Parallelwelten: Die chinesische Gemeinschaft von Budapest

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2015
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2015

Rund sechs Kilometer südöstlich vom ungarischen Parlament am Ufer der Donau liegt das Herz der chinesischen Gemeinschaft von Budapest. Es handelt sich jedoch nicht um die typische „Chinatown“, wie man sie in anderen großen Städten Europas findet.

In einer ehemaligen Lokomotiven-Fabrik aus dem 19. Jahrhundert in der Kőbányai útca (Kőbányai-Straße) befindet sich ein riesiger Markt für chinesische Importwaren. Seit nunmehr fast 25 Jahren fungiert dieser Teil Budapests als logistischer Knotenpunkt für chinesische Produkte, die in Europa verkauft werden sollen.

Als der riesige Four-Tiger-Markt auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor einigen Monaten schloss, zogen die meisten Stände in diesen umgebauten Industriekomplex. Während wir im strömenden Regen durch ihn hindurch laufen, erzählt mir Dr. Gergely Salát, Professor für Sinologie an der Katholischen Universität von Ungarn: „Es gibt dieses Missverständnis in Ungarn, dass es arme Leute waren, die aus China kamen, aber es sind Geschäftsmänner und -frauen.“

Uns begleiten Réka und Boglárka, zwei Studenten im sechsten Semester von Dr. Saláts Sinologiekurs. Ihrer Ansicht nach gab es bisher nur wenig Integration: „Es ist wirklich eine geschlossene Gemeinschaft, ich denke, es ist wirklich schwer, sie kennenzulernen. In China ist es viel einfacher!“

Nach dem Platz des Himmlischen Friedens

Seitdem die ungarische Regierung zur Förderung der Beziehungen 1989 die Visapflicht für chinesische Staatsbürger aufgehoben hat, kamen die Chinesen über das letzte Vierteljahrhundert in mehreren Wellen in Budapest an. Dr. Salát erläutert: „Dann kam der Platz des Himmlischen Friedens und es hatte einen enormen psychologischen Einfluss auf China. Nicht nur auf politische Flüchtlinge und Studenten, sondern auch auf kleine Geschäftsleute, die in den 1980ern ein Vermögen gemacht hatten – sie wurden im Sommer 1989 sehr verunsichert, niemand wusste, was passieren würde. So sahen sie in Ungarn ein kleines Land ohne Visumspflicht und einer fast direkten Zugverbindung nach Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Zu den Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens kam der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Ungarn. Ungefähr zu dieser Zeit kamen 50 000 Chinesen über Russland nach China, um ihre Waren zu verkaufen, die sie in eng gepackten Koffern mitbrachten. Die Nachfrage nach bezahlbaren Gütern war nach dem Fall des Regimes riesig und die eingeführten westlichen Produkte zu teuer.

Über die Zeit fluktuierte die Zahl der chinesischen Immigranten in Ungarn, bemerkt Dr. Salát: „Zwischen 1989 und 1992 hatten wir eine enorme Nachfrage und auch ein enormes Angebot. Ungarn war ein Paradies für diese Geschäftsleute, sie konnten alles mögliche verkaufen und machten ein Vermögen. Es war auch ein Schock für Ungarn, denn es handelte sich um das erste große Eintreffen von Migranten, die nicht aus Europa kamen. '92 entschied die Regierung dann, die Visumspflicht wieder einzuführen.“

In der Folge verließen viele Chinesen das Land, um neue Möglichkeiten in Nachbarländern oder zu Hause zu nutzen. Es blieben zwischen 10 000 und 20 000 hier, aber die Fluktuation ist so hoch, dass genaue Zahlen unmöglich zu liefern sind. Als vielmehr in einem Stadtteil Budapests konzentriert zu sein, wie in vielen „Chinatowns“ in Europa, ist die chinesische Bevölkerung Ungarns über die ganze Stadt verteilt. Obwohl sie über ihre eigenen Netzwerke eng verbunden ist, befinden sich die meisten Chinesen hier im Wettbewerb, und der war früher erbittert.

