Obdachlos in Paris: Welche Möglichkeiten gibt es?

Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 6. Mai 2016

Wenn du schon mal in Paris warst, hast du wohl die vielen Menschen bemerkt, die auf den Straßen leben. Ich bin vor kurzem von den Niederlanden in die französische Hauptstadt gezogen und war geschockt, so viele Leute obdachlos zu sehen. Wie viele sind es genau und welche Möglichkeiten haben sie?

Durch die Straßen von Paris zu spazieren kann sehr aufregend sein. Ich tue manchmal so, als sei das Ganze ein Videospiel mit dem Ziel, von A nach B zu kommen und dabei all die Hindernisse zu vermeiden, die einem in den Weg gestellt werden. Ich habe gelernt, die Mütter zu umgehen, die mit ihren Buggies langsam daher spazieren, die Älteren, die noch langsamer daherkriechen und die viel zu vielen Hundehaufen, die den Bürgersteig übersäen. Die gefährlichsten Hindernisse sind aber die Pariser selbst, die irgendwo sein müssen - und zwar schnell. Viel Glück, wenn du ihnen in den Weg kommst.

Während ich noch versuche, mit der überfüllten Hauptstadt zurechtzukommen, hat Paris noch eine andere Seite offenbart, die mich stark verunsichert: die Anzahl von Leuten, die auf den Straßen leben. In Amsterdam sieht man nur selten Obdachlose. In Paris dagegen ist es normal, an fast jeder Ecke jemanden auf dem Bürgersteig sitzen zu sehen. Was macht die Regierung, um hier zu helfen? Und welche Möglichkeiten haben diejenigen, die ihr Zuhause verloren haben?

Wie sehen die Zahlen aus? 

Die ersten Zahlen, die ich gefunden habe, kommen vom INSEE (Nationales Institut für Statistik und Wirtschaftliche Studien). Dem INSEE zufolge waren 2012 141 500 Menschen ohne Unterkunft - ein Anstieg um etwa 50 Prozent seit 2001. Wenn du die Menschen dazuzählst, die in nur unzureichenden Unterkünften hausen, nimmt die Zahl nochmal erheblich zu. Laut der Stiftung Abbé Pierre (eine Organisation, die Bürgern hilft, eine Wohnung zu finden, wenn diese nicht mehr alleine zurechtkommen) waren 2016 3,8 Millionen Menschen in Frankreich ohne eine vernünftige Unterkunft. 

Welche Möglichkeiten gibt es?

In Frankreich gibt es Notunterkünfte für Obdachlose. Diese sind das ganze Jahr über geöffnet und bieten ein Bett, eine Mahzeit und Duschen. Dazu gibt es tagsüber ein Notaufnahmzentrum und eine Essensausgabe, wobei man sich erst an "Samu social" wenden muss, um Zugang zu diesen Diensten zu bekommen. Im Winter gibt es dann den sogenannten "Plan hiver" (Winterplan), mit dem man versucht, sicherzustellen, dass niemand auf der Straße schlafen muss, wenn es richtig kalt wird. 

Diese Lösungsversuche bringen allerdings auch Probleme mit sich. Es gibt einfach nicht genug Plätze in den Notunterkünften, um allen Menschen von der Straße zu helfen. Der französischen Tageszeitung Le Monde zufolge haben 9 000 von 17 200 Menschen, die sich im November an "Samu social" gewandt haben, keinen Platz in einer Unterkunft bekommen. 

2012 stellte INSEE außerdem fest, dass 48 Prozent der Obdachlosen gar keinen Gebrauch von Notunterkünften machen wollten. Dafür gibt im Wesentlichen zwei Gründe: 29 Prozent gaben an, die Unterkünfte seien nicht hygienisch und 26 Prozent verweigerten das Angebot aufgrund von Sicherheitsbedenken. 

Die Krise hat die Armut unter jungen Leuten enorm verstärkt und immer mehr landen auf der Straße. Der Abbé Pierre Stiftung zufolge seien 25 Prozent derjenigen, die das Angebot an Notunterkünften annehmen, junge Leute. Und einer von fünf Anrufen bei "Samu social" kam 2011 von jemandem zwischen 18 und 25 Jahren. Insgesamt ist die Anzahl junger Menschen, die in Armut leben, seitdem von 682 000 auf 922 000 angestiegen. 

Wie sieht es in den Niederlanden aus?

Laut dem Zentralen Statistikbüro waren 2013 25 000 Menschen obdachlos. Natürlich sind die Niederlande mit 16,8 Millionen Bürgern viel kleiner als Frankreich mit seinen 64 Millionen Einwohnern. Dennoch ist in den Niederlanden auch die Arbeitslosigkeit geringer. Der OECD zufolge liegt die Arbeitslosenquote in den Niederlanden bei 7,4 Prozent, in Frankreich bei 10,4 Prozent. Und noch wichtiger: Die 25 000 obdachlosen Niederländer sieht man nur selten auf der Straße. 

 

Es scheint also, dass Frankreich an dem Punkt Probleme hat, wo es darum geht, ausreichend Infrastruktur bereitzustellen, um den Menschen auf der Straße zu helfen. Und auch da, wo es darum geht, den Zugang zu Wohnungen zu erleichtern. Es ist keine Überraschung, dass heutzutage vor allem junge Menschen mehr zu kämpfen haben. Einen Job zu finden, wird immer schwieriger und noch schwieriger ist es, einen zu finden, von dem man die Miete berappen kann. Von dort aus braucht es dann nicht mehr viel, um auf der Straße zu landen. Die einzige klare Folgerung, die ich aus den Informationen ziehen konnte, ist, dass es einen dringenden Bedarf an mehr und besseren Einrichtungen gibt. 

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Ich bin ein Pariser. Dieser Artikel stammt von unserem Pariser Localteam La Parisienne de cafébabel