Panini, der Mythos (k)lebt

Artikel veröffentlicht am 16. September 2008
Artikel veröffentlicht am 16. September 2008
Wenn Europa im Zusammenhang mit dem Rasensport in Kindheitserinnerungen schwelgt, dann denkt es wohl kaum an die entscheidenden Tore der großen Stars. Vielmehr erinnert es sich an die unauffindbaren Porträtbilder, die gefehlt haben, um mit einem kompletten Panini-Sammelalbum in der ganzen Schule zu glänzen.

Jeder, der mit dem Fußballvirus infiziert war, kann seine erste bewusst mitgefieberte EM oder WM genau mit Jahreszahl, Austragungsland und Sieger datieren: Es ist das Jahr, als die Märchenbücher aus dem Regal geräumt wurden, um Platz für die Ikonensammlung zu machen; das Jahr, in dem einen das Panini-Sammelfieber gepackt hat.

Klebende Dribbelgötter

Panini ist Inbegriff für eine große Leidenschaft, die auf Europas Schulhöfen seit Generationen geteilt wird. Auch heute assoziiert kein Dreikäsehoch Panini mit den leckeren, belegten Broten aus Italien, sondern er denkt an sein Stickeralbum. Wie aus der Pistole geschossen zählt er französische, englische und holländische Ballkünstler auf, ohne dabei einen Knoten in der Zunge zu bekommen. Die Teilnehmerländer kann er wahrscheinlich nicht in einem Atlas finden. Aber er kann sein Album genau auf der richtigen Seite aufschlagen und die Flaggen von Schweden, Kroatien und Portugal aus dem Stegreif malen.

©paninionline.comMillionen von Kindern weltweit geben bis heute ihr Taschengeld für die berühmten Panini aus. 1 Euro 50 kostet das passende Album mit den ersten fünf Klebebildern. Für jedes weitere Stickertütchen muss der Fußballfan Großeltern, Nachbarn und entfernte Verwandte um 60 Cent anhauen, damit er die insgesamt 500 Bildchen zusammen bekommt.

Panini-Alben sind vielmehr als eine teure Sucht für Fußballfanatiker. Sie sind eine wahre Trickkiste, um im Geounterricht zu glänzen. Deutsche Knirpse wissen, dass München die Hauptstadt von Bayern ist, während die kleinen Spanier Madrid, Barcelona, Sevilla und die anderen Städte der Primera División kennen, ohne je da gewesen zu sein.

Panini um den Globus

“Das Unternehmen wurde 1961 im italienischen Modena von den Gebrüdern Panini gegründet“, berichtet Antonio Allegra, Managing Director von Panini Italia. Schon im selben Jahr waren die ersten Tüten mit zwei Stickers zu einem Preis von 10 Lire (0,05€) erhältlich. Bruno Bolchi, der damalige Mannschaftskapitän bei Inter Mailand, kann sich damit rühmen, als allererster auf ein Abziehbildchen im Format 4,9cm x 6,5cm gedruckt worden zu sein und somit eine Ära eingeleitet zu haben. Bereits im ersten Jahr gingen 3 Millionen Tüten über die Ladentische, was selbst die Familie Panini überraschte und zugleich anspornte weiterzumachen.

In den 70er Jahren griff die Sammelsucht schließlich auf den ganzen Kontinent über. Das Familienunternehmen gab Alben für die diversen europäischen Ligen sowie für Europa- und Weltmeisterschaften heraus. Später wurde die Kollektion mit den Heftchen zur Champions League komplett gemacht.

“Das Unternehmen hat Filialen in Barcelona, Nizza, Stuttgart, Kent und Lateinamerika und versucht jetzt in Polen Fuß zu fassen“, so Allegra. “Die Produktion der Aufkleber erfolgt aber ausschließlich in Modena.“ Heute druckt der Panini-Verlag rund 6 Milliarden Sammelbilder jährlich, wobei “diese Zahl davon abhängt, ob ein internationales Großereignis stattfindet oder nicht“, erklärt Allegra weiter.

Ein Doppel kommt gar nicht in die Tüte

©paninionline.comDie Firma betont immer wieder, dass jeder Spieler gleich oft gedruckt wird. Ein raffiniertes, eigens entwickeltes Druck- und Mischsystem garantiere, dass kein Bild zweimal in der Tüte lande und dass man höchstens zwei Kartons brauche, um alle leeren Felder zu bekleben. Viele Kinder, die überall verzweifelt nach dem einen Bild suchen, das für die komplette Sammlung fehlt, begegnen diesem komplizierten Verteilungssystem aber mit großer Skepsis. Immer wieder fallen beim vorsichtigen Öffnen der Tüten die gleichen Spieler heraus, die dadurch, ungeachtet ihrer Ballkünste, an Glanz verlieren. So kann ein seltener rumänischer Reservespieler ein Kind mehr zum Strahlen bringen als ein allgegenwärtiger spanischer Goleador. Die Wahrscheinlichkeit, sein Album zu füllen, ohne sich je über ein Doppel zu ärgern, ist aber geringer, als über 30 Mal einen Sechser im Lotto zu tippen.

Um dieser Verzweiflung vieler Kinder und Kind gebliebenen Fußballfreaks ein Ende zu setzen, hat der Panini-Verlag seine Archive geöffnet. Ein einfacher Anruf in Modena genügt, um wenige Tage später den jahrelang ersehnten Aufkleber endlich in das vorgedruckte Rechteck kleben zu können. Mittlerweile bieten auch viele Online-Tauschbörsen Sammlern den Sticker zum Glück.

Auch auf Online-Plattformen, beispielsweise in der Facebook-Gruppe “Je suis adulte mais je continue à faire des albums Panini“ (“Ich bin erwachsen, sammle aber immer noch Panini-Sticker“) tauscht man Erinnerungen an seine ersten Alben, gefälschte Sammelbilder und an den unvergesslichen Geruch beim Öffnen der Tüten aus. Für die großen Panini-Nostalgiker öffnete anlässlich der Europameisterschaft 2008 sogar ein Panini-Museum in Bern seine Tore.