Obdachlose in Polen: Ein Hauch von Leben

Artikel veröffentlicht am 13. März 2012
Artikel veröffentlicht am 13. März 2012
Niemand weiß, wie viele Menschen in Polen obdachlos sind. Denn eine offizielle Statistik gibt es nicht. Die Zahlen lassen sich nur schätzen: Der polnische Arbeits- und Sozialminister vermutet, dass 80 - 130.000 Personen keinen festen Wohnsitz haben. Die Caritas spricht von einer halben Million. Die polnische Gesellschaft kümmert sich nicht um diese Menschen.
Nur einige Sozialarbeiter denken noch an sie. Ein Besuch bei den Vergessenen.

Obdachlos ist nicht gleich obdachlos. Nicht jeder Pole ohne Wohnsitz schläft in einem Karton und bettelt um Alkohol. Doch die Statistik kümmert das nicht. Und den Menschen auf der Straße ist es egal, wie man sie nennt. Ihnen geht es nur darum zu überleben. Doch man könnte ihnen auch andere Namen geben: die Wohnungssuchenden, die schlecht Untergebrachten, die Hoffnungslosen, die armen Proletarier. Viele Worte für ein hartes Leben. Wie geht die polnische Regierung mit diesen Menschen um?

Sie bittet die Bevölkerung, ein Auge auf die Obdachlosen zu haben – zumindest im Winter. Wer einen Bettler unter seinem Fenster bemerkt, ist aufgefordert, den Rettungsdienst zu rufen. Es nützte nur bedingt: Während der Kältewelle im Februar erfroren viele Wohnungslose. Sie hatten kein Obdachlosenheim aufgesucht, sondern waren auf der Straße geblieben. Einige Anlaufstellen hätten Geld für die Herberge verlangt, erzählt ein Betroffener. „Man spielt mit unserem Leben.“ Andere meiden die Heime, weil dort striktes Alkoholverbot herrscht. In diesem Winter konnte das eine tödliche Entscheidung sein.

Wie im echten Leben

Für die Bewohner von Warschau bleiben die Obdachlosen ihrer Stadt meist unsichtbar. Im Zentrum ist keine Spur von ihnen. Nur in den U-Bahn-Stationen sieht man sie manchmal liegen. Die meisten Obdachlosen haben andere Wohnräume gefunden: in verlassenen Schrebergärten und Wäldchen abseits der Stadtmitte. Die Weichsel teilt Warschau in einen reichen und einen armen Teil. Hier, südwestlich des Flusses, liegt das Land seit Jahren brach. Sozialarbeiter, die ab und an hierher kommen, müssen ihr Auto an Manchmal müssen sie auch Streit schlichten.der beleuchteten Straße abstellen und zu Fuß weitergehen. Nur so gelangt man zum Domizil der Obdachlosen.

Man findet sie unter den Bäumen: jeder hat dort seine eigene Hütte, zusammengebaut aus allem, was sich finden ließ. Hier gibt es Freundschaften und Streit, ganz wie im echten Leben. "Ach! Sie sind es! Kommen Sie, ich brauche Ihre Hilfe!" Eine alte Dame kommt zwischen den Häuschen hervor, auf dem Arm einen Kochtopf. Die Helfer füllen ihn mit warmer Rübensuppe. Die Wangen der Frau brennen vor Kälte, die Haut ist fahl, ihre Turnschuhe abgenutzt. Sie führt die Neuankömmlinge in das Herz ihres Dorfes. Ihr Hund begleitet sie bellend. Sie sollen Streit schlichten. „Der hat seinen Hund die ganze Nacht draußen gelassen“, schimpft die Frau. „Ich kann mich nicht um mein und um sein Vieh kümmern!“ Ihr Ehemann nickt.

Solch ein Zwist unter Nachbarn ist nichts Besonderes. Doch die Bedingungen sind hier andere, schwerere. Vor dem Eingang ihrer Hütte türmt sich Müll: Holzscheite, Konservendosen, Plastiktüten. Ohne die Lebensmittel, der Hilfsorganisationen müsste das Paar hungern. Angesichts dessen scheint der Streit unwichtig. Doch er gibt ihrem Leben den Hauch einer Normalität; beinahe einen Sinn. 

Alles was bleibt

Wenige Meter weiter empfängt Jadyslaw gerade Gäste. Das Haus ist dürftig eingerichtet, aber gemütlich. Holzbänke, darauf zerschlissene Decken. Ein Vorhang verstärkt die Eingangstür, doch der Wind dringt trotzdem hindurch. Aus einem Radio dudelt Popmusik. "Wir leben zu zweit hier, aber heute habe ich Besuch", erklärt der Mann und hundert Falten zucken in seinem Gesicht. "Wie ich lebe? Dank meines Einkaufswagens! Wer nichts zu essen hat, den kümmert Müll nicht. Ich sammle Dosen auf der Straße oder hole sie aus dem Müllcontainer. Dann verkaufe ich sie." Vier Zloty bekommt Jadyslaw für ein Kilo Metall: Weniger als einen Euro. Tag für Tag sucht er die Stadt ab. Am Abend hat er manchmal 20 Kilo gesammelt. "Das passt alles in meinen Wagen!" Der Müll ist überall, fast scheint er ihn zu umgeben. Bakterienherde, Krankheitserreger. Nur in diesem eisig kalten Winter sind sie vereist und ungefährlich. 

Klaudia, ihr Lebensgefährte, ihr Hund und die Katze sind kein Teil dieser Gemeinschaft. Sie leben etwas abseits in einem verlassenen Gebäude: Ein kleines Haus, so alt und umwittert, dass es jeden Moment in sich zusammenzufallen droht. In diesen Tagen kämpfen sie beinahe ums Überleben, sammeln so viel Holz wie sie nur können, um den besetzten Raum auf Minimaltemperatur zu heizen.

Zu Hunger und Kälte kommt die Angst, irgendwann von den Behörden verjagt zu werden. "Es ist hart so zu leben",  sagt Klaudia. "Ich muss Holz finden, aber es gibt kaum mehr welches.“ Wo sie danach suche? "In den Müllcontainern, nicht weit von hier. Manchmal bringe ich eine ganze Palette mit, aber selbst die reicht kaum für einen Tag." Auch ihnen bringen die Sozialarbeiter Suppe, Konserven und Brot. Doch er kann nicht jeden Tag kommen. Das Paar hat gelernt, sich um sich selbst zu kümmern. "Der Müll der Anderen ist unser Essen", sagt Klaudia. "Manchmal habe ich Glück und finde ein paar Reste." So gut es geht, versucht sie ihre kleine Familie zu ernähren. Ihren Mann, den Hund, die Katze. Sie sind alles, was ihr geblieben ist.

Fotos: ©VirginieWojtkowski