Osman Engin, der alltägliche Irrsinn

Artikel veröffentlicht am 13. April 2007
Artikel veröffentlicht am 13. April 2007

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Mit seinen Satiren zieht der Bremer Osman Engin, 46, die deutsch-türkische Lebenswelt ins Groteske.

Lautes Lachen schallt Osman Engin entgegen. Kein Wunder: Es ist dem Kabarettist ein Leichtes, mit seinen satirischen Geschichten das Publikum anzustecken. Das häufigste Symptom: Lachen mit Bauchschmerzen. Auch an diesem Abend ist das im Saal des Kulturzentrums „Lagerhaus“ in Bremen nicht anders. Die Stimmung seiner Zuhörer springt während der Lesung meistens auch auf den Satiriker selbst über. Schmunzelnd hält er kurz inne, wischt sich die Träne von der Wange und liest nach tiefem Luftholen weiter:

„Als erstes musst du, lieber Onkel Ömer, aufhören im Dorf damit zu prahlen, dass du jeden Monat zwei Schafherden über die persische Grenze schmuggelst. Vor allem dann nicht, wenn europäisch gekleidete Männer im Dorf rumlaufen. Das könnten doch EU-Kommissare sein! Die EU will keine gemeinsame Grenze mit dem Iran oder Syrien! Du solltest den Kommissaren lieber erzählen, dass du von unseren australischen Nachbarn Känguruherden und von unseren japanischen Nachbarn Sushiherden rüberschmuggelst.“

So versucht Osman Engin in seiner Satire „Die EU will das so“, seinem Onkel Ömer die Europäiche Union zu erklären – schließlich will die Türkei eines Tages EU-Mitglied werden. Über 100 Zuschauerinnen und Zuschauer lauschen im „Lagerhaus“ Engins Erklärungen. Ganze zwei Stunden dauert seine Lesung, danach müssen sich einige die vor Lachen verkrampften Wangen massieren.

„Ich bin ein bisschen ironisch“

Nach der Lesung findet der Satiriker Zeit für das Gespräch über seine Bücher. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und lächelt zuvorkommend. Immerhin scheint für ihn ein Gespräch nach dem Auftritt keine lästige Pflicht zu sein. Seit 25 Jahren werden seine Satiren veröffentlicht. Mit zehn Jahren hat er angefangen zu schreiben. Mit zwölf Jahren entsteht sein erster Liebesroman, mit 15 arbeitet er an Westerngeschichten. Erst mit 17 entdeckt der Bremer seine Liebe zu Satiren. „Ich glaube, ich liebe Satiren, weil ich selber ein bisschen ironisch bin. Meine Freunde sagen, sie wissen nie, wann ich ernst bin oder wann ich Spaß mache. Und ich habe in meiner Kindheit alle Bücher von Aziz Nesin gelesen“, sagt Osman Engin. Der 1995 verstorbene legendäre türkische Satiriker Nesin ist sein Vorbild. Engin tritt in seine Fußstapfen. Aziz Nesin veralberte mit seinen Satiren die türkische Gesellschaft, seine Kritik gegenüber dem Islam verschaffte ihm viele Feinde.

Zwischen 1983 und 2003 schrieb Osman Engin jeden Monat satirische Kurzgeschichten für das Stadtmagazin „Bremer“, danach wechselte er zum Hamburger Magazin „Oxmox“. Zwölf Bücher hat er schon veröffentlicht. „Kanaken-Gandhi“ war bisher das erfolgreichste und soll nun bald verfilmt werden. Sein neuestes Buch „Getürkte Weihnachten“ ist letztes Jahr erschienen.

Deutsche und Türken – Aufs Korn genommen

Mit seinen Satiren möchte der Bremer, der 1989 einen Hochschulabschluss als Sozialpädagoge machte, die Leser auf soziale Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft aufmerksam machen. Er will zum Nachdenken anregen. Zugleich nimmt er die Verhaltensweisen der Deutschen und Türken aufs Korn. „Die Deutschen würden dazu sagen: Ihnen den Spiegel vorhalten“, erklärt Osman Engin und gönnt sich ein Schluck Cappuccino.

