Ökomafia - stoppt den Biozid in Neapel

Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2013
Artikel veröffentlicht am 20. Dezember 2013

Neapel hat sich als neues Zentrum im Kampf gegen Umweltsünden etabliert. 

Am Tag nach der ers­ten gro­ßen Um­welt-Pro­test­be­we­gung in der Re­gi­on Kam­pa­ni­en vom 26. Ok­to­ber gaben die meis­ten ita­lie­ni­schen Zei­tun­gen und TV-Sen­dun­gen mal wie­der einer schlech­ten In­for­ma­ti­ons­kul­tur den Vor­rang. Über­wie­gend ging es – in bes­ter ita­lie­ni­scher Tra­di­ti­on - um an­geb­li­che in­ter­ne Span­nun­gen und Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten ver­schie­de­ner Grup­pie­run­gen, die be­reits seit Jahr­zehn­ten mit den Um­weltsünden der Re­gi­on zu kämp­fen haben. Dabei wird die Liste der zer­stör­ten Ge­bie­te auf­grund sys­te­ma­ti­scher Ver­seu­chung immer län­ger und kann heute auf ein ein­zi­ges Wort her­un­ter­ge­bro­chen wer­den: Bio­zid – die Zer­stö­rung jeg­li­cher Le­bens­form. 

Ab­fall­kreis­lauf

Ab­ge­se­hen von der Stim­me ein­zel­ner Um­welt­ak­ti­vis­ten, die zum Schwei­gen ge­nö­tigt völ­lig in Re­si­gna­ti­on un­ter­ging, gab es an­fangs nur die jähr­li­chen Be­rich­te der ita­lie­ni­schen Um­welt­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Le­gam­bi­en­te, um ört­li­che Um­welt­sün­den an­zu­pran­gern. In einem die­ser Be­rich­te fiel im Jahr 1994 zum ers­ten Mal der Be­griff Ökoma­fia. In den fol­gen­den Jah­ren ent­stan­den un­zäh­li­ge Grup­pie­run­gen, wel­che die ein­zel­nen Pro­ble­me auf un­ter­schied­li­che Weise zu be­kämp­fen ver­such­ten: durch die Wie­der­er­öff­nung von Müll­de­po­ni­en, die Er­rich­tung von Ver­bren­nungs- und Müll­auf­be­rei­tungs­an­la­gen, auf der Suche nach der Wahr­heit hin­ter dem ra­san­ten An­stieg von Krebs­er­kran­kun­gen in ei­ni­gen Ge­gen­den und gegen den Müll­not­stand.

2007 er­schien unter dem Titel Biùtiful caun­tri ein ge­wag­ter Do­ku­men­tar­film der ita­lie­ni­schen Re­gis­seu­re Es­me­ral­da Ca­la­bria, An­drea D'Am­bro­sio und Peppe Rug­gie­ro – viel­leicht bis­her der ein­zi­ge, der die un­be­streit­ba­ren Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Um­welt­zer­stö­rung und so­zia­len Miss­stän­den, dem Ab­fall­kreis­lauf, einer gleich­gül­ti­gen und kor­rup­ten Po­li­tik, der Ca­mor­ra, der Ökoma­fia und einem skru­pel­lo­sen Un­ter­neh­mer­tum de­tail­ge­treu er­zählt und an­greift. 

Mehr noch als die apo­ka­lyp­ti­sche Vor­stel­lung einer zer­stör­ten Welt, ver­setzt das Schreckge­spenst aus Po­li­tik und Jus­tiz die Men­schen in Angst und treibt sie nun end­lich auf die Stra­ße, um ihr Recht auf Ge­sund­heit und Leben ein­zu­for­dern. Ob durch die schnel­le Ver­brei­tung im In­ter­net, eine Pre­digt in der Kir­che, einen Ar­ti­kel in der ka­tho­lisch ge­präg­ten Ta­ges­zei­tung Av­ve­ni­re, eine spon­ta­ne Bür­ger­ver­samm­lung oder eine Dis­kus­si­on an der Uni­ver­si­tät – in den letz­ten Mo­na­ten haben die Pro­test­be­we­gun­gen in der Re­gi­on deut­lich zu­ge­nom­men. 

„Seit dem Be­ginn des Müll­not­stands im Jahre 2008 haben sich die lo­ka­len Grup­pie­run­gen unter dem Slo­gan 'Stoppt den Bio­zid' zu einer gro­ßen ge­sell­schaft­li­chen Be­we­gung zu­sam­men­ge­schlos­sen. An­ge­pran­gert wer­den sol­len die schwe­ren Fol­gen der Um­welt­ka­ta­stro­phe auf Ge­sund­heit und Leben der Be­völ­ke­rung. Zudem wol­len wir die Ge­sund­heit bes­ser schüt­zen", er­klärt der Jour­na­list Giu­sep­pe Manzo. Er war an der Or­ga­ni­sa­ti­on der De­mons­tra­ti­on #fi­um­ein­pie­na (Hoch­was­ser) am ver­gan­ge­nen 16. No­vem­ber be­tei­ligt und ver­spricht, Nea­pel mit tau­sen­den De­mons­tran­ten aus ganz Kam­pa­ni­en, sowie aus La­ti­um, Apu­li­en und an­de­ren Re­gio­nen Ita­li­ens, zu „über­flu­ten“. Die Demo soll in einer Art Oc­cu­py-Pro­test enden, einer dau­er­haf­ten Platt­form für Pro­test, In­for­ma­ti­on und Kon­fron­ta­ti­on.

glo­ka­le Her­aus­for­de­rung  

Tat­säch­lich wer­den The­men wie Bio­zid und Ökoma­fia längst auch in­ter­na­tio­nal dis­ku­tiert. Dies wurde gegen Ende der Um­welt­ta­gung In­ter­na­tio­nal Media Forum on the Pro­tec­tion of Na­tu­re der Or­ga­ni­sa­ti­on Gree­nac­cord deut­lich, die vom 6. bis 9. No­vem­ber in Nea­pel statt­fand. Dabei spra­chen re­nom­mier­te in­ter­na­tio­na­le Ex­per­ten für Um­welt­fra­gen, Nach­hal­tig­keit und Green Eco­no­my vor über 100 Jour­na­lis­ten aus ver­schie­de­nen Län­dern und leg­ten ihnen die Ver­ant­wor­tung auf, die Öf­fent­lich­keit über ak­tu­el­le Um­welt­the­men zu in­for­mie­ren. So soll der Ver­hül­lungs­kul­tur, deren Wur­zeln im Pri­vat­sek­tor lie­gen, ent­ge­gen ge­wirkt wer­den.

Gleich­zei­tig fand zwi­schen dem 9. und 15. No­vem­ber eine re­gel­rech­te Bio­zid-Tour statt. Eine De­le­ga­ti­on von Aka­de­mi­kern, For­schern und Um­welt­ak­ti­vis­ten aus aller Welt war in Ita­li­en, um sich als Part­ner des von der EU-Kom­mis­si­on fi­nan­zier­ten For­schungs­pro­jek­tes En­vi­ron­men­tal Jus­ti­ce Or­ga­ni­sa­ti­ons Lia­bi­li­ties and Trade (EJOLT) dem Kampf gegen Um­welt­sün­den an­zu­schlie­ßen. Zu die­sem An­lass or­ga­ni­sier­te die ita­lie­ni­sche Or­ga­ni­sa­ti­on A Sud eine Ex­kur­si­on in die Ge­bie­te in La­ti­um und Kam­pa­ni­en, in denen sich die Pro­ble­me ex­em­pla­risch be­ob­ach­ten lie­ßen.

Zu­sam­men gegen Um­welt­ver­bre­chen

„Das, was in Kam­pa­ni­en ans Licht kam, ist in Wirk­lich­keit ein Pro­blem der un­durch­sich­ti­gen Ver­wal­tung des Ge­bie­tes. Ein Pro­blem, das je­doch nicht nur lokal zu ver­or­ten ist. Die Be­völ­ke­rung Kam­pa­ni­ens wurde im Skan­dal um die Haus­müll­ent­sor­gung ge­de­mü­tigt, aber auf glo­ba­ler Ebene liegt das ei­gent­li­che Pro­blem in der Ent­sor­gung des In­dus­trie-Son­der­mülls", be­tont An­to­nio Mar­fel­la, Lei­ter des ita­lie­ni­schen Krebs­for­schungs­in­sti­tuts (Is­ti­tu­to Na­zio­na­le Tu­mo­ri IRCCS). Die ver­schie­de­nen Punk­te, wie die drin­gen­de For­de­rung nach Trans­pa­renz und Ge­rech­tig­keit, nach einer stren­ge­ren Kon­trol­le der Gift­müll­ent­sor­gung, nach der Schaf­fung einer zen­tra­len Po­li­tik, die der In­dus­trie­lob­by etwas ent­ge­gen­zu­set­zen hat – nicht nur auf eu­ro­päi­scher Ebene – sowie der Auf­nah­me von Um­welt­ver­bre­chen in die na­tio­na­le Ge­setz­ge­bung, sind nun in der ge­mein­sa­men Be­we­gung gegen den Bio­zid ver­eint. „Wir wol­len klare Ant­wor­ten sei­tens der Re­gie­rung zu der Zer­stö­rung, die in den Ge­bie­ten Kam­pa­ni­ens ge­schieht", be­tont Mary Pia­ne­se von der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on Ri­co­min­cia­mo dalle donne e non solo (Frau­en ma­chen den An­fang, aber nicht al­lei­ne).

Nea­pel - Zen­trum der Um­welt­re­vo­lu­ti­on?

Eine Sen­si­bi­li­sie­rung der Be­völ­ke­rung Kam­pa­ni­ens könn­te die Vor­aus­set­zung für eine noch grö­ße­re mo­ra­li­sche und in­tel­lek­tu­el­le Re­vo­lu­ti­on im Be­reich der Um­welt­ver­bre­chen mit in­ter­na­tio­na­ler Trag­wei­te schaf­fen. Ohne Zwei­fel ist die For­de­rung hin zur Nach­hal­tig­keit, vor allem in Bezug auf die Ab­fall­ent­sor­gung, eine kol­lek­ti­ve Her­aus­for­de­rung und die gel­ten­den Werte und Prio­ri­tä­ten müs­sen glo­bal über­dacht wer­den. Das, was in Kam­pa­ni­en ge­schah und ge­schieht, ist ein mög­li­ches Sze­na­rio für viele an­de­re Län­der. Des­halb ist es be­son­ders wich­tig, als ers­tes Bei­spiel für ein Land zu die­nen, in dem So­zi­al- und Um­welt­ge­rech­tig­keit herr­schen. Für Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten fehlt da ein­fach die Zeit.