Paris: Kein Ort für tunesische Kultur? 

Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2014
Artikel veröffentlicht am 30. Juni 2014

Die tu­ne­si­sche Kul­tur ist in Paris un­ter­re­prä­sen­tiert, es gibt je­doch ei­ni­ge In­itia­ti­ven, die das kul­tu­rel­le Leben in der post­re­vo­lu­tio­nä­ren Künst­ler­sze­ne un­ter­stüt­zen. Wir gehen in Paris die­ser Szene nach und schau­en uns ihre Ar­bei­ten an.

Wie gut ist die tu­ne­si­sche Kul­tur in Frank­reich an­ge­kom­men? Ob­wohl in Paris viele Tu­ne­si­er leben, sind sie nicht im er­war­te­ten Maße in der Kul­tur­land­schaft ver­tre­ten. In den fünf Tagen Re­cher­che haben wir unter den 40% Tu­ne­si­ern, die sich in Frank­reich für ein Leben in Paris ent­schie­den haben, ein jun­ges Ta­lent ge­fun­den: Akram Be­laid ist seit zwei Jah­ren in Paris und er be­zeich­net sich als „kul­tu­rel­len Agi­ta­tor". Von Beruf ist er Fo­to­graf und Künst­ler. Mo­men­tan ist Akram der Haupt­ver­ant­wort­li­che für die kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen im „Mai­son de la Tu­ni­sie". Hier soll end­lich die tu­ne­si­sche Kul­tur in Paris ge­för­dert wer­den.

Die Ziel­grup­pe der meis­ten Ver­an­stal­tun­gen sind Tu­ne­sie­rIn­nen und Ara­be­rIn­nen, die in Frank­reich leben. Ein Teil die­ser Men­schen in­ter­es­siert sich für Tra­di­tio­nel­les, aber der an­de­re Teil ist eher in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­tet, so zum Bei­spiel das Pu­bli­kum aus der Cité Uni­ver­si­taire, wo in Paris Stu­den­ten aus na­he­zu allen Län­dern die­ser Welt un­ter­ge­bracht sind. 

Viele Pläne, aber keine Res­sour­cen

Die „Mai­son de la Tu­ni­sie" liegt im 14. Pa­ri­ser Ar­ron­dis­se­ment am Bou­le­vard Jour­dan und ist eine von 39 Sitzen der Cité In­ter­na­tio­na­le Uni­ver­si­taire de Paris. 1948 wurde das Ge­bäu­de unter Schirm­herr­schaft der tu­ne­si­schen Re­gie­rung er­baut, un­ter­steht je­doch trotz­dem dem fran­zö­si­schen Ge­setz. Ir­gend­wie ist es aber kein ge­wöhn­li­ches Stu­den­ten­heim.

Zu­ge­ge­ben, das Haus hätte ich nicht ent­deckt, wären da nicht die tu­ne­si­sche Flag­ge und die Graf­fi­tis des Künst­lers El Seed ge­we­sen. Seine be­ein­dru­cken­den Werke las­sen sich als poe­ti­sche Kal­li­gra­phie an der Mauer ver­ste­hen.

Die Ver­ei­ni­gung wird von vier Per­so­nen ge­lei­tet: einem Di­rek­tor, einem Vi­ze-Di­rek­tor, einem Buch­hal­ter und einem Mit­ar­bei­ter für kul­tu­rel­le Ar­beit. Die Or­ga­ni­sa­ti­on zählt 200 Mit­glie­der, die vor­wie­gend aus Stu­den­tIn­nen  und For­sche­rIn­nen be­ste­hen. Fi­nan­zi­ell ge­se­hen ist das „Mai­son de la Tu­ni­sie" au­to­nom, weil es nicht viel auf die Sub­ven­tio­nen von Sei­ten des tu­ne­si­schen Staa­tes setzt. Ob­wohl der tu­ne­si­sche Bot­schaf­ter Eh­ren­prä­si­dent ist, strebt die In­sti­tu­ti­on die Un­ab­hän­gig­keit an.

Unter Lei­tung von Akram Be­laid rea­li­siert das „Mai­son de la Tu­ni­sie" zwei bis vier kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen pro Monat. Ein bis zwei grö­ße­re Ver­an­stal­tun­gen pro Jahr kom­men in der Regel noch dazu. Ab­ge­se­hen von die­sen Zu­sam­men­tref­fen gibt es kei­nen of­fi­zi­el­len Aus­druck der tu­ne­si­schen Kul­tur in Paris. Akram sagt, dass die meis­ten Ver­an­stal­tun­gen in­di­vi­du­el­len In­itia­ti­ven ent­sprin­gen.

