Papilio Buddha: Filmzensur made in India

Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 22. Februar 2014

In­di­sches Kino ist nicht immer nur schil­lernd und bunt: Der Fall des Dra­mas Pa­pilio Bud­dha (2013) von Jayan K. Che­ri­an zeigt, dass die in­di­sche Zen­sur mit har­ter Hand und spit­zer Sche­re vor­geht. Schwu­le? Da­lits? Mao­is­ten? Das geht auf in­di­schen Lein­wän­den immer noch nicht. Film­kri­tik

Be­hut­sam stapft der Bio­lo­ge Shan­ka­ran (Sree­ku­mar SP) durch den dunk­len Ur­wald, be­fühlt hier eine Liane, dort ein Stück Rinde und stol­pert schließ­lich über einen toten Pfau. Unter Mühen schleppt er ihn einen Ab­hang hin­auf, bet­tet sich neben ihn und ver­sinkt in tiefe Träu­me, be­deckt von schil­lern­den Pfau­en­fe­dern. Als Shan­ka­ran spä­ter einen Pa­pilio Bud­dha, eine äu­ßerst sel­te­ne Schmet­ter­lings­art, fängt und das  flat­tern­de Etwas sei­nem Freund Jack (David Briggs) prä­sen­tiert, mag der Zu­schau­er sich im Pa­ra­dies wäh­nen. Idyl­lisch sind hier aber nur die Mor­gen­ne­bel über dem Ur­wald, die schon wenig spä­ter von der bru­ta­len Rea­li­tät zer­ris­sen wer­den. Denn Shan­ka­ran ist in der hin­du­is­ti­schen Ge­sell­schafts­ord­nung ein Dalit - ein Kas­ten­lo­ser, Un­be­rühr­ba­rer.

lie­ber Ab­hän­gen oder Agi­tie­ren?

Shan­karans Vater Ka­riyan (ge­spielt von dem Ex-Maoisten, Da­lit-Vor­kämp­fer und Um­welt­ak­ti­vis­ten Kal­len Pok­koo­dan)  setz sich schon jahr­zehn­te­lang gegen die bru­ta­le Be­hand­lung der Da­lits durch Be­hör­den und Mit­bür­ger ein. Auch Manju (Sa­ri­tha Sunil), die auf einem il­le­gal be­set­zen Stück Land eine Grund­schu­le ein­ge­rich­tet hat, kämpft gegen Igno­ranz und se­xu­el­le Über­grif­fe. Shan­ka­ran aber könn­te die ganze Agi­ta­ti­on kaum gleich­gül­ti­ger sein: Er zieht es vor, mit Jack durch die Wäl­der zu strei­fen, von einem Neu­an­fang in Ame­ri­ka zu träu­men oder mit sei­nen nai­ven NGO-Freun­den her­um­zu­hän­gen. Als der Bio­lo­ge und sein ame­ri­ka­ni­scher Freund von der Po­li­zei beim Schmet­ter­lings­fang ge­schnappt wer­den, Jack sei­nen Freund ver­rät und Shan­ka­ran ins Ge­fäng­nis wan­dert, wird er in einen Stru­del der Ge­walt und Will­kür ge­zo­gen.

Of­fi­zi­el­ler Trai­ler von Pa­pilio Bud­dha (2013) des in­di­schen Re­gis­seurs Jayan K. Che­ri­an.

Wo sol­len Da­lits woh­nen, wenn sie durch die Hab­gier in­ter­na­tio­na­ler Kon­zer­ne und den Raub­bau an der Natur Ke­ralas ihre Län­de­rei­en ver­lie­ren? Warum wird diese Be­völ­ke­rungs­grup­pe, die doch seit der de­mo­kra­ti­schen Staats­grün­dung 1947 die glei­chen Rech­te wie alle Kas­ten ge­nie­ßt, wei­ter­hin auf das Übels­te un­ter­drückt? Warum kann die Po­li­zei Da­lit-Ak­ti­vis­ten un­ge­straft fol­tern? Der Spiel­film Pa­pilio Bud­dha (2013) des aus Ke­ra­la stam­men­den Dich­ters Jayan K. Che­ri­an quillt vor un­an­ge­neh­men Fra­gen nur so über. Wer dach­te, das „Da­lit-Pro­blem“ sei im 21. Jh. längst ge­löst, wird durch die­ses Debüt eines Bes­se­ren be­lehrt, denn der grau­sa­me Kampf der Be­hör­den gegen Da­lit-Ak­ti­vis­ten ist eben­so be­legt wie die Ver­trei­bung vie­ler Kas­ten­lo­ser aus länd­li­chen Ge­bie­ten. An­ge­sichts der Spreng­kraft die­ser The­men scheint die Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen Shan­ka­ran und Jack bei­na­he harm­los, trotz in In­di­en immer noch weit ver­brei­te­ter Ho­mo­pho­bie.

