Papierbomben auf der römischen Schwulenmeile

Artikel veröffentlicht am 23. September 2009
Artikel veröffentlicht am 23. September 2009
Ein Porträt über die verschiedenen Gesichter der italienischen Homophobie nach den Anschlägen auf die römische Gay-Community im Spätsommer.

„Es gibt Leute verschiedenen Geschlechts, die sich nicht so lieben wie andere des gleichen Geschlechts“, sagt ein Kind, das mit seinen neun Jahren versucht, Homosexualität zu definieren. Diesen Satz hören wir auf dem Hof einer italienischen Grundschule, wo andere Kinder spielen, rennen und rufen.

Dieser Satz ist das Zeugnis eines Landes, das sich der Diversität öffnet, indem es über sie spricht und sie damit schon zur Hälfte akzeptiert. Könnte man zumindest hoffen. Oder, einfacher gesagt, eine Sammlung von Zeugnissen und Gesichtern, wie ein Dokumentarfilm. Einer der vielen, mit denen Bella Italia überzeugt werden soll, wie umfassend die Definition des „Normalen“ ist - vor allem in der Liebe. Nur schade, dass die Stimme des Kindes eben wieder nur von einer Kinoleinwand herunterschallt. Amore e basta ist nämlich keine Kapitulationserklärung an jede Art sexueller Vorurteile, sondern nur der Titel des Dokumentarfilms von Stefano Consiglio, der seit dem 4. September in italienischen Kinos läuft.

Papierbomben, Aggressivität und Omertà

Hier kannst du fragen wen du willst, alle sind „gay friendly“.

Die Berichterstattung aus der Via San Giovanni in Laterno - auch als die Schwulenmeile von Rom bekannt - macht viel Lärm. In dem Stadtviertel nahe dem Kolosseum, in dem die homosexuellen Hauptstädter verkehren, wurde die Diversität mit Füßen getreten, mit Fäusten traktiert, Beleidigungen überschüttet und nun sogar mit Bomben beworfen. „Von wem? Wenn wir das wüssten… Hier kannst du fragen wen du willst, alle sind „gay friendly“. Und wenn sie dich verprügeln, tun sie das doch nicht, weil du, Mann, vor ihren Augen einen anderen Mann streichelst, aber nicht doch! Sie verprügeln dich höchstens, weil die Farbe deines T-Shirts nicht zu der deiner Hose passt. So etwas kann schon vorkommen. In Italien.“ Mit diesen Worten ironisiert ein Transgender diese Phänomene in der Schutzzone, die nach dem Papierbomben-Anschlag in der Via San Giovanni in Rom am 1. September kurz vor Mitternacht eingerichtet wurde. 

Damit spielt er auf Svastichella an, den Mann, der im vergangenen August zwei Homosexuelle angriff (und einen schwer verletzte), als er sah, wie sie sich vor dem Gay Village (berühmte Gay-Party im römischen Stadtviertel Testaccio) küssten: „Nicht weil sie homosexuell sind, sondern weil sie mich beleidigt haben.“ In Italien wird man ganz zufällig homophob, wenn die Diversität so unvorsichtig ist, ihr Reservat zu verlassen, und mit Politik hat das alles nichts zu tun. Nicht einmal mit der Politik gewisser Parteien, Bewegungen, Organisationen. Rein gar nichts.

Rechte verteidigen

Seit wir im Jahr 2006 begonnen haben, Daten zu sammeln, ist die Zahl der Homosexuellen gestiegen, die wegen Gewalttaten Anzeige erstatten. Dies ist ein positives Zeichen.

„Homophobie ist ein Phänomen, das vor allem in den letzten Jahren zugenommen hat. Seit wir im Jahr 2006 begonnen haben, Daten zu sammeln, ist die Zahl der Homosexuellen gestiegen, die wegen Gewalttaten Anzeige erstatten. Dies ist ein positives Zeichen: Es bedeutet, dass die Menschen Mut zur Anklage haben. Aus menschlicher, sozialer Sicht ist es andererseits natürlich negativ, dass es solche Übergriffe überhaupt gibt. Der Vorfall in Rom ist äußerst schwerwiegend und das Schlimmste ist, dass die Gewalt gegen uns auch in vielen anderen italienischen Städten eskaliert“, erklärt der Vorsitzende des italienischen Schwulen- und Lesbenverbands Arcigay, Aurelio Mancuso. „Es ist eine Reaktion auf die Tatsache, dass wir ein öffentliches Problem aufwerfen und Forderungen stellen. Wenn wir politische Deckung hätten, wenn man uns ein paar Rechte eingestehen würde, würde unsere Diversität mit der Zeit aus kultureller wie sozialer Sicht minimal werden.“

Politisches Desinteresse

Nach jedem Vorfall von Intoleranz regnet es Erklärungen des Bürgermeisters, des Parlamentariers, des Parteisekretärs und danach bleibt alles genau wie vorher. „Es gibt sogar politische Strömungen, die zur Homophobie aufhetzen. Und die Kirche mit ihrer Meinung über Homosexuelle leistet ebenfalls einen Beitrag. Wir fordern von Regierung und Parlament so schnell wie möglich angemessene Antworten, die sich nicht nur ideologisch, sondern seriös und konkret mit dem Schutz unserer Unversehrtheit konfrontieren, angefangen von der Erweiterung des Gesetzes Mancino über Hassdelikte gegenüber Homosexuellen und Transgender. Dies, um vor allem dem sozialen und kulturellen Klima entgegenzuwirken, das sich derzeit in unserem Land verbreitet, und somit den Rückstand hinter anderen europäischen Ländern aufzuholen“, schließt Mancuso.

Außerdem sieht man in der Via San Giovanni immer wieder Leute mit etwas zu sehr rasierten Köpfen, die stehen bleiben, böse Blicke werfen oder bei den Arcigay-Events Anti-Flugblätter verteilen, mit Botschaften wie „Mutter + Vater = eine normale Familie“.

„Auf unserem Protestplakat vom 2. September stand „Wir haben keine Angst“. Aber das stimmt nicht. Auch wir fürchten die Diversität, nämlich die, die Unterschiede mit Stockschlägen auslöschen will. Wissen Sie, wie oft ich schon getreten wurde? Oder mit einem Messer bedroht? Ich muss lachen, wenn ich diese Filme sehe, in denen es so hingestellt wird, als sei die ganze Feindseligkeit, die ein Andersgearteter - wie ihr das ausdrückt - ertragen muss, die der eigenen Eltern“, sagt die Transgender-Frau Monica, die an der Bar vor dem Kolosseum etwas trinkt und deren Rock und Shirt - beide rot - hervorragend aufeinander abgestimmt sind.