„Dies ist nun heute aber ein sehr sicherer Ort und die Ungaren haben keine Konflikte mit den Chinesen. In den Neunzigern gab es einige Kämpfe innerhalb der chinesischen Gemeinschaft, die mit den Triaden oder der Mafia zusammenhingen, wie auch immer man sie nennen will,“ erzählt Dr. Salát. „Es gab einige Morde und Straßenkämpfe. Aber nun sind die Marktanteile festgelegt und wir haben keine chinesische Kriminalität – ich meine, es gibt keine Gewalt, wohl aber Steuerbetrug.“

Das erklärt auch die große Vorsicht im gesamten Fabrikkomplex. Als Alessia, unsere Fotografin, einige Schnappschüsse machen wollte, kam sofort ein Wachmann auf sie zu – einer von Dutzenden, die für die ungefähr 120 Gebäudeeigner arbeiten, welche an chinesische oder vietnamesische Verkäufer vermieten – und gab ihr zu verstehen, dass sie hier nicht fotografieren dürfe.

Während wir durch eine der Außenanlagen dieses „illegalen“ Marktes laufen, führt Dr. Salát aus: „Alle Waren hier sind Fälschungen. Deshalb mögen sie es nicht, fotografiert zu werden. Die Verkäufer sind legal hier, aber sie zahlen nicht alle ihre Steuern. Manchmal kommt die Polizei her und es zeigt sich, dass sie eine bestimmte Summe Bargeld in der Kasse haben sollten oder eine bestimmte Menge an Produkten im Laden. Normalerweise zahlen sie eine Strafe – aber ich denke, die Korruption ist auch hier sehr hoch.

So läuft das hier schon seit vielen Jahren. Es ist ziemlich schwer, die ungarische Staatsbürgerschaft zu bekommen, also müssen sie ihre Aufenthaltsgenehmigung alle ein bis zwei Jahre erneuern. Daher investieren sie nicht auf lange Sicht. Wenn man sich die kleinen Läden anschaut, können sie in fünf Minuten weggeräumt werden.“

Der jüngste Zustrom reicher Chinesen

Die letzte Welle chinesischer Migranten nach Ungarn hat diese Probleme nicht. Seit 2012 hat die Regierung von Premierminister Viktor Orbán Staatsanleihen im Wert von ungefähr 250 000 Euro verkauft (obwohl nun auf rund 300 000 Euro geschätzt), die im Grunde als Aufenthaltsgenehmigung für chinesische Investoren fungieren. Grob um die 2 000 chinesische Bürger hätten bisher eine gekauft.

Dr. Imre Hamar, Direktor des Konfizius-Instituts in Budapest, erzählt mir: „Diejenigen, die so nach Ungarn kommen, unterscheiden sich ziemlich von der ersten Welle der Migranten vor 25 Jahren – sie sind sehr, sehr reich. Sie kaufen nicht nur eine Wohnung, sondern zwei oder drei in den besten Gegenden Budapests. Ich habe von einem gehört, der ein Teehaus eröffnet hat. Er besitzt ein großes Teehaus in China, wo er ein Vermögen gemacht hat und er eröffnete einen kleinen Laden hier – eher zum Spaß als zum Geld verdienen.“

Das Profil der chinesischen Migranten ist eng mit der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft verbunden, wo die Gehälter in den großen Küstenstädten oft dem dreifachen des durchschnittlichen ungarischen Gehalts entsprechen. Der Zustrom neureicher chinesischer Männer und Frauen wird weitgehend als ungesehenes Phänomen betrachtet.

„Es geht nur darum, in den Schengen-Raum zu kommen. Wenn du dir Staatsanleihen für über 200 000 Euro leisten kannst, warum nach Ungarn kommen?“ fragt Dr. Salát, „Es geht um den Verkauf von Aufenthaltsgenehmigungen für Schengen und das war ein ziemlich zynischer Schritt der ungarischen Regierung.“

Integration, Bildung und „Bananen“

Während Ungarn für viele nur ein Zwischenstopp ist, haben sich zahlreiche chinesische Immigranten hier niedergelassen. Wie treffen Tianyang Zhang, einen 28-jährigen, der als freischaffender Chinesisch-Ungarisch-Dolmetscher arbeitet und seit 18 Jahren hier in Budapest lebt. Tianyangs Grund für seinen Umzug unterscheidet sich von dem vieler anderer Chinesen in Budapest: „Die meisten Chinesen verlassen ihr Land nur, um mehr Geld zu verdienen – es ist eine geschäftliche Geisteshaltung. Ich kam wegen der Schule her. Also war es nicht die typische damalige chinesische Geschichte. Bis ich neun Jahre alt war, lebte ich bei meinem Vater. In China war ich kein guter Schüler. Meine Mutter, damals im Jahre 1997, lebte schon fast 9 Jahre hier.