Die kurze Lie­bes­sze­ne zwi­schen dem Dalit und dem Schmet­ter­lings­for­scher war dann auch nicht der Grund, warum das Cen­tral Board of Film Cer­ti­fi­ca­ti­on (CBFC) sich wei­ger­te, Pa­pilio Bud­dha für das in­di­sche Ki­no­pu­bli­kum frei­zu­ge­ben. Kri­ti­siert wur­den viel­mehr die Fol­ter- und Ver­ge­wal­ti­gungs­sze­nen, ein zu gro­ßes in­ter­re­li­giö­ses Kon­flikt­po­ten­ti­al und die Ver­un­glimp­fung Gan­dhis. Da Che­ri­an sich wei­ger­te, die 25 ge­for­der­ten Schnit­te zu ma­chen, dau­er­te es wei­te­re acht Mo­na­te, bis das Film Cer­ti­fi­ca­ti­on Ap­pel­la­te Tri­bu­nal (FCAT) Pa­pilio Bud­dha end­lich sein Pla­cet er­teil­te – al­ler­dings nicht in sei­ner ur­sprüng­li­chen Form. Schwu­le? Da­lits? Mao­is­ten? Sie alle sieht man auf den glit­zern­den Lein­wän­den Bol­ly­woods kaum. „Aber auch in In­di­en gibt es eine star­ke LGBT-Be­we­gung“, sagt Che­ri­an. „Alle soll­ten ihre Se­xua­li­tät so frei aus­le­ben kön­nen wie Shan­ka­ran.“

Kri­tik am Über­va­ter Ma­hat­ma Gan­dhi

Dass sich Jayan K. Che­ri­an traut, all diese Konfliktthe­men in einem ein­zi­gen Film zu ver­ei­nen, be­weist ge­sell­schaft­li­chen Mut. Nicht ein­mal der Über­va­ter In­di­ens ist vor Kri­tik si­cher: „Wäh­rend Gan­dhi von vie­len als Be­frei­er der Kas­ten­lo­sen ge­fei­ert wird, gibt es eben­so Be­we­gun­gen, die Gan­dhis tiefe Ver­wur­ze­lung im kon­ser­va­tiv-hin­du­is­ti­schen Ge­dan­ken­gut kri­ti­sie­ren. Die meis­ten Da­lit-Ak­ti­vis­ten fol­gen den Leh­ren von Bhim­rao Ramji Am­bed­kar, der in den 1940er und 1950er Jah­ren we­sent­li­che Rech­te für die Da­lits erstrit­ten hat“, meint Che­ri­an. In einer der letz­ten Sze­nen ver­bren­nen die Ak­ti­vis­ten um Ka­riyan denn auch eine Gan­dhi-Strohpup­pe, bevor sie zum Bud­dhis­mus über­tre­ten und ihren Hass an den wohl­si­tu­ier­ten „Gan­dhi peace­niks“ aus­las­sen. 

Wie schon in der Rea­li­tät geht die Sache für Shan­ka­ran und seine Mit­strei­ter in Pa­pilio Bud­dha bit­ter aus. In den letz­ten Sze­nen, die an den Trail of Tears der ame­ri­ka­ni­schen In­dia­ner er­in­nern, zie­hen sie lang­sam aus ihrem Hei­mat­land ab, auf der Suche nach einem neuen Zu­hau­se, in dem sie auch wie­der fremd sein wer­den, aus­ge­sto­ßen und mit Füßen ge­tre­ten. Den ke­ra­li­ti­schen Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen war Pa­pilio Bud­dha trotz Zen­sur im­mer­hin vier Film­prei­se wert und auch bei der 64. Ber­li­na­le fand Che­ri­ans Film viel An­klang. Es wäre zu hof­fen, dass Pa­pilio Bud­dha in In­di­en aber nicht nur künst­le­ri­sche An­er­ken­nung wie­der­fährt, son­dern dass der Film auch seine ganze so­zia­le Spreng­kraft ent­fal­ten kann. Die in­di­schen Zen­sur­be­hör­den wer­den sich wohl in den nächs­ten Jah­ren auf immer mehr schil­lern­de Schmet­ter­lin­ge ein­stel­len müs­sen. 

CA­FE­BA­BEL BER­LIN BEI DER 64. BER­LI­NA­LE

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