Oscar-Kandidat Jacek Borcuch: Polen goes to Hollywood

Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2010
Artikel veröffentlicht am 3. Dezember 2010
Der Film Alles was ich liebe (Wszystko co kocham) des polnischen Regisseurs Jacek Borcuch (40) ringt 2011 mit weiteren 64 Titeln um den Oscar in der Kategorie 'Bester fremdsprachiger Film'. Borcuch erzählt eine nostalgische Geschichte über das Erwachsenwerden mit einer Punk-Rockband in den Jahren des Kriegsrechts in Polen.

Es war alles andere als einfach dieses Interview zu bekommen. Jacek Borcuch dreht gerade eine Serie für die polnische Fernsehstation HBO. Nach einigen Telefonaten und verschobenen Terminen verabreden wir uns aber schlussendlich im Cafe "Kafka" im Warschauer Viertel Powiślu, gleich in der Nähe des Hauptsitzes der Warschauer Universität. Ich setze mich an einen der wenigen freien Tische und warte. Nach einer Viertelstunde taucht mein Gesprächspartner auf. Jacek Borcuch erinnert mich an jemanden aus New York - dunkle Sonnenbrille, Mantel mit Fischgrätenmuster und abgetragene Chucks.

Während er braunen Zucker in seinen Espresso rührt, antwortet er etwas gelangweilt auf die Fragen nach seinem Gefühl bezüglich der Nominierung. "Darüber wird schon seit mehreren Monaten spekuliert, aber mittlerweile habe ich mich bereits daran gewöhnt", informiert er kühl. Wie er seine Chancen auf einen Oscar einschätzt? "Ich glaube an Märchen und Wunder, aber die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass man viel Geld braucht und eine wirklich professionelle Lobby. Um so mehr, weil "in Polen zur Zeit nichts passiert, was von internationalem Interesse wäre. Weder ein Krieg noch irgendwelche politischen Ereignisse, die die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit fesseln würden. Und die Politik der Filmpreisverleihungen hat immer so eine leichte linke Neigung", kommentiert er nüchtern. Borcuch schaut sich nach einem Aschenbecher um. Keiner da. "Wenn ich gewusst hätte, dass man hier nicht rauchen darf, hätte ich eine andere Kneipe ausgesucht."

Liebe, Rebellion und Musik

Borcuchs Film Alles was ich liebe (Wszystko co kocham; 2009) erzählt von einer Clique junger Leute aus einer kleinen Hafenstadt, die in der Wirklichkeit des polnischen Sozialismus aufwächst. Es ist eine Zeit der emotionalen Initiation vor dem Hintergrund großer Geschichte. Der Film ist ein sentimentaler Ausflug in die Jugendzeit des Regisseurs: "Da ist nichts Erfundenes dabei. Das ist die Geschichte meiner Nachbarschaft, genau so wie sie damals aussah."

Im Film, genauso wie im Leben des Regisseurs, spielt Musik eine wichtige Rolle. Jacek spielte mit Freunden aus der Nachbarschaft in einer Punkband. Mit seinem Bruder, Daniel Bloom, gründete er die Gruppe Physical Love. Bloom stellte zudem den Soundtracks zu Alles was ich liebe zusammen. Auf dem Album wechseln sich melodisch-melancholische Arrangements mit Titelnn der polnischen Kultrockband Dezerter und der Punkband WC ab.

Die polnische Presse ließ kein gutes Wort an der Filmmusik; Jacek erinnert sich an den Ausdruck "Schmalz-Punk", den einer der Kritiker verwendete. "Für mich ist Punk weder ins Mikrofon zu brüllen noch Leder, Nieten und Iro", sagt er ironisch. "Die größten und erfahrensten Punks trugen zerschlissene Pullis und normale Hosen. Sie hatten Chucks statt Springerstiefeln an und die Haare zur Seite gekämmt."

Aber Jacek Borcuch macht sich nichts aus der Kritik. "Ich habe eine Eigenschaft, die ich an mir sehr mag - wenn ich ins Kino gehe, dann schalte ich ab, ich will mich vom Künstler mitnehmen lassen. Filme werden gemacht, um jemandem etwas zu erzählen, und der, der kritisiert, will alles nach seinem Geschmack ändern. Bloß dass das keine Kritik ist, sondern eine Form von literarischem Imperialismus. Bei meinen Leidenschaften bin ich egoistisch. Warum sollte ich einen Film machen und dabei schon an die Zuschauer denken? Das ist Aufgabe der PR-Leute."

Emotion vor Geschichte

Trotzdem gibt Borcuch zu, dass es ihn gefreut habe, als Krzysztof Grabowski, der Schlagzeuger der Gruppe Dezerter, nach der Premiere zu ihm kam und sagte: "Scheiße, Jacek, genau so war's." "Sie waren für mich damals Idole, sie waren meine Vorbilder, als ich zu spielen angefangen habe. Und wenn sie mir versichern, dass es so war, wie ich das in meinem Film zeige, dann habe ich das Gefühl, dass ich einen ehrlichen Film gemacht habe." Um die etwas ernste Atmosphäre zu entladen, zeigt er auf das kleine Glas Wasser, das er zu seinem Espresso dazu bekommen hat: "So beginnen echte Männer ihren Tag", scherzt er...

Ein europäischer Künstler in amerikanischer Nachbarschaft

Borcuchs Film wurde unter anderem beim diesjährigen Sundance Festival gezeigt (als erster polnischer Film, der sich für die Hauptrunde qualifiziert hat), bei den Filmfestivals in Rotterdam, Brüssel, Setubal, Los Angeles und New York. Ich stelle also die offensichtlich zu traditionelle Frage, wie das internationale Publikum den Film aufgenommen hat. "Ich warte auf Fragen, die man mir noch nicht gestellt hat", kontert er.

“Direktheit ist Jaceks starke Seite. Ja, ja, der Film gefiel", bestätigt er knapp. Und haben die Zuschauer den historischen Realismus zu schätzen gewusst? "Das Publikum nahm die totalitäre Wirklichkeit, in der zwei junge Leute ihre Gefühle nicht ausleben können, eher hintergründig wahr." Natürlich seien auch Vergleiche mit Romeo und Julia aufgetaucht, aber meistens interessierte das Thema des Erwachsenwerdens.

Die Vielseitigkeit des polnischen Streifens und Oscarkandidaten habe einen der Direktoren des Sundance Festivals sogar so sehr beeindruckt, dass er nach der Vorstellung bemerkte, "einen Film wie vom eigenen Schulhof" gesehen zu haben, "allerdings in einer seltsamen Sprache, die er nicht versteht." Dies wiederum gab dem polnischen Künstler zu denken: "Ich, als Europäer, der Amerika in Frage stellt? Daraufhin fragte ich mich, welche Künstler mich beeinflusst haben." Und er nennt den späten Sergio Leone, Francis Ford Coppola... "Ich habe überlegt, ob ich vielleicht nur den Europäer spiele und in Wirklichkeit völlig umgekrempelt bin? " Doch nach einer Weile fügt er hinzu: "Doch Amerika imponiert mir nicht, vielleicht mit Ausnahme von New York. Ich finde es schwierig, mir mein Leben dort vorzustellen. Aber ich werde erst gar nicht versuchen mir zu beweisen, dass ich dort einen Platz finden kann. Wenn ich irgendwelche beruflichen Ziele habe, dann passen sie in die Grenzen Europas."

Fotos: ©Jacek Borcuch