Olga Rodríguez zum Nahost-Konflikt: "Die EU sollte sich nicht immer den Entscheidungen der USA anschließen"

Artikel veröffentlicht am 25. November 2009
Artikel veröffentlicht am 25. November 2009
Auf einer berühmten Terrasse in der Nähe von Madrids Palacio Real spricht die 34-jährige preisgekrönte, spanische Journalistin bei Einbruch der Nacht über zwei ihrer Leidenschaften: Nahost und Journalismus.

Ein rebellischer Israeli, ein ägyptischer Textilarbeiter, der sich sehr in Gewerkschaftsaktivitäten engagiert und in Blogs die Regierung Mubaraks kritisiert, eine frühere irakische Gefangene in Abu Ghraib oder eine junge Syrierin und aufstrebende Schauspielerin: All diese Frauen und Männer, die in einer Krisenregion ums Überleben kämpfen, sind die Protagonisten in Olga Rodríguez' aktuellem Roman El hombre mojado no teme a la lluvia (‘Der nasse Mann hat keine Angst vor dem Regen’). “Ich wollte über Leute schreiben, von denen man selten in Zeitungen liest, über diejenigen, die am meisten unter den Folgen der politischen und militärischen Krisenanfälligkeit leiden”, erklärt die Autorin und Nahost-Spezialistin auf einer Terrasse mitten in Madrid.

In den meisten Situationen beschränken wir uns darauf, die Kosten für den Wiederaufbau der durch die Israelis zerstörten Infrastruktur zu tragen.

Rodríguez befand sich 2003 zum ersten Mal während der Invasion des Iraks als Reporterin auf dem Terrain. Rodríguez hat die Hauptpersonen ihres Buches nicht einfach nur während ihrer Geschäftsreisen getroffen; sie hat sich auch bemüht, sie so gut wie möglich kennen zu lernen und mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Als Journalistin hat sie vor Ort miterlebt, wie die Probleme der Region in den letzten Jahren immer gravierender geworden sind. Aber kann Europa etwas dagegen tun? Rodríguez ist überzeugt davon, dass Europa sein Potential noch nicht vollständig ausgeschöpft hat. “Der EU fehlt es in Bezug auf die Situation in Palästina beispielsweise an einer eigenständigen Stimme. In den meisten Situationen beschränken wir uns darauf, die Kosten für den Wiederaufbau der durch die Israelis zerstörten Infrastruktur zu tragen. Ich denke, die Europäische Union könnte sich selbst als einen viel wichtigeren Mitspieler im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern in den Vordergrund rücken anstatt sich immer nur den Entscheidungen der USA anzuschließen.”

Journalismus: viele Medien, schlechte Qualität

Das Interview dauert eine ganze Weile, es ist fast Mitternacht. Rodríguez beachtet die Zeit nicht, sie nimmt sich Zeit, wenn sie ihre Ansichten erklärt. Wenn es etwas gibt, das diese spanische Journalistin so sehr begeistert wie über den Nahost-Konflikt zu sprechen, dann ist es ihr Beruf. Rodríguez vertritt dieselbe Meinung wie viele ihrer Kollegen in Bezug auf die heikle Situation um qualitativ hochwertige Nachrichten. Ihrer Meinung nach ist die wirkliche Krise in den Medien eine Identitätskrise. Und die Identität wurde in den letzten Jahren auf die Probe gestellt. 

“Die großen europäischen Nachrichtenkonzerne - und dies ist ein weltweites Problem - scheinen nicht in Korrespondenten und Reporter investieren zu wollen. Sie ziehen es vor, Informationen zu verwenden, die von den großen Nachrichtenagenturen geschickt wurden. Das ist billiger. Das Problem ist, dass diese Agenturen dieselben sterilen Nachrichten normalerweise an alle Medien schicken. Das ist schade, denn es gibt viele gut informierte Journalisten, die als solche auch arbeiten möchten und deren Job sich mittlerweile auf das Copy-Pasten beschränkt. Das nicht nur zum Problem bei internationalen Themen geworden, sondern betrifft nun auch die nationalen und lokalen Nachrichten.” Rodríguez ist überzeugt davon, dass Leser qualitativ hochwertige Nachrichten über die Probleme einer immer globalisierteren, miteinander vernetzten Welt schätzen würden. Viele Journalisten seien aufgrund dieser Entwicklungen frustriert und gründen eigene Projekte, gibt sie gen Ende noch mit auf den Weg. “Journalisten neigen dazu, sehr individualistisch zu sein. Die Tatsache, dass viele von ihnen sich entschieden haben, ihre Ressourcen zusammenzulegen, um zu versuchen, die aktuelle Situation zu verbessern, ist eine sehr vielversprechende Entwicklung.”