Oliver Stones George "W." Bush: Schicksalsjahre im Weißen Haus

Artikel veröffentlicht am 3. November 2008
Artikel veröffentlicht am 3. November 2008
Stones Biopic wirft einen ungeschminkten Blick auf die letzten 8 Jahre in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ein äußerst persönliches Porträt einer Persönlichkeit, die - so scheint es - fast zufällig in die amerikanische Politik gestolpert ist.

Silvio Berlusconi war nicht sehr weit von Oliver Stones filmischer Vision entfernt, als er bei seinem Besuch im Weißen Haus am 12. Oktober dieses Jahres erklärte: « George W. Bush wird als der größte Präsident der Vereinigten Staaten in die Geschichte eingehen ». Denn «bei ihm sah ich nie das Motiv politischen Kalküls, vielmehr die Spontaneität und Ehrlichkeit eines Menschen, der an das glaubt, was er tut. Es ist mir leicht gefallen, in Einklang mit den Entscheidungen von George W. Bush zu handeln, denn sie wurden von der Liebe zur Freiheit, zur Demokratie und vom Respekt vor den Menschen getroffen ».

©presse.metropolitan-filmDer Film W. von Stone, in dessen Hauptrolle Josh Brolin glänzt und der kurz vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 in den amerikanischen Kinos angelaufen ist, zeichnet ein unvollständiges und ziemlich verkauztes Bild einer Persönlichkeit, die an sich schon äußerst pittoresk erscheint. Treffend erscheinen jene Momente, in denen Stone das ödipale Verhältnis zum Vater oder die beinahe märchenhafte Liebe zu seiner Frau, Laura (im Film von Ellen Burstyn dargestellt), Bushs Alkoholismus, seinen unerschütterlichen Glauben und besonders den Irak-Krieg beschreibt.

Viele Stone-Motive entsprechen unmittelbar der Realität. Von besonderer Bedeutung im Film sind die Anschläge des 11. September und die Umstände, unter welchen George W. die Wahlen im Jahre 2000 für sich entscheiden konntegewonnen. Auch in Michael Moores Fahrenheit 9/11 hatten diese Themen bereits eine Rolle gespielt. In Oliver Stones W. kommt Bush als gutmütiger Dummkopf daher, der gleichsam zufällig wie eine Witzfigur als Präsident des Landes auftritt, immer nur Sandwiches und Hamburger isst und am Ende fast sympathisch wirkt.

Ernster sind jedoch die Sequenzen zum Irakkrieg: Stone lässt Außenminister Colin Powell, gespielt von Jeffrey Wright, in die wenig realitätsnahe Rolle des Predigers für den Frieden schlüpfen, stellt dieser jedoch Bilder von zerrissenen Soldaten-Körpern entgegen. Dass es nicht Stones Absicht ist, ein Geschichtsbuch zu schreiben, wird klar: Weder der Regisseur noch sein Drehbuchautor, Stanley Weiser, haben sich um Informationen aus erster Hand bemüht. Keiner der "wahren" Protagonisten wurde persönlich befragt, die Inszenierung erfolgte offenbar im Wesentlichen auf der Grundlage zweier Bücher, State of Denial von Bob Woodward und The Faith of George W. Bush von Stephen Mansfield.

Wann kommt ein Film über Sarkozy?

So genannte Biopics - Filmbiografien von außergewöhnlichen Charakteren, die Geschichte geschrieben haben - sind im amerikanischen Kino mehr und mehr gefragt. Man denke nur an den Nixon-Film, ebenfalls von Stone, aus dem Jahre 1995 oder an Jfk von 1991. Aber auch jenseits des Atlantiks gibt es sie, die großen Enthüllungs- und Historienstreifen wie den Mussolinifilm von Carlo Lizzani aus dem Jahr 1974, der hauptsächlich den Tod des Diktators beschreibt, oder die Hitlerverfilmung (Der Untergang, von Oliver Hirschbiegel), die in Deutschland erst 2004 in den Kinos anlief.

