Orlando: Vor allem ein Anschlag auf LGBTQ-Community

Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 13. Juni 2016

[Kommentar] Am Abend des 11. Juni stürmte Omar Mateen schwer bewaffnet in das Pulse in Orlando, Florida und tötete dort 50 Menschen. 53 sind schwer verletzt. Medien, die über die Massenschießerei auf amerikanischem Boden berichten, stellen eine andere Statistik in den Schatten - es handelt sich um das schlimmste Verbrechen gegen die LGBTQ-Community seit dem Holocaust in einem westlichen Land.

Während einer Debatte auf dem englischen TV-Sender Sky News am Sonntagabend, verließ der Guardian-Journalist Owen Jones das Studio, nachdem Moderatoren und weitere Teilnehmer der Debatte nicht öffentlich aussprechen konnten, dass es sich bei dem Orlando-Terroranschlag vom Samstag vor allem auch um einen Angriff auf die LGBTQ-Community handelte.

Im kompletten politischen Spektrum haben sich Politiker beeilt, sich die Attacke zu eigen zu machen, egal welche Politik sie in ihren Agenden auch gerade verteidigen mögen. Nachdem sich Donald Trump zunächst in einer äußerst selbstgefälligen Rede gratulierte, gab er die Schuld natürlich dem radikalen Islam. Die Stimmen aus der amerikanischen Linken haben das Geschehene genutzt, um auf schärfere Kontrollen der Waffengesetze hinzuweisen.

Und auch in Europa ließen zu Reaktionen nicht lang auf sich warten. Nachdem die dem so genannten Islamischen Staat nahestehende Presseagentur, Amaq News Agency, den Anschlag auf sich verbuchte, sprach man erneut von von einem Terrorangriff auf die tanzende Jugend. Die britische The Sun beispielsweise titelte mit "America’s Bataclan". Der Telegraph schrieb "ISIL wages war on gays in West" [ISIS führt Krieg gegen Homosexuelle im Westen; A.d.R.]. Der Fakt, dass Pulse vor allem ein LGBTQ-Club ist, scheint bei der Debatte um globalen islamistischen Terror nebensächlich.

Genau darin liegt auch die zweite Tragödie, die zusätzlich Salz in die Wunden der größten Massenschießerei in der amerikanischen Geschichte streut. Bisher haben 133 Schießereien auf US-amerikanischem Boden stattgefunden.

Wie der Journalist Owen Jones während des Interviews herausstellte, sind die Orlando Shootings auch die größten Massaker an der LGBTQ-Community seit dem Holocaust. Am gleichen Tag wurde in Los Angeles ein schwer bewaffneter Mann festgenommen, der auf dem Weg in Richtung einer Pride Parade war. Die widerwärtig homophobe Natur der Orlando Ereignisse sind offensichtlich. Anderen Narrativen so kurz nach dem Ereignis den Fortritt zu lassen, beraubt die LGBTQ-Community ihrer Möglichkeiten zur Trauer.

Es mag vielleicht herauskommen, dass Omar Mateen tatsächlich im Namen der Terrormiliz Daesh handelte. Doch bevor wir dazu genauere Informationen haben, sollten wir dieser terroristischen Organisation nicht so einfach die Möglichkeit lassen, den Anschlag für sich einzunehmen und somit der Angst weiter Auftrieb zu verleihen. Denn Angst wird nur zu weiterer Gewalt führen. Dabei ist es egal, ob wir hierbei über die zunehmend radikalen Menschen sprechen, die eine Kluft zwischen Islam und dem Westen heraufbeschwören oder über diejenigen, die versuchen die Schuld für diese latente Homophobie outzusourcen und dabei ihre eigene kulturelle Mitschuld daran ignorieren, dass auch innerhalb der eigenen Landesgrenzen nicht immer alles rosig ist.

2016 gibt es einen US-Präsidentschaftskandidaten, der in Antwort auf Nordamerikas größtes, aus Hass begangenes LGBTQ-Verbrechen, ein Statement veröffentlichte, das nicht einmal die betroffene Community benennt. Londons erster muslimischer Bürgermeister, Sadiq Khan, reagierte seinerseits mit einem pro-LGBTQ Hashtag auf Twitter.

In North Carolina will man Transgender-Menschen jetzt sogar vorschreiben, wo sie ihre grundsätzlichen Bedürfnisse zu erledigen haben. Und auf Sky News wurde die einzige LGBTQ-Person, die zur Debatte eingeladen war, herabgewürdigt, weil sie es wagte, das Verbrechen im Namen der eigenen Community zu verurteilen.

Es gibt wichtige Diskussionen, die man in Bezug auf globalen Terror führen muss. Und es bedarf dringender Reformen für amerikanische Waffengesetze. Aber zumindest für die nächsten Tage geht es hier nicht um Islam. Es geht auch nicht um Waffengesetze. Sondern um den Fakt, dass 2016 immer noch Menschen dafür getötet werden, wen sie lieben.