Ein bayerischer Schuldirektor verschaffte Osman Engin für kurze Zeit ein klein wenig Berühmtheit. Osman Engin wurde 1999 vom Gymnasium in Geretsried bei München zu einer Lesung eingeladen. „Der Schuldirektor verbot diese Lesung – aus ‚pädagogischen Gründen’“ erzählt Engin schmunzelnd. Die Schüler protestierten, türkische und deutsche Medien berichteten. Besonders ein Artikel in der Berliner „tageszeitung“ bescherte ihm eine unerwartete, aber willkommene PR. „Wahrscheinlich fand der Direktor meinen Humor doch zu überzogen“, resümiert der Satiriker.

Türkischer Alltag und alltäglicher Rassismus

„Bisher haben sich nur wenige über meine Satiren beschwert“, sagt Engin. Es klingt fast wie eine Entschuldigung. Also wird der Bremer wohl stets den Nagel auf den Kopf getroffen haben, wenn er die Alltagsrealität der Menschen ins Absurde zieht und pointiert wiedergibt. Aber der 46jährige schöpft auch aus seinen eigenen Erfahrungen. In seinen Büchern verschont er auch sich selbst nicht. Sein Migrationshintergrund spielt dabei keine unwesentliche Rolle.

Sei es sein Romanheld Osman, der als Patriarchat zu nichts taugt und dem alle Familienangehörigen auf der Nase herumtanzen. Sei es der übliche Alltagsrassismus, der durch Beamtenwillkür seine ganze Pracht entfaltet. Seien es türkische Rituale wie die manchmal lästigen Familienbesuche, die vor allem den türkischen Lesern bekannt vorkommen müssen. – Dies alles führt Osman Engin ins Absurde. Man weiß nicht, ob der Autor sich selbst karikiert, ob er eigene Erfahrungen in seine Geschichten einfließen lässt oder ob er ganz einfach die Lebenswelt eines Freundes unter einem Pseudonym widerspiegelt. „Es bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen, das zu enträtseln“, sinniert der Satiriker.

Satire als Vorbild

Letztes Jahr bekam er für seine Satire „Ich bin Papst“ den ARD-Medienpreis. Für Engin ist das eine wichtige Bestätigung Seine Satire spiele laut Jury „humorvoll mit alltäglichen Vorurteilen und Klischees.“ Fragt sich allerdings, wie die Türken in Deutschland sein literarisches Schaffen wahrnehmen.

„Bei meinen Lesungen begegne ich sehr vielen Türken“, erklärt der Satiriker. „Und sie freuen sich, dass wir Türken in Deutschland schreiben.“ Engin glaubt, dass deutsch-türkische Autoren wie Feridun Zaimoglu, Akif Pirincci, Emine Sevgi Özdamar oder auch seine Wenigkeit als Vorbilder für türkische Jugendliche in Deutschland dienen können. Diese Autoren sind ein Beispiel dafür, dass die Deutsch-Türken im deutschen Literaturestablishment angekommen sind. „Die beste Bestätigung meiner Satiren ist das Lachen meines Publikums“, schmunzelt der Bremer.

Auf der Couch von Dr. Babel

Fühlen Sie sich eher in Ihrer Region, Ihrem Land oder in Europa zuhause? Ich fühle mich dort zuhause, wo ich die Sprache verstehe.

Was verbinden Sie mit Europa? Demokratie.

Wie viele europäische Sprachen sprechen Sie? Nur Türkisch und Deutsch.

Welchen Teil Europas kennen Sie nicht und würden Sie gerne bald kennen lernen? Die skandinavischen Länder.

Denken Sie, dass Europa Grenzen hat?

Ja. Indonesien würde ich zum Beispiel nicht dazu zählen.

Welche europäische Stadt hat sie am meisten geprägt? Rom.

Welche Küche mögen Sie am meisten in Europa? Italienisch.

In welchem europäischen Land würden Sie am liebsten leben? In mehreren, unter anderem in der Schweiz.

Welche europäische Persönlichkeit hat Sie am meisten beeindruckt? Leonardo da Vinci.

Welche Vorteile bringt Europa? Nationalismus zu überwinden.

Halten Sie die europäische Verfassung für notwendig? Ja.

Welches europäische Ereignis hat Sie am meisten beeindruckt? Fall der Mauer.

Europa in 15 Jahren?

Hoffentlich dann mit der Türkei.