Ökumenischer Patriarch Bartholomäus I.: "Junge Leute fühlen sich in Europa nicht sicher"

Artikel veröffentlicht am 29. November 2010
Artikel veröffentlicht am 29. November 2010
Bartholomäus I. spricht sieben Sprachen, setzt sich für die „grüne Sache“ ein und ist das Oberhaupt der ökumenischen Bewegung, die in Europa, dem Osten, Norden und am Mittelmeer existiert. Cafebabel.com traf das geistliche Oberhaupt von weltweit 300 Millionen orthodoxen Christen in Istanbul, seinem Wohnsitz.

Cafebabel.com: Die römisch-katholische Kirche und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel haben sich seit 1980, trotz einer seit 1000 Jahren andauernden Kluft, um einen Grundsatzdialog bemüht. Ist eine Einigung der Kirchen letztendlich möglich?

Bartholomäus I.: Das ökumenische Patriarchat hat seit den 1960er Jahren das Gespräch zwischen den christlichen Glaubensgemeinschaften angeführt. Während des Besuchs von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2006, haben wir eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet und er hat während der orthodoxen Messe das Vater Unser vorgetragen. Die ökumenischen Oberhäupter nehmen auch an der Konferenz europäischer Kirchen (CEC) teil und unterstützen den Dialog, obwohl die Spaltung weitreichend ist, da wir ja schon seit zehn Jahrhunderten getrennt sind.

Cafebabel.com: Die Türkei erkennt die ökumenischen Oberhäupter rechtlich nicht an. Trotzdem scheint es, als würde man am Bosporus zumindest einräumen, dass es sich um eine allbekannte Institution handelt…

Bartholomäus I.: Die bisherige Haltung der türkischen Regierung ist kontraproduktiv, vor allem für die nationalen Interessen der Türkei. Aber die aktuellen Entwicklungen sind positiv. Man hat verstanden, dass wir keine politischen Bestrebungen oder Interessen haben und auch niemals hatten. Hin und wieder sind einige, nicht sehr ernstzunehmende Behauptungen geäußert worden, denen zufolge wir versuchen würden, einen „zweiten Vatikan“ im Bezirk von Phanar [Viertel in Istanbul, in dem sich der Amtssitz des Patriarchen befindet; A.d.R.]zu erschaffen. Bevor der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg uns das Eigentumsrecht zugesprochen hat, besuchte Premierminister Erdogan das griechische Waisenhaus auf der Insel Büyükada. Das war ein tapferer, politischer Schritt mit großer Symbolik. Außerdem besucht uns jetzt jeder Politiker, der in die Türkei kommt.

Cafebabel.com: Sie werden auch als der „grüne Patriarch“ bezeichnet. Wenn politische Oberhäupter nicht in der Lage sind die Regierungen zu beeinflussen, so beeinflussen sie doch zumindest das Gewissen der Gläubigen bezüglich der Umwelt - stimmen Sie zu?

Bartholomäus I.: Es ist kaum möglich auf die Regierungen Einfluss zu nehmen. Finanzielle Interessen machen es selbst für die Politiker unmöglich einer grünen Politik zuzustimmen. Das wurde [zur Weltklimakonferenz im November 2009] in Kopenhagen mehr als deutlich. Diese globale Krise ist hauptsächlich konzeptionell und betrifft die Werte. Das Wort „ecology“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „eco“ und „logos“ zusammen. „Eco“ (oikos) bedeutet 'unser Zuhause'. Wir sind dafür verantwortlich, unseren Planeten auch für die nächsten Generation lebenswert zu gestalten. Aber zuerst müssen wir einsehen, dass wir die Welt, die Gott uns anvertraut hat, nicht besitzen, sondern verwalten.

Cafebabel.com: Ist es einfach, den Wertvorstellungen der orthodoxen Kirche gerecht zu werden, wenn man im Westen Europas mit katholischem oder evangelischem Hintergrund lebt ?

Bartholomäus I.: Junge Leute fühlen sich oft verunsichert. Die orthodoxe Kirche muss ihnen deshalb den ursprünglichen Glauben näher bringen. Den Glauben, der während der ersten zehn Jahrhunderte existierte, als wir mit der westlichen Welt noch einen gemeinsamen Weg gegangen sind. Der Glaube und die Kirche waren der wahrhaftige Leib Christus'. Vor der großen Kirchenspaltung im Jahr 1054 [welche die katholische und orthodoxe Kirche trennte; A.d.R.] war ganz Europa orthodox. Wir lehren Glaubwürdigkeit, enthaltsame Moral und Spiritualität, die in der römisch-katholischen und evangelischen Kirche fehlen. Der Westen wurde von diesen Werten getrennt und das ist genau das, was die Sehnsucht rechtfertigt, die sich heutzutage offenbart.

Cafebabel.com: Vor kurzem hat der amerikanische Schriftsteller Stephen Hawking mit seinen Aussagen, dass das Universum auch ohne einen Schöpfer existieren könnte, für Aufregung gesorgt - sind Wissenschaft und Glaube nicht miteinander vereinbar?

Bartholomäus I.: Glaube und Wissenschaft sind komplementär, weil sie uns zu dem gleichen Ziel, nämlich der Wahrheit, führen. Einstein sagte einmal: „ Die Wissenschaft hat keinen Gott, die Wissenschaftler allerdings schon.“ Die orthodoxe Kirche ist nicht gegen die Wissenschaft. Wir hatten nie einen Galileo. Aussagen, wie die von Stephen Hawking, sind provokativ und führen letztendlich nur zur Spaltung der Menschen. Unser Denkansatz ist, dass das Universum um uns herum unmöglich durch Zufall entstanden sein kann, sondern in Wirklichkeit einen Schöpfer hat. Vor einigen Tagen bin ich mit Freunden im Garten spazieren gegangen. Als ich eine Blume in der Hand hielt, ist mir aufgefallen wie perfekt und wunderschön sie war und wie vollkommen sie von Tausenden kleinerer Blumen geschaffen worden ist. Das anzusehen war eine Augenweide und kann nicht nur durch Zufall entstanden sein.

Lest das vollständige Interview mit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. auf dem Cityblog des cafebabel.com Teams in Athen.

Fotos: ©Elpidoforos Lambriniadis (Sekretär der Heiligen Synode); © Nikos Magginas, offizieller Fotograf des Patriarchen