Nymph()maniac Vol. 1: Und führe mich in Versuchung

Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 13. Februar 2014

Der wohl meist ge­schol­te­ne Film der letz­ten Mo­na­te spal­tet auch auf den 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­len Ber­lin die Geis­ter. Ist Lars von Triers Sexe­pos Nymph()ma­ni­ac (2013) große Kunst oder nur Porno? Und wie fühlt es sich an, wenn man sich im sa­do­ma­so­chis­ti­schen Netz des dä­ni­schen Re­gis­seurs ver­hed­dert? Eine Film­kri­tik von Tom Ull­rich

Und es ward Dun­kel­heit. Gra­bes­still ist es an die­sem Mon­tag­nach­mit­tag im Fried­rich­stadt­pa­last. Tau­send gie­ri­ge Augen bli­cken auf eine der größ­ten Lein­wän­de Ber­lins und sehen – nichts. Denn Lars von Trier lässt sich Zeit. Die Span­nung steigt, die ers­ten win­den sich in ihren Sitz, wäh­rend an­de­re es schon nicht mehr aus­hal­ten. Einer macht einen schlech­ten Witz, von links klatscht es. Ge­läch­ter und viel Un­si­cher­heit im Saal trot­zen dem tie­fen Schwarz der Lein­wand.

Und es ward Film. Das Bild eines trü­ben Hin­ter­hofs er­leich­tert die Zu­schau­er. Ein ros­ti­ges Stück Me­tall er­in­nert man­chen an die Qua­len eines Wil­lem Dafoe in An­ti­christ. Und ein jeder fragt sich: Wo ist Char­lