorgen, in eine alte Vorstellung von Amour & Montmartre eingehüllt”, sagt eine junge Pariserin. Man brauche sich doch nur umzusehen. Niemandem ist beim Anblick von Obdachlosen im Schlafsack, grimmigen Gesichtern jeden Morgen in der Metrolinie 13 und bei einem Gemisch aus Schnee und Regen zum Fröhlichsein zu Mute.

Doch an Weihnachten sollen ja keineswegs Tatsachen verschleiert werden. Besinne man sich doch einen Augenblick auf die grundlegenden Dinge des Festes: das Zusammensein, das Miteinander, das Beachten, das Füreinanderdasein. Es ist traurig auf solche Moralpredigten nur an Weihnachten Wert zu legen. In beiden Ländern. In Deutschland und in Frankreich klingeln um diese Zeit die Spendentöpfe und Hilfsaktionen. Heißt das nun, wir nehmen 11 Monate im Jahr und geben nur im letzten?

Man könnte ein ganzes Buch über den Weihnachtscharakter unserer heutigen Gesellschaft schreiben. Doch kommen wir auf die eigentliche Frage zurück: Wo ist der weihnachtliche Zauber in Paris? Wird er vom Alltag in Geschenkpapier eingewickelt? Oder ist der städtische Zauber in Paris ohnehin Schnee von gestern?

Wenn man lange Zeit in derselben Stadt gelebt hat, wird man irgendwann blind und ignorant für Sehenswürdigkeiten. In den Louvre gehen - an einem Sonntag? Große Güte, da wird man nur von einem Gemälde zum Nächsten geschubst. So bleiben Schätze verborgen. So werden geglaubte Klischees nur belächelt: niemals einen Regenschirm in Paris, einmal am Tag über die Seine laufen und von einer Liebesaffäre in die nächste stolpern.

noel_galeries500.jpg Klingt denn das parisersich? Für ehrwürdige Anhänger dieser Geschichten schon, ja. Oftmals sind sie es, die die Straßen füllen und sich an den touristischsten Ecken Inspiration holen. Warum nicht?! Müssen sie deswegen gleich als Träumer oder Sensibelchen belächelt werden? Gelegentlich befinden sich unter ihnen auch jene, die die Sraßen aufgrund ihrer Erfahrung in sich verwurzelt haben. Sie plädieren für das Festhalten an den Geheimnissen und der Ausstrahlung der Stadtmauern.

An Weihnachten jedoch, wenn in Deutschland Tag und Nacht Schnee fällt und man sich am Glühweinstand drängt, scheint Paris kalt, grau, nass; kurz gesagt: Die novemberliche Atmosphäre wird in den Dezember geschleppt. “Sous le ciel de Paris” ist man melancholisch, ohne Antrieb, versteckt sich unter dem Regenschirm. So hat es den Anschein, dass das Fest der Liebe vom Wetter bestimmt wird.

Nach außen hin schon. Ein Tannenbaum sieht ja im Regen auch jämmerlich aus. Und im Inneren, im Herzen? Nun, das pocht wie verrückt auf der Suche nach Geschenken und auf der Suche nach Um- bzw. Auswegen im 9. Arrondissement - rund um den überfüllten Boulevard Haussmann. Hätten Pariser eine andere Einstellung zum Fest der Liebe, wenn Napoleon den Adventskranz in Frankreich eingeführt hätte? Wären sie dann die Weihnachtszauber-Nation? Für mich steht auf jedenfall eins fest: Im Dezember können die glitzernden Galeries Lafayette keinem Lebkuchen in die Quere kommen. Möge es bunte Keksstreusel über Paris schneien!

Text: Jenny Lippmann

(Fotos: Vitrine (cc)JournalsDesVitrines.com/flickr; Obdachlose am Canal St. Martin 2006 (cc)Arslan/flickr; Galéries Lafayette 2010 (cc)atrupo/flickr)