So wie Akram be­klagt die Sän­ge­rin und Lau­ter­spie­le­rin Me­ri­am Azizi, die an der Uni­ver­si­tät un­ter­rich­tet und au­ßer­dem noch Re­gis­seu­rin ist, die Mar­gi­na­li­sie­rung der tu­ne­si­schen Kul­tur in Paris. Sie wohnt seit 2004 in Paris und be­klagt die Si­tua­ti­on jun­ger tu­ne­si­scher Künst­le­rIn­nen in der Stadt. Diese müss­ten sich stets gegen an­de­re durch­set­zen. Akram fügt hinzu: „Wenn man sich aber be­weist, wird man be­lohnt". Auf die Frage hin, warum die zwei trotz­dem gerne Künst­ler/in in Paris sind, sind sie der­sel­ben Mei­nung: Die Be­din­gun­gen in Frank­reich sind viel bes­ser als die in Tu­ne­si­en, auch wenn es klei­ne­re Schwie­rig­kei­ten gibt. Zwar sieht man das Ta­lent, die Po­ten­zia­le, die Krea­ti­vi­tät vie­ler Men­schen in Tu­ne­si­en, doch die Res­sour­cen und die Rah­men­be­din­gun­gen sind be­grenzt.

KÜNST­LER IM KAMPF: STETS EIN BLICK AUF TU­NE­SI­EN 

Das Leben in Paris be­deu­tet nicht den to­ta­len Bruch mit dem was sich po­li­tisch und ge­sell­schaft­lich in der Hei­mat tut. Tu­ne­sie­rIn­nen, die in Paris leben, ver­su­chen auf po­li­ti­sche Pro­zes­se ein­zu­wir­ken, die sich am an­de­ren Ende des Mit­tel­meers voll­zie­hen.

Beim Auf­ent­halt in Paris habe ich am 17. Mai 2014 an einer Ver­an­stal­tung teil­ge­nom­men, die von einer Grup­pe jun­ger Tu­ne­sie­rIn­nen auf dem Place de la Répu­bli­que zur Un­ter­stüt­zung des am 12. Mai fest­ge­nom­me­nen Blog­gers Azyz Amami or­ga­ni­siert wurde. Die­ser wurde be­schul­digt, Rausch­gift kon­su­miert zu haben, was zu einer bru­ta­len Fest­nah­me führ­te, die eine Welle der Em­pö­rung aus­lös­te. Unter den zirka drei­ßig De­mons­tran­tIn­nen fan­den sich Stu­den­tIn­nen, Mit­glie­der des Front Po­pu­lai­re Tu­ni­si­en, der Rap­per Madou MC und ein Graf­fi­ti­künst­ler, der unter dem Pseud­onym ZED be­kannt ist. Für mich als po­li­tisch ak­ti­ve Tu­ne­sie­rin war es schön zu sehen, wie selbst am an­de­ren Ende des Mit­tel­meers ge­kämpft wird. Damit bekam ich noch­mal die Grün­de für un­se­ren Kampf in Tu­ne­si­en vor Augen geführt.

Letz­ten Endes kann ge­sagt wer­den, dass die Re­stau­rants in Paris jene Orte sind, die am meis­ten die tu­ne­si­sche Kul­tur re­prä­sen­tie­ren. Auch wenn es an  Res­sour­cen fehlt, so fehlt es nicht an Wil­len und an der Krea­ti­vi­tät der Künst­le­rIn­nen. Akram Be­laid träumt davon eine künst­le­ri­sche tu­ne­si­sche Dia­spo­ra und eine Kunst­lob­by zu schaf­fen. Es fehle nur noch an Struk­tu­ren und an den not­wen­di­gen Rah­men­be­din­gun­gen, um er­folg­reich das Bild eines krea­ti­ven, post­re­vo­lu­tio­nä­ren Tu­ne­si­ens zu ver­mit­teln.

Die­ser Ar­ti­kel ist Teil einer Son­der­rei­he über Paris, die auf In­itia­ti­ve von Ca­fe­ba­bel in Zu­sam­men­ar­beit mit Se­arch for Com­mon Ground, Iwatch und der An­na-Lindh-Stif­tung im Rah­men des Pro­jekts "Eu­ro­med Re­por­ter" ver­öf­fent­licht wird. Wei­te­re Ar­ti­kel dem­nächst auf der Start­sei­te die­ses Ma­ga­zins.