Occupy in Spanien: „Wir halten die Bewegung lebendig“

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2012
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2012
Die Parolen sind noch immer dieselben. Die spanischen Anhänger der Occupy-Bewegung fordern, dass die Politiker im Sinne der Menschen und nicht der Märkte regieren. Am Wochenende zog es sie zu zehntausenden wieder auf die Straßen. Sie gedachten damit dem Ursprung der Bewegung, die vor einem Jahr mit der Besetzung des Platzes "Puerta de Sol" in Madrid begann. Seitdem hat sich die Bewegung verändert.

Mit einem Jahr Abstand von einer Bewegung zu berichten, die sich so spontan und unvorhersehbar entwickelt hat und die gleichermaßen Zuspruch wie Kritik erfuhr, ist nicht gerade einfach. Noch schwieriger wird es, wenn man bei der Beschreibung all die Emotionen, Hoffnungen und Erwartungen beiseite schiebt, die sie bei uns hervorgerufen hat. Ich versuche es trotzdem – ein Jahr nach meinem Artikel "Spanier wacht auf, es ist Frühling" und ein Jahr nachdem wir mit tausenden Menschen die Straßen von Madrid und ihren berühmtesten Platz, dem Puerta del Sol, besetzt haben.

Über diese Tage haben wir unaufhörlich nachgedacht – unwissend, was sich daraus entwickeln würde. Und auch wenn wir an diesem 15. Mai 2011 die Straße eingenommen haben, so liegt heute noch immer ein langer Weg vor uns. Um diesen eingeschlagenen Weg und die Gefühlslage in diesen rebellischen und revolutionären Tagen zu erklären, habe ich einen Soziologen und einen Politologen gesprochen: Gianluigi (24) aus Italien ist nach seinem Erasmus-Semester in Spanien geblieben und hat dort seinen Abschluss in Politikwissenschaft gemacht. Louis (26) promoviert in Soziologie an der Universität Complutense in Madrid.

Fangen wir der Reihe nach an: Was taten all diese Menschen an diesem Tag in den Straßen der Hauptstadt?

Louis: Einerseits war es ein generelles Unbehagen, das vor allem der wirtschaftlichen Situation geschuldet ist, und dazu geführt hat, auf die Straße zu gehen und zu rufen "wir zahlen nicht für die Krise". Auf der anderen Seite war das wirtschaftliche Argument nur ein Ausdruck für etwas Tieferliegendes: Man protestierte gegen die Parteien, gegen die Politik im Allgemeinen und das Fehlen positiver Zukunftsaussichten mit einem Eigenheim und einer Arbeit in Würde. Nach den Zusammenstößen mit der Polizei in der Nacht des 15. Mai stellten wir die Demokratie, in der wir leben, endgültig in Frage. Aus Solidarität mit den Festgenommenen und Eingesperrten ist eine aktive Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung entstanden, die dann zur „Bewegung 15. Mai“ wurde. Andererseits wäre es auch interessant, tiefer nachzudenken und die Gründe zu finden, warum so viele Leute auch nicht auf den Platz gekommen sind.

So sah es auf dem Platz Puerta del Sol am Abend des 17. Mai 2011 aus.

Du warst an jedem Tag selbst dabei. Was hast du empfunden und was ist tatsächlich geschehen?

Der Italiener fühlte sich währen der Proteste in Spanien als aktiver Bürger.Gianluigi: Ich habe mich als ein aktiver Bürger gefühlt. Ich habe gedacht, dass nun grundlegende Prinzipien der Politik in das Leben der Menschen zurückkehren - also Diskurs, Teilhabe und Kritik. Das war freilich ohne große Illusionen, aber ich war froh, kleine Schritte in diese Richtung bei ganz normalen Leuten zu sehen. In einer individualistischen Gesellschaft wie der spanischen (die zumindest versucht, eine zu werden), und die im Allgemeinen eine westliche Gesellschaft ist, war es mehr als bewegend, grundlegende Werte wie Solidarität und Kooperation zu spüren.

Welches war der wichtigste Erfolg der Bewegung und was ihre größte Niederlage?

Gianluigi: Zu sehen, wie die Menschen an der Bedeutung eines Wertes wie der Demokratie arbeiteten, war der größte Erfolg. Diese Bewegung hat uns gezeigt, dass die Bürger existieren und das sie, in der Lage sind, ihre kritische Stimme zu erheben und etwas zu (er)schaffen – wenn sie wollen. Ich sehe das wie etwas, das in der politischen Kultur einer Gesellschaft unvermeidlich ist. Aber gleichzeitig hoffe ich, dass man es in der richtigen Weise beherrschen kann.

Louis: Ein positiver Aspekt ist sicherlich die Vernetzung der Menschen und des Protests sowie das Versammlungen und Begegnungen in den Quartieren ins Leben gerufen wurden. Das sind Orte der Öffentlichkeit. Negativ war vielleicht, dass man alle Ideen und Vorschläge in ein einzelnes Paket packen wollte, ohne die verschiedenen Meinungen und Nuancen miteinzubeziehen.

Was hat sich nun nach diesem Jahr verändert?

Gianluigi: Ein Jahr später sind viele Dinge anders. Die Staatspolitik hat den Dirigenten gewechselt, die Wirtschaftskrise hat sich dramatisch verschlimmert. Ob uns das gefällt oder nicht: Es war Winter und verständlicherweise fiel einiges in den Winterschlaf. Zumindest galt dies für die Massenkundgebungen; für die Arbeit an der Basis gilt das nicht. Die Komitees in den Quartieren und die Versammlungen funktionieren noch immer – auch mit weit weniger Teilnehmern. Das Wichtigste war, sie am Leben zu erhalten. Jetzt hoffe ich, dass mit dem Frühlingsbeginn auch der Zuspruch größer wird und sich die Versammlungen wieder mit  Diskussionen füllen. Ein anderer Aspekt, der sich mit der Zeit teilweise geändert hat, ist die interne Organisation der Bewegung. Hier bilden sich gerade – wie in jedem demokratischen politischen Prozess – recht unterschiedliche Gruppierungen heraus.

„Wir waren eingeschlafen, dann sind wir aufgewacht. Nun wollen und können wir nicht mehr schlafen.“

Louis: Ich antworte mit einem Satz, der auf einem Plakat seit Anbeginn des Lagers angeführt wurde: "Wir waren eingeschlafen, dann sind wir aufgewacht. Nun wollen und können wir nicht mehr schlafen."

Fotos (in der Reihenfolge des Textes): (cc)davidbuedo/flickr, (cc)Julio Albarran/flickr und ©Laura Fois. Video: elpaiscom/YouTube