Öko-Ideologie in Budapest: Wir machen’s grün, weil es gerade in ist

Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2011
Artikel veröffentlicht am 7. Januar 2011
Ökodesign ist gerade in ganz Europa in aller Munde - und auch Budapest versucht auf der Erfolgswelle mitzuschwimmen. Doch das Label 'grün' ist in Ungarn oftmals nur eine leere Worthülse, ein Verkaufsargument einer Konsumwelt, die den ökologischen Grundgedanken in weite Ferne rücken lässt.

Auf dem Weg zur wichtigsten Budapester Metro-Station, Deák Ferenc, trifft man auf zahlreiche Geschäfte, die Designprodukte anbieten. Budapest, ähnlich wie andere zentral- und osteuropäische Hauptstädte, ertrinkt förmlich in hippen Modeprodukten im 'Coca Cola-Stil'. Ich bin auf dem Weg zur Design Passage, die im November 2010 einen Monat lang die Ausstellung „Ökolife. Citylife?“ zeigt. Zwei von der Fassade des neuen Bürogebäudes Central Passage herabhängende Girlanden aus Plastikflaschen und der grüne Teppich, der irgendwo in den Tiefen des Innenhofs verschwindet, lassen erahnen, dass ich am richtigen Platz bin. Der Teppich ist aus Plastik, der Innenhof leer. Habe ich mich vielleicht doch geirrt?

Unter zahlreichen verglasten Ausstellungsräumen gelingt es mir einen offenen Raum zu finden, der zum Atelier der Innenarchitekten von Hannabi Freestyle Home gehört. „Was haben die Projekte Ihrer Marke mit Ökologie zu tun?“, frage ich Anikó Racz, eine junge Innendesignerin, die ihre Hände an einer Tasse Tee wärmt. „Wir versuchen ökologisch zu sein, aber manchmal sind gute Absichten nicht ausreichend. Das Holz, das zur Produktion unserer Möbel benötigt wird, kommt aus ökologischen Waldbeständen, vor allem aus Finnland, weil es so etwas in Ungarn nicht gibt“, seufzt sie resigniert.

Die Wolle für den Bedarf ihrer ökologisch motivierten Projekte importiert Marta Paczona, eine Textildesignerin, mit der ich am nächsten Tag an ihrem Stand spreche, aus Neuseeland. Teppiche, die das österreichisch-ungarische Steppenareal Puszta nachahmen, sind jedoch das einzige „grüne“ Projekt von Marta: „Als Künstlerin arbeite ich mit verschiedenen Materialien und möchte mich nicht auf eines beschränken“, erklärt sie.

Jugend, Ökologie, Design - drei Hauptslogans des Marketing

Ich verabrede mich mit Gabriella Kiss, Mitorganisatorin der Ausstellung und Textildesignerin. Die energiegeladene Brünette mittleren Alters, sichtlich erfreut über die Aufmerksamkeit der Presse, öffnet mir die Tür zum Stand, der von außen wie ein Tatort aussieht. Rot eingefärbte Scheiben, Polizei-Klebeband sowie verstreute, rot gefärbte Objekte erinnern entfernt an die rote Schlammkatastrophe in Ungarn vom Spätsommer 2010.

War die Katastrophe im Oktober Inspiration für die ökologische Themensetzung der Design Passage? „Der Besitzer der Central Passage engagierte mich, weil er den nicht genutzten Teil des Bürogebäudes füllen wollte. Die Stände junger Designer sollten das Interesse für die Passage wecken und die Aussteller dazu ermutigen, die Ladenflächen dauerhaft durch Stände zu ersetzen“. Und wieso dann Ökodesign als Projektthema? „Also weißt du, das ist gerade in. Apropos, bitte am Abend wiederkommen, dann zeigen wir Kleider aus Blumen!“, strahlt Gabriella.

