Paris-Delhi-Bombay: Wenn das Curry bitter schmeckt

Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 28. Juli 2011
Von Jenny Lippmann Es ist anstrengend die Spitze eines Berges zu erreichen. Man braucht ausreichend Kraft, Motivation, Ausdauer und jemanden, der einem den Rücken stärkt. In der obersten Etage des Centre George Pompidou kann man noch bis zum 19.09. 2011 bei der Ausstellung Paris-Delhi-Bombay einem kleinen Mädchen zuschauen, wie es versucht auf einen Sockel zu klettern: Allein und hilflos.
Paris öffnet den Besuchern im Rahmen der Ausstellung die Tore zu einem zwiespältigen und kontrastreichem Land, das Filme wie Lebe und denke nicht an morgen (Bollywood-Film aus dem Jahr 2003 unter der Regie von Nikhil Advani) hervorbringt und dabei einen Hilfeschrei auf das europäische Festland schickt. Nehmen wir ihn wahr? Was können wir dem kleinen Mädchen antworten?

Eine Verbindung zur größten Demokratie der Welt ist im Namen der Ausstellung Paris- Delhi- Bombay wiederzufinden. Der Besucher betritt die Räume und betrachtet Werke französischer und indischer Künstler. Schnell wird man sich dem Bruch im indischen Lande bewusst. Einerseits steht es für Mahatma Gandhi, Farbenmeere, Geruchsspiele und elektrische Verkabelungen. Andererseits schockiert es durch seine strikte Gesellschaftsordnung und harte Strafen.

Eines der wichtigsten Themen der Ausstellung, neben Wirtschaft, Politik und Religion, ist die Behandlung und das Leben der indischen Frauen. Trotz ihrer Vertreterinnen in diversen Parteien und so manchen Kampagnen gegen ihre Unterdrückung bleiben sie, indische Frauen, am Rande der Gesellschaft. Sie sind nützlich, sie schaffen an, sie werden verstoßen, misshandelt, verkauft - sie sind Objekte mit weiblichen Konturen.

So schleicht sich Angst in den Verstand und das Herz des wohlig-westlichen Besuchers. Dokumentationen, die von Vergewaltigungen und Ausschluss handeln, zeigen deutlich, welche Frauen in dieser Welt unsere Hilfe brauchen. ©  #PaDeBo_03

Plötzlich steht man vor diesem Sockel und alles vorher Gesehene fasst sich radikal in einem kleinen Körper aus Bronze zusammen. Viele Besucher setzen sich und nehmen sich die Zeit um nachzudenken. Man möchte dem Mädchen am liebsten einen kleinen Schubs geben. Doch dann befindet man sich selbst, gut frisiert und zurechtgemacht, in einem typisch bürgerlich eingerichtetem Appartement wieder. Der Blick vom Fenster aus zeigt auf eine verstaubte volle Straße. Baracken, absolute Trockenheit. Man hat das Bedürfnis das Fenster aufzureißen und jedem Einzelnen unter die Arme zu greifen.

Warum rebelliert die indische Gesellschaft nicht, ähnlich wie kürzlich die Länder in Nordafrika aufbegehrten? Die Antwort liegt auf der Hand. Wie sollen sie gegen jahrhundertelange Klassenordnung und Religion antreten? Liegt es also an uns? Könnten wir nicht zeigen, was wir über die Jahre gelernt haben und wie weit unsere Kräfte des Helfens reichen?

Wir protestieren hier und da, führen als Studenten ein Demonstranten- Dasein, das sich gleichzeitig mit Wissen und naiven Vorstellungen füllt. Vor allem als junge Frauen sehen wir oft nicht die Reichweite unseres Handelns, unserer Freizügigkeit: Wir dürfen sein, leben, denken, fühlen und - das Wichtigste - aussprechen, was uns beschäftigt. © Centre PompidouWir müssen lernen, dass wir auf einem Niveau angekommen sind, auf das wir stolz und für welches wir dankbar sein können. Vielleicht sollten wir auch begreifen, dass es keine absolute Gleichheit gibt und uns daran machen, Frauen auf der ganzen Welt die Freiheit zu beschaffen, die sie verdienen. Es geht nicht nur um unser alleiniges Leben, das wir mit Worten und Erfolgsbestreben führen. Wir müssen an die Welt denken, in der wir uns bewegen und wie wir sie erleben wollen. Wie sollen nachfolgende Generationen sich an uns erinnern? Nicht die Menge macht‘s, sondern die Taten, die jeder Einzelne von uns unternimmt.

Es geht nicht nur um unser alleiniges Leben, das wir mit Worten und Erfolgsbestreben führen. Wir müssen an die Welt denken, in der wir uns bewegen und wie wir sie erleben wollen. Wie sollen nachfolgende Generationen sich an uns erinnern? Nicht die Menge macht‘s, sondern die Taten, die jeder Einzelne von uns unternimmt.

Was können wir also tun? Zunächst dieses kuriose Land erforschen, das sich im Süden Asiens erstreckt; es wahrnehmen, davon kosten und überlegen, wie dieser Rohdiamant geschliffen werden kann. Sicherlich ist es eine lange, nervenaufreibende Aufgabe und ein steiler Weg; aber, sind wir es nicht den Frauen schuldig, die für ihre und nun unsere Rechte eingetreten sind? Sollten wir sie nicht zu allen Frauen, wie diesem indischen Mädchen tragen?

Lernen wir über den europäischen Tellerrand zu sehen, einzugreifen, Steine umzudrehen und Taten sprechen zu lassen.

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit. Es ist schon längst von einer Forderung zum allgemein angenommenen Verhaltensmuster geworden. “Lass sie aussprechen!”. Ja, wir können unsere Sätze beenden. Manch eine würde aber gerne erst einmal beginnen dürfen (wie so manche Bilder der Ausstellung deutlich zum Ausdruck bringen)!

© Matthieu Aubry/Flickr Es mag sein, dass Indien nicht bis in unsere europäischen Wohnzimmer vordringt und nur dann präsent wird, wenn es sich um Bollywoodschönheiten und neue Curry- Diäten dreht. Jedoch darf ein Staat, der sich Bundesrepublik nennt und zudem das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde ist, nicht jene unterdrücken, die unsere Zukunft großziehen, ernähren, befürsorgen und ebenso ein Recht auf ein freies Dasein haben, wie jeder von uns.

Es ist lohnenswert sich einen Nachmittag Zeit zu nehmen, um die Ausstellung im Centre Pompidou zu besuchen, sich vor den Sockel zu setzen, auf welchen dieses Mädchen versucht zu klettern und zu fragen, wie wir es ihr erleichtern könnten aufzusteigen.