©Lucky RedNeu ist aber, dass sich das Genre auf das Hier und Jetzt bezieht. Der italienische Regisseur Nanni Moretti bestreitet zwar, dass Berlusconi ihm für seinen Streifen Der Kaiman (Il Caimano, 2006) als Vorlage diente. Dennoch haben viele Politiker, besonders des konservativen Lagers, aus Rücksicht auf die Wahlen im April 2008 die Verschiebung der Filmpremiere verlangt. Als jüngstes Beispiel dieser Entwicklung kann auch Paolo Sorrentinos Der Star (2008) über den italienischen Politiker Giulio Andreotti gesehen werden. Die Franzosen versuchen es ihrerseits mit ihrem ehemaligen Staatspräsidenten François Mitterrand: Le Bon Plaisir (Eine politische Liebesaffäre, von Francis Girod, 1984) versucht schlecht und recht über das versteckte Kind im Präsidenten zu erzählen, während Robert Guédiguian mit seinem Werk Le promeneur des Champs de Mars, (Letzte Tage im Elysée, 2005), den Staatschef als Sozialisten zu porträtieren sucht. In Deutschland soll 2009 ein Biopic über Helmut Kohl anlaufen, wenn auch nur als Fernsehfilm.

Transatlantisches Polit-Kino

Das filmische Europa scheint sich tief vor seiner Geschichte zu verbeugen. Und das, obwohl die EU kaum mehr als 50 Jahre alt und heute schon dabei ist, Völker miteinander zu vereinen, deren Zusammenleben bis jetzt aus Pausen zwischen zwei Kriegen bestand. Im Kino scheint sich diese Situation widerzuspiegeln.

Erwan Benezet, Journalist der französischen Tageszeitung Le Parisien und Barthélémy Courmont, Autor des Buches Washington-Hollywood: Comment l'Amérique fait son cinéma ('Washington-Hollywood: Wie Amerika sein Kino macht', Armad Colin, 2007) beschreibt die Unterschiede in der Herangehensweise auf beiden Seiten des Atlantiks: «Es gibt einen großen historischen Unterschied. Die Vereinigten Staaten sind das einzige demokratische Land, welches das Kino als Propagandainstrument benutzt hat (neben Diktaturen wie der UdSSR, Italien und Deutschland). Der zweite Unterschied ist die unglaubliche Reaktionsbereitschaft gegenüber historischen Vorgängen, auf nationalem und internationalem Level. »

Die Amerikaner haben Filme über den Vietnamkrieg gesehen, obwohl der Krieg noch im Gange war. Sie sahen Bilder aus dem Irak, während die Soldaten noch dort stationiert waren (Von Löwen und Lämmern von Robert Redford und Im Tal von Elah, Paul Haggis, beide 2007). In den Staaten schreit niemand “Skandal” wie in Europa. In seinem jüngsten Werk, Das Wunder von St. Anna, erzählt Spike Lee die Geschichte eines 'Buffalo Soldiers' und verwendet dabei Szenen aus dem italienischen Bürgerkrieg: Angesichts der nationalen Entrüstung in Italien fällt dem amerikanischen Regisseur als Antwort nur ein eloquentes Achselzucken ein.

Laut Benezet gibt es aber eine entscheidende Gegebenheit, die den wirklichen Unterschied zwischen Amerika und Europa ausmacht: «Die Frage des Geldes. Die Dinge sehen gleich ganz anders aus, wenn das Budget unabhängig vom Staat aufgebracht wird und dieser die Story nicht kontrolliert. In Frankreich und Italien ist das Kino viel zu abhängig von staatlichen Subventionen, um unabhängig zu sein. Anders ist es in den USA, wo das Kino eine richtige Industrie ist, die dessen Bewegungs- und Meinungsfreiheit garantiert. Der Staat konnte nur in den fünfziger Jahren seinen Einfluss auf das Kino ausüben ».