Adrienne: „Wir wurden in die Design Passage eingeladen, da unsere Klamotten aus natürlichen Materialien bestehen“…Gegen 20 Uhr bin ich wieder am Start. „Es gibt sogar Container zur Mülltrennung“, wundert sich eine französische Studentin, die in Budapest lebt und mich als Übersetzerin begleitet. Auf dem Laufsteg erscheint das erste Model. Sie trägt ein hautenges, glänzendes Stoffkleid in Bordeaux, mit Metallapplikationen und - zugegeben - nur wenig floralen Motiven. Kleider aus Blumen? Einziges grünes Element der Show: das Mannequin hält dekorativ einen Palmenwedel in der Hand. Nun nehme ich auch Gabriella wahr, die wirbelnd im Publikum hin- und herläuft und Luftballons in Blumenform verteilt. Hoffentlich werfen die Besucher sie anschließend auch in die richtigen Abfallbehälter…

Ideologie mit Label

Weiterhin auf meiner Suche nach Öko-Designern aus Budapest, treffe ich das Kollektiv KONKRÉT LABOR, bekannt für seine Arbeit mit Recycling-Objekten. Das Bambi Cafe, in dem wir uns verabredet haben, erinnert an eine sozialistische Kantine. Das Café ist nur ein Beispiel dafür, wie der Kapitalismus aus der sozialistischen Alltagskultur ein Markenlabel gemacht hat. Gegenüber spielen adrett gekleidete Herren im Rentenalter Domino.

Nach einer Weile tauchen Tímea Tóth und Linda Csővári auf. Die beiden Mädels stellen die weibliche Hälfte des Kollektivs dar, dessen Mitglieder zumeist Absolventen der ungarischen Universität für Kunst und Design (MOME) sind. „Unser erstes Projekt war ein Tannenbaum aus Plastikflaschen für den Gödör-Klub [einer der derzeit angesagtesten Klubs in Budapest]. Nach diesem ersten Erfolg kommen weitere, auf Recycling basierende Projekte hinzu.

Doch Ökodesign ist keineswegs der einzige Trend des KONKRÉT LABOR Teams. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Grün ist nicht rentabel. „Die Menschen in Ungarn sind sehr konservativ“, sagt Tímea Tóth, „sie kaufen keine Kronleuchter aus Flaschen, weil sie Angst vor der Reaktion ihrer Bekannten haben“. Außerdem werden Dinge aus recycelten Materialien nicht als sinnvolle, brauchbare Objekte behandelt: „Auf Ausstellungen kommt es vor, dass wir Kommentare hören wie: «Wie schön, ich werde mal zuhause versuchen das nachzubasteln“, sagt Tímea kopfschüttelnd.

Auch die Studentin Panni Pais, die nach ihrem Soziologieabschluss beschlossen hat, an der MOME zu studieren, hat eine kritische Meinung zur neuen „grünen Ideologie“. „Ich habe einen völlig anderen Bezug zu Design, als die meisten Studenten, die künstlerischer denken als ich. Ich überlege, wie das ausgestellte Objekt sich auf seine Umgebung auswirken wird - auf die Umwelt, Menschen und Tiere.“ Panni, die zudem Aktivistin der Cellux Csoport Gruppe ist und 'grüne Workshops' für Kinder und Jugendliche organisiert, distanziert sich vom Ökodesign: „Ich vermeide alle Etiketten, weil man sie wahllos benutzt. Wieso wird zum Beispiel ein Papierteller als ökologisch präsentiert? Es geht mir nicht darum einen asketischen Lebensstil zu verfolgen, sondern darum, jede Entscheidung bewusst zu treffen“.

Grüner Konsumerismus!

„Wie ökologisch ist letztendlich das Ökodesign?“, frage ich Tamara Steger, Dozentin an der Fakultät für Umwelt der Budapester Central European University. Tamara Steger erforscht unter anderem die Rolle von Künstlern in der Popularisierung „grüner Ideologie“. „Kunst hat schon immer Veränderungen in der Gesellschaft widergespiegelt, aber viele revolutionäre Strömungen sind durch das dominierende System absorbiert und den Bedürfnissen entsprechend angepasst worden. Und ja, die Etikette „ökologisch“ dient zur Ankurbelung der Nachfrage und nicht zu deren Hemmung“.

Schwimmen Europas Nachwuchsdesigner demnach mit der aktuellen Strömung? „Wie sollen sie nicht mit der Strömung schwimmen? Sie leben nun mal unter den Bedingungen, die von den Institutionen geschaffen wurden. Und genau diese verhindern, eine andere Richtung einzuschlagen. Die Rechnung ist einfach: Man kann keinen Müll trennen, wenn es keine Behälter zum Trennen gibt“.

Ein herzliches Dankeschön an das cafebabel.com Team in Budapest, Hélène Bienvenu und Kristian Gal für ihre Hilfe bei der Realisierung dieses Artikels.

Illustrationen: (cc) Jordan.A.; © Marta Paczona; ©Ehsan Maleki; Video: Youtube