Optimismus: Polen bleiben trotz Krise in Irland

Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2010
Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2010
Seit der EU-Erweiterung 2004 prägten die Polen die irische Gesellschaft unwiderruflich. Und erstaunlicherweise fühlen sie sich auf der Grünen Insel wohl. Mal abgesehen von der Tatsache, dass beide Länder polare Schicksale in der letzten Rezession durchliefen.

Ende 2009, als die meisten Länder der Welt sich durch den Morast der Rezession kämpften, die nur wenigen erspart blieb, war Polen das einzige Land in der Eurozone, dass ein stabiles Wirtschaftswachstum von 1, 2 Prozent verzeichnen konnte. Lange wurde das Land mit einem dunklen, depressiv machenden Klima sowie exzentrischen Politikern und Sitten assoziiert. Seit seinem Beitritt zur Europäischen Union 2004 konnte sich Polen jedoch schnell in eine Erfolgsgeschichte verwandeln. Kompetente und gebildete Arbeitskräfte, in dekadente Architektur eingeweichte attraktive Städte und eine Außenpolitik, die erfolgreich an der funktionalen, proaktiven Rolle Polens in der Welt arbeitete, trugen dazu bei.

2000 Kilometer westlich sieht das Bild etwas anders aus. Experten prognostizierten, dass die irische Wirtschaft noch vor den Weihnachtsfeiertagen 2009 um weitere sieben Prozent fallen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte die irische Bevölkerung schon den dunkelsten Moment in der Rezessionsgeschichte hinter sich gebracht. Die Baustellen im Land waren halb fertig, verlassen und unheimlich leer. Die Sozialämter füllten sich mit qualifizierten Anwälten, Buchhaltern, Architekten und jungen Absolventen. Banker traten von ihren Ämtern zurück. Politiker wuselten umher, um die Überbleibsel der Wirtschaftkraft des keltischen Tigers zusammen zu halten. Ein Tiger, der inzwischen eher einem streunenden und hungrigen Kätzchen ähnelte. Die guten Tage waren vorüber.

Glücklich in Irland

Nebenjob in einem Cyber-Café, IrlandDer wirtschaftliche Durchstarter der EU wurde in die Knie gezwungen - von überteuerten Cappuccinos bis hin zu überhöhten Immobilienpreisen. Wer zwischen 1995 und 2005 in Irland war, sah eine strahlende Bevölkerung, völlig eingenommen von ihrem eigenen Erfolg. Als die EU ihre Grenzen öffnete und sich neue Möglichkeiten für Länder in Zentral- und Osteuropa ergaben, waren es die Polen, die die irische Gesellschaft am stärksten und dauerhaftesten prägten. Polnische Läden, Zeitungen und Anzeigen florierten. Schon 2005 lebten bis zu 200.000 Polen auf der Grünen Insel.

Zwischen April 2008 und April 2009 gingen nur 30.000 zentral- und osteuropäische Migranten zurück in ihre Heimat. Der Großteil zog es vor, dem wachsenden Erfolg in ihren eigenen Ländern eine Absage zu erteilen und den wirtschaftlichen Sturm lieber in ihrer neuen Heimat zu überstehen. „Die Arbeitsethik ist ganz anders in Polen“, erklärt Dawid Kuc aus der kleinen Stadt Nowy Sącz im Süden Polens. Er kam im September 2007 nach Irland. „Meine polnischen Freunde, die in dem gleichen Bereich wie ich tätig sind, müssen bis spät abends und an den Wochenenden arbeiten. Die Lebensqualität hier in Irland ist besser.“ Nach seinem Masterabschluss im Bereich Finanzmanagement suchte Dawid nach „etwas anderem“ und fand es in dem KPMG-Büros in Dublin. „Ich habe im Rahmen der Krise keinerlei negative Einstellungen gegenüber mir und meiner Arbeit gespürt“, sagt er. „Hinsichtlich der Arbeit gibt es allgemeine Dinge, mit denen jeder zu kämpfen hat wie Lohnkürzungen und einige Beförderungen, die es nicht geben wird. Aber im Großen und Ganzen mag ich mein Leben und meinen Job in Irland. Es gibt eine große polnische Gemeinde hier. Das Leben ist gut.” Dawid hat nicht vor in der nächsten Zeit nach Polen zurückzugehen.

Auch in London leben und arbeiten viele junge Polen: Lest unseren Artikel dazu!

Justyna Taraga kommt aus der viertgrößten Stadt Polens, aus Wroclaw. Sie lebt seit 2004 in Irland und arbeitet in der Kundenbetreuung einer großen Bank. Sie ist ähnlich optimistisch wie Dawid. „Natürlich haben viele meiner Freunde ihren Job verloren, sowohl Polen als auch Iren“, gibt sie zu. „Viele leben jetzt von Sozialhilfe oder nehmen an Kursen teil, um ihre Fähigkeiten zu verbessern. Ich habe einen Job, der Spaß macht. Ich treffe hunderte von Menschen… Ich bin glücklich hier.“ Auch Justyna will Irland nicht den Rücken kehren.

Nicht nur in Irland, um Geld zu machen

Es besteht die Hoffnung, dass der Optimismus der polnischen Gemeinde in Irland der depressiven irischen Psyche Energie und Vitalität verleihen könnte. Bereits in den Boomjahren wurde viel über die positiven Effekte der polnischen Einwanderung diskutiert. Und auch jetzt, in Zeiten der Wirtschaftskrise, ist es die positive Einstellung polnischer Expats, die Irland aus der Depression helfen könnte. „Meine polnische Freundin ist gut darin, die Sachen ins rechte Licht zu rücken“, sagt Dylan Francis, ein Kneipenarbeiter aus Galway. „Sie kam mit dem Trubel in Irland über die gerade mal fünf Zentimeter Schneefall und den ständigen Klagen über das Wetter, nicht wirklich klar. Bei uns waren es minus 2 Grad. In Polen sind sie an Temperaturen bis zu minus 20 Grad gewöhnt.“

Es ist schön zu sehen, dass viele von ihnen hier Wurzeln geschlagen haben!

Auch wenn Fragen nach der Integration immer noch ein Anlass zur Sorge im Hinblick auf Irlands neu gefundene Weltoffenheit sind, scheinen viele Iren froh über die Solidarität der Polen in den letzten Monaten. „Es wurde viel über die guten alten Tage geredet; dass die Polen nur da seien, um Geld zu machen; dass sie das meiste davon nach Hause schickten und gehen würden, wenn es schwierig werden würde“, sagt Taxifahrer Derek O’Hana. „Um ehrlich zu sein, ist es schön zu sehen, dass viele von ihnen hier Wurzeln geschlagen haben und auch in schwierigen Zeiten bleiben. Sie sind gute Arbeiter. Und wir brauchen sie sowohl in der Krise als auch in guten Zeiten.“ Justyna fasst die Stimmung zusammen: „Wenn du für einige Jahre hier warst, ist es nicht einfach deine Sachen zu packen und wegzugehen, nur weil die wirtschaftliche Lage sich verändert hat. Viele von uns haben inzwsichen Partner, Autos und Wohnungen. Unser Leben ist hier in Irland.“

Fotos: ©przemion ;  ©Julie70/flickr