Während die meisten chinesischen Kinder in den Neunzigern auf internationale Schulen gingen, wo der Unterricht auf Englisch und Chinesisch stattfand, schickte Tianyangs Mutter ihn in eine ungarische Grundschule, um die örtliche Sprache zu lernen: „Es war am Anfang sehr schwer. Ich hätte in der vierten oder fünften Klasse sein sollen, aber ich wurde mit den Erstklässlern zusammengeworfen. In diesem Alter machen drei bis vier Jahre viel aus.“

Während zu dieser Zeit die Integration schwierig und das kulturelle Verständnis eher dünn war, haben sich die Dinge langsam verbessert und die Bildung spielte dabei ihre Rolle. Eine Reihe zweisprachiger Schulen wurde eröffnet, die Unterricht sowohl in Ungarisch als auch Chinesisch anbieten und die deshalb bei ungarischen Eltern beliebt sind. Das Konfuzius-Institut in Ungarn hat von der Staatsregierung fast 400 000 Euro für die Schaffung eines chinesisch-ungarischen Wörterbuchs erhalten.

Eine andere Initiative ist Csodálatos Mandarin, Ungarns älteste chinesischsprachige Radiosendung vom unabhängigen, nichtkommerziellen Sender Tilos Rádió, die Tianyang seit zehn Jahren moderiert. Wie auch immer, er ist sich über sein Ziel für die Sendung im Klaren: „Ich möchte mir nicht eine so große Last aufbürden, dass ich es für die chinesische Gemeinschaft tue oder für das Zusammenkommen zweier Nationen – das ist eine sehr große Dimension für mich. Ich tue es auf der persönlichen Ebene.“

Als jemand, der seit rund 18 Jahren im Land lebt, hat Tianyang ein gewisses Maß an Integration gesehen. Aber die Reaktionen darauf waren gemischt: „Einige der hier geborenen chinesischen Kinder können kein Chinesisch sprechen und werden oft „Bananen“ genannt – außen gelb, innen weiß. Einige der chinesischen Teenager, die hier seit '97 geboren wurden, können nur Ungarisch sprechen – sie haben sogar ungarische Namen.

Das ist eine Tendenz, die es in anderen europäischen Ländern seit vielen Jahrzehnten gibt [chinesische Kinder mit westlichen Nahmen, A.d.R.], aber es hat auch hier angefangen. Auf der anderen Seite gibt es das positive Vorurteil, dass in Ungarn geborene Chinesen von Firmen eingestellt werden, die in China Geschäfte machen, auch wenn sie kein Chinesisch sprechen.“

Tianyangs Worte sind sorgfältig gewählt, aber es gibt keinen Zweifel über seinen scharfen Einblick in die Beziehung zwischen den chinesischen Immigranten und den Ungarn. Es gebe eine Art soziokulturelle Distanzierung von beiden Seiten, so Tianyang. Im Prinzip leben die beiden Gemeinschaften noch immer nebeneinander und nicht miteinander, trotz einer gewissen Anpassung während der letzten 25 Jahre.

„Wenn du ein chinesisches Gesicht hast, wirst du von den Ungaren als Chinese behandelt – auch wenn du eine ungarische Mutter oder Partner und hier dein ganzes Leben gelebt hast. Ob das positiv oder negativ ist, hängt von der persönlichen Erfahrung ab, aber es ist eine Tatsache. Auf der anderen Seite ist die Sache mit den Chinesen, dass wir keine Ideologien heraufbeschwören. Wenn du Geschäfte mit uns machst, machst du Geschäfte mit uns. Uns kümmert dein System nicht wirklich. Du tust, was du tust und wir tun, was wir tun.“

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe EUtoo 2015 zu Europas Enttäuschten, gefördert von der Europäischen Kommission.