Ökumenischer Papst, diplomatischer Papst?

Artikel veröffentlicht am 31. Mai 2005
Artikel veröffentlicht am 31. Mai 2005

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Der Dialog zwischen den Religionen ist so ähnlich wie Diplomatie, mit zwei wesentlichen Unterschieden: Die Rivalitäten beziehen sich auf die verschiedenen Glaubensdeutungen, und die Diskussionen auf 2000 Jahre Geschichte.

Drei Worte aus dem Munde Benedikts XVI., die wie eine Scharade klingen, geben uns heute eine Vorstellung von den Beziehungen, welche die Christenheit unter seinem Pontifikat mit den anderen Religionen unterhalten wird: Dialog, Evangelisierung und Lehre. Obgleich jeder dieser drei Begriffe mehrere Facetten besitzt, bleiben sie dennoch unzertrennlich miteinander verknüpft, wenn es um die Beziehungen zwischen den Religionen geht.

Dialog

Wer Dialog sagt, sagt Diplomatie. Rabbi David Rosen, eine Schlüsselfigur in den Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan, kennt Benedikt XVI. persönlich und erklärte zu seiner Person in einem Interview mit der Tageszeitung Ha’Aretz: "Er kümmert sich intensiv um die guten Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk und engagiert sich vorbehaltlos für das Wohlergehen Israels. Vom ausschließlich jüdischen und israelischen Standpunkt aus ist das eine gute Nachricht."

Bei seinem Weihgottesdienst kündigte der neue Papst an: "Ich begrüße die Fortschritte des lokalen und des internationalen Dialogs zwischen Moslems und Christen." Wie er richtig feststellt, ist die islamische Religion sowohl lokal in Europa präsent, als auch international als große Glaubensgemeinschaft. Daraufhin erklärte Dalil Boubakeur, Rektor der Pariser Moschee: "Ich hoffe, dass der neue Papst die konservative Einstellung von Kardinal Ratzinger vergessen wird zugunsten einer in hohen Maße spiritualisierten, offenen Vision, die den Rahmen der Doktrin und der Dogmen übersteigt."

Diese Botschaften von Vertretern der zwei anderen großen monotheistischen Religionen beweisen deren Sinn für Diplomatie. Die Anwesendheit jüdischer und moslemischer Würdenträger bei der Amtseinführung des neuen Papstes zeugt davon, dass die drei monotheistischen Religionen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil beinahe in "spiritueller Verbundenheit" zueinander stehen. Man redet miteinander, man antwortet sich gegenseitig und man lädt sich folglich auch ein.

Evangelisierung

Das Pontifikat Benedikts des XVI. wird unter dem Zeichen der Evangelisierung stehen. Evangelisieren oder Wieder-Evangelisieren stellt kein Problem dar, wenn man es bei sich zu Hause macht. Zum Problem wird die Sache, wenn man bei seinem Nachbarn evangelisiert. Pater Charles, Irländer aus Londonderry und ehemaliger Pfarrer einer kleinen katholischen Gemeinde in Russland, pflegt große Vorsicht in seinen Beziehungen zu den Gläubigen, die dem Patriarchen von Moskau unterstehen. Er schickt zunächst einmal die wenigen Schäfchen, die auf der Suche nach einer neuen Spiritualität zu ihm kommen, zurück zu seinem orthodoxen Kollegen und nimmt sie erst auf, wenn Sie ihren Glaubenseifer klar zum Ausdruck gebracht haben.

Die Rivalität, die das Christentum des Orients und das des Okzidents voneinander trennt und 1054 das Schisma verursachte, ist umso aktueller als sich derzeit ein Einflusskrieg in Europa abspielt. Zwei Methoden werden ins Auge gefasst: die Individualbekehrung der Gläubigen und die Einnahme ganzer Gemeinschaften, Gemeinden oder Bistümer.

Muss man also von Ökumene oder von Missionierung sprechen? Seit etwa zehn Jahren bezeichnet der Patriarch von Moskau, Alexis der II., gerne den Vatikan als "proselytisch". Diese Aussagen könnte man nuancierter formulieren, denn die katholische Kirche kann nicht ernsthaft, so wie die Mormonen, im Stadtzentrum von Moskau oder Jerusalem Werbung für sich machen. Neulich verkündete Patriarch Alexis der II. dem neuen Papst: "Ich hoffe aufrichtig, dass das Pontifikat Ihrer Heiligkeit von der Entwicklung guter Beziehungen zwischen unseren Kirchen geprägt sein wird, und von einem fruchtbaren Dialog zwischen Orthodoxen und Katholiken."

Lehre

Welche Lehre könnte der Heilige Stuhl predigen, um sich seinen Nachbarn zu nähern? Vielleicht eine päpstliche Bulle zur Gutheißung von Abtreibung oder Verhütung? Die Rolle der Kirche besteht darin, die Leute nach ihrer eigenen Moral zu unterrichten, und es steht der Öffentlichkeit nicht zu, diese Ethik zu ändern, um sie der ihrigen anzupassen. Es geht hier also nicht darum, liberal oder konservativ zu sein. Lasst uns nicht vergessen, dass die Unterschiede zwischen den Religionen sich hauptsächlich auf Fragen der Glaubensdeutung beziehen. Man muss offen sein, um die Bande wiederzufinden, welche die katholische Kirche mit den anderen christlichen Religionen und Konfessionen verbindet. Der Schwerpunkt muss auf die Spiritualität gelegt werden, mehr als auf Dogmen und Doktrinen der römischen Kirche, wenn nötig auch mit Hilfe von Zugeständnissen. Ein Schritt in die richtige Richtung wurde kürzlich erst getan, als der Papst bei seiner Nominierung zum Bischof von Rom bekräftigte, dass sein Lehranspruch nicht im Widerspruch zur Gedankenfreiheit stehe.