Oliviero Toscani: „Castro hat etwas Magisches“

Artikel veröffentlicht am 6. April 2007
Artikel veröffentlicht am 6. April 2007

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Seit dem 6. April zeigt das Europaparlament in Brüssel eine Ausstellung Oliviero Toscanis über politische Gefangene in Kuba. Im Gespräch erklärt der Fotograf, warum Kuba ein Land der Kultur ist und was Fahrräder mit Revolution zu tun haben.

Die Ausstellung Denken verboten: das Gesicht der Repression auf Kuba zeigt großflächige Fotografien der Gesichter von mehr als 70 politischen Gefangenen, die 2003 wegen „ Vaterlandsverrat“ oder „Politischer Konspiration“ zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt wurden und seither in kubanischen Gefängnissen sitzen.

Oliviero Toscani wurde vor allem durch die Skandalkampagne für United Colors of Benetton bekannt. Darin verwendete er das Foto eines im Sterben liegenden Aidskranken. Toscani ist Gründer des internationalen Forschungszentrums für Kommunikation und Kunst „Fabrica“ und Mitgründer des Magazins „Colors“.

1993 besuchte er mit dem Unternehmer Luciano Benetton den kubanischen Diktator Fidel Castro, um über die Eröffnung einer Benetton-Filiale in Kuba zu verhandeln. „Castro war bereit, darüber nachzudenken“, erinnert sich Toscani.

Herr Toscani, welchen Eindruck hat Fidel Castro auf Sie gemacht, als Sie ihn 1993 besuchten?

Castro hat im wörtlichen Sinn etwas Magisches. Etwas, was ihn ganz deutlich von der Masse der Mittelmäßigen, die die Erde bevölkern, abhebt. Und er verfügt über ein ausgeprägtes Charisma. Nur aus diesem Grunde konnte er sich so lange an der Spitze einer Diktatur halten. Ich erinnere mich, dass ich ihm als Dank für seine große Gastfreundschaft ein Mountainbike schenkte.

Warum gerade dieses Geschenk?

Mit einem Fahrrad hätte er sich weniger auf seine Revolution konzentrieren können. Ein Fahrrad verlangt Aufmerksamkeit und Hingabe. Er hätte mehr Zeit im Gebirge verbracht und weniger in der Karibik, um Revolution zu machen. Und dann habe ich ihm noch geraten, ein schönes Geschäft mit Produkten für die Berge zu eröffnen. Ich habe ihn auch nach Venedig eingeladen. Aber wie man weiß, hält Castro nicht viel vom Reisen. Luciano Benetton und ich hätte ihn auf dem Flug begleitet und ihn vielleicht mit ins Gebirge genommen... Es war ein sehr intensives Zusammentreffen. Castro mochte seine italienischen Gäste, auch wenn er nicht ein einziges Wort unserer Sprache richtig herausbrachte.

Herr Toscani, wie sehen Sie die Zukunft Kubas? Fidels Bruder, Raul Castro, ist seit dem 31. Juli letzten Jahres „ vorläufiger” Stellvertreter des Diktators.

Die Amerikaner werden kommen und ihre McDonalds-Niederlassungen eröffnen. Sie werden die Insel ruinieren, wie sie es schon mit Florida getan haben. Weiter nichts. Der Charakter Kubas und seine Kultur werden von den Traktoren der US-amerikanischen multinationalen Konzerne dem Erdboden gleichgemacht. Das Experiment war interessant, aber es ist beendet.

An Sie als Spezialist für Provaktionen die Frage: Glauben Sie, dass auch Fidel Castro ein Provokateur war?

Ein Provokateur? Ach was! Castro war jemand, der sich mit allem, was er hatte, für seine Sache eingesetzt hat. Ein Künstler ist ein Provokateur.

Und ein Politiker?

Castro war kein Politiker. Castro war ein Revolutionär. Aber noch einmal: Das Experiment ist beendet.

Erzählen Sie uns von der Foto-Ausstellung, die Sie für die italienische Menschenrechtsorganisation „Niemand lege Hand an Kain“ gemacht haben. Die Ausstellung war in vielen Hauptstädten Europas, jetzt sind einige der Fotos in Brüssel zu sehen. Welche Reaktionen haben Sie bisher erhalten?

Eine Menge Beleidigungen. Sogar in Rom haben einige angebliche Kommunisten gemeint, ich hätte mich an die CIA verkauft. Schön wär’s, es hätte mir gefallen. Diese Ausstellung wurde ins Leben gerufen, weil auf Kuba die Rechte auf freie Meinungsäußerung und Information untergraben werden. Es gibt eine Menge Journalisten, die es verdient hätten, für die Art, wie sie die Wirklichkeit verfälschen und die Menschen informieren, verfolgt zu werden. Aber das Recht auf freie Meinungsäußerung muss in jedem Falle Allen zusteht.

Was wünschen Sie Kuba nach Castro?

Kuba ist ein Land der Kultur. Es wäre schön, wenn auf der Insel eine Internationale Universität entstehen würde. Eine Art Politische Wissenschaft der Revolution , in der sich alle berühmten Universitäten der Welt zusammenfinden: Harvard, die Sorbonne, Bocconi, Yale, etc...