Ornette: „Ich habe Gainsbourg gehasst"

Artikel veröffentlicht am 6. Oktober 2011
Artikel veröffentlicht am 6. Oktober 2011
„Hätte man ihr erzählt, dass sie eines Tages singen würde – sie hätte es nicht geglaubt“, so lautet der erste Satz der Promo, den man über das Album Crazy lesen kann. Auf ihrer ersten Platte meldet sich Ornette dennoch lautstark zu Wort.
Zwischen Konservatorium, durchgeknallter Familie und kaputtem Computer hat die 28-jährige Sängerin aus Frankreich ein farbenfrohes Musikprojekt geschaffen: spritzigen Pop.

„Alle Sängerinnen sind hübsch, gefallen den Jungs. Ich habe den Jungs nie gefallen“. Aber sicher doch. Groß, platinblond, sonniges Gemüt… Das einzige, was ihr einen Hauch Selbstbewusstsein nehmen könnte, ist ihre große Brille, deren Fassung ein paar kleine, schelmische Augen verdeckt. Ornette ist also hübsch. Bescheiden. Und es fällt schwer, ihr zu glauben - weil sie beteuert, nie an ihrer Stimme gearbeitet zu haben. Als Pianistin einer Jazzband, MOP (später Electric MOP), war sie „die Pianistin mit der Brille. Das Klavier passte zu mir und ich hatte immer nur Projekte mit Instrumentalmusik. Ich hatte mich eigentlich nie als Sängerin gesehen.“

Pfffff, zu bescheiden.

Militärschule, Regina Spektor und Nagellack

Ornette - "Crazy" (2011)Tatsächlich hatte sie niemals die Gelegenheit zu singen. Ornette durchlief einen klassischen Werdegang über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren am Konservatorium. Eine „Militär“-Schule, wo nicht herumgeträllert wird: „Ich durfte keinen Nagellack tragen“, bemerkt sie und zeigt ihre rosagefleckten Nägel, „man musste in Schwarz gekleidet sein, weiße T-Shirts tragen. Eine kompromisslose Schule, auch das. Niemals ist irgendetwas gut genug, niemals präzise genug, es geht nicht schnell genug, es ist niemals sauber genug. Dabei mag ich dreckige Sachen.“ Deshalb gibt sich das neue Album nun bewusst spritzig. Davon zeugen das Cover mit dem Bild eines buntbemalten Gesichts, und der Name des Albums, Crazy: „Ich hatte das Bedürfnis, anderswo zu sein, in einer anderen Sphäre.“ Im Großen und Ganzen eine Art Reaktion auf eine viel zu aseptische, zivilisierte Welt. Daher stammen auch die Goldtönung und der Elektro-Look. Daher der Freiheitsdrang. Angefangen mit dem Namen. Ornette nennt sie sich als Hommage an eine große Persönlichkeit der Musik, Ornette Coleman, Avantgarde-Saxophonist und Vorreiter des Free Jazz.

„Mein Weg hat mich am Jazz vorbeigeführt, und ich bin zur freien Improvisation übergegangen - als Reaktion auf das Konservatorium. Hinterher stelle ich fest, dass es mich viel gelehrt hat, nicht unbedingt in menschlicher, aber in künstlerischer Hinsicht. Trotzdem spreche ich auf klassische Harmonien an. In einem Song wie "The Lion and The Doll" habe ich Geigen untergebracht, weil mich das total high machte.“ Ein Rauschzustand, getragen von 12 Stücken, von denen keines dem anderen gleicht. Die Einflüsse - von Regina Spektor über Peter Von Poehl bis La Roux - machen aus dem Album eine eklektische Scheibe: tiefgründig, vor allem aber auch mutig. Und häufig läuft das über Schlichtheit: „Mein Ziel war es nicht, irgendetwas zu revolutionieren. Ich habe sehr simple Sachen gemacht, mit sehr simplen Lyrics und Melodien, über die ich einfache Worte lege, die von meinem Leben erzählen.“ Schlicht eben.

„Ich spielte 'La Javanaise', während alle zur Hälfte falsch sangen“

Gut. Und was ist mit dem „Highsein“, der schrägen Seite? Warum Crazy, Chaos? Nun ja, all dies muss man in den Erinnerungen suchen: zu Hause, zu der Zeit, als Ornette noch Bettina Kee war. Also der perfekte Kontrast zum Ambiente des Konservatoriums: „Ich komme aus einer leicht schrägen Künstlerfamilie. Zu Hause habe ich viele Feiern miterlebt. Da ich diejenige war, die Noten lesen konnte, setzte man mir das Songbook von Serge Gainsbourg vor die Nase. Und ich musste Gainsbourg spielen. Daher hasste ich ihn jahrelang. Ich war 10 Jahre alt, und als sie feierten, hatten sie alle ein wenig getrunken. Ich spielte "La Javanaise", während alle zur Hälfte falsch sangen. Im Endeffekt hinterlässt das ganz schön witzige Erinnerungen.“ In der Tat. Ornette wächst auf zwischen einer Schauspieler-Mutter, die zeitgenössische Musik hört und dabei die Tür verschließt, um Stimmübungen zu machen, und einem Vater, der „polyphones Zeug“ mag und lyrische Lieder brummt.

Pop-Hörnchen

So viel zum Setting. Das streng reglementierte Universum, innerhalb dessen die junge Studentin ihre Tonleitern übte, wich abends ganz einer festlichen Atmosphäre, wo diejenige, die fortan als pfiffiges Mädchen galt, in Wirklichkeit unglaublich artig war. „Meinen Eltern gegenüber bin ich sehr artig, sehr folgsam. Aber sie haben meine Entscheidung sofort verstanden. Ich habe es ihnen in Wirklichkeit niemals gesagt. Ich habe immer schon Musik gemacht. Also verstand es sich von selbst.“ Von selbst verstand sich auch, dass Ornette eine Bühnenkarriere hinlegen würde, auf der Leinwand. Sie hat bereits mit Jacques Rivette in Histoire de Marie et Julien gedreht, sowie mit Pascal Bonitzer in Petites Coupures an der Seite von berühmten Schauspielern wie Daniel Auteuil, Emmanuel Devos und Kristin Scott Thomas.

Les doigts pour le piano, la couleur pour la voi.Kurzum, Ornette ist letzten Endes alles zusammen. Crazy ist eine Mischung aus Tonleitern, Feiern, Klavier, Kupfer, Tönung und Nagellack. Kein revolutionäres Ding also, aber etwas Neues, sympathisch und erfrischend. Es ist Pop mit Hörnern. Eine Sorte von Album, die uns anstiftet, Unsinn zu treiben, die Finger nach der Kissenschlacht in den Farbtopf zu stecken. Mitten in einer Diskussion über Smartphones und das Internet legt sie ihr Handy auf den Tisch. Davon übrig geblieben ist nur noch ein Gerippe, dessen Gehäuse wie durch ein Wunder hält, durch die Klebehaftung von zwei Kinderpflastern. „Ich habe zwei Kinder und da ist es besser, keine Telefone zu besitzen… Vor zwei Tagen hat mein Sohn die Tastatur meines PCs kaputt gemacht. Er hatte beschlossen, meinen Computer einer Nasenspülung mit einem Zerstäuber voller Meerwasser zu unterziehen. Der Computer ist jetzt sehr sauber, aber macht keinen Mucks mehr.“ Unsinn halt. Es liegt auf der Hand. Er hat sich das Album seiner Mutter angehört.

To be Ornette to be, hier ihre exklusive Playlist:

Bobby Mc Ferin (die komplette Diskographie)

Jay-Z & Kanye West - Gotta Have it

La Roux - Quicksand

Eminem -Stan

„Und ein französischer Song, den ich ständig höre, an den ich mich aber nicht mehr erinnere.“ Möglicherweise das, das oder das.

Illustrationen: Fotos ©Discograph; ©vittoriobergamaschi, Video ©Discograph