Ohrgeflüster: Dolmetschen auf der COP21

Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2015
Artikel veröffentlicht am 9. Dezember 2015

Die Teilnehmer der UN-Klimakonferenz kommen aus allen möglichen Himmelsrichtungen. Mehr als 190 Länder und Sprachen sind vertreten. Das erinnert an die Olympischen Spiele. Doch auf dem Flughafengelände in Le Bourget sind es nicht die Politiker, die den sportlichsten Job von allen ablegen, sondern die Simultan-Dolmetscher. Portrait über einen, der zwischen zwei Sprachen hin- und hersprintet. 

Benoît sitzt mit Anzug und Krawatte in einem Kasten aus groben Press-Spanplatten. Aus vier Fenstern sieht er die Hinterköpfe und Rücken der Konferenzteilnehmer. Per Kopfhörer ist er mit ihnen verbunden. Seit einer Viertelstunde übersetzt er vom Französischen ins Englische und wieder zurück. Mit seinen Händen untermalt er das Gesprochene. Von außen wirkt es wie Gebärdensprache mit Stummfilm vermischt.

Die Redner auf der Bühne des französischen Pavillons debattierten gerade über nachhaltige Landwirtschaft und Klimaneutralität. Trotz tropischer Temperaturen in der kleinen Dolmetscher-Kabine bewahrt Benoît seine Coolness. „Ich konzentriere mich auf den Inhalt der Aussagen - nicht auf die Wörter. Mein Kurzzeitgedächtnis übernimmt den Rest.“, verrät er.

Seit zwei Jahren betreibt er diesen sprachlichen Hochleistungssport und widerlegt jeden Tag aufs Neue, dass Franzosen kein Englisch sprechen können oder wollen. Mit 17 Jahren hat er ein Jahr in Down Under verbracht, als Student mit Anfang 20 ein Jahr auf der grünen Insel. Nach einem Bachelor in Anglistik und einem Master in Übersetzung steht er mit 26 Jahren auf der Liste der offiziellen Übersetzer des französischen Außenministeriums. Chapeau.

Trotz relativ kurzer Berufserfahrung konnte er seine Vielseitigkeit bereits unter Beweis stellen. Ein Unternehmen hat ihn einmal für eine Sitzung engagiert, in der es um Parkettverlegungen ging, ein anderes für eine Konferenz über internationale Lachszucht-Methoden.

In Vorbereitung auf die COP21 hat er drei Tage lang intensiv recherchiert. Seit Beginn der Verhandlungen vor etwa einer Woche übersetzt er „mit der nötigen Adrenalin-Dosis“, wie er schmunzelnd sagt, bis zu drei Konferenzen am Tag. Gearbeitet wird immer zu zweit, manchmal sogar zu dritt. Alle halben Stunden wechseln sich die Dolmetscher untereinander ab. Diejenigen, die gerade nicht am Zug sind, notieren Zahlen und komplexe Begrifflichkeiten und helfen so der Person, die gerade dolmetscht. „Indirekt tragen wir dazu bei, dass sich die Welt verändert.“, sagt Benoît mit Stolz in der Stimme. Zurecht. Ohne Verständigung und Übersetzungen, kein neues UN-Klimaabkommen

Sein Ego übersteigt dennoch nicht die Hallendächer der COP21. Trotz der Verantwortung, die auf seinen Schultern liegt, gibt sich Benoît bescheiden: „Als Dolmetscher agiere ich im Schatten und versuche so flüssig wie möglich in das Ohr der Teilnehmer zu sprechen. Ich habe meinen Job gut gemacht, wenn ich unsichtbar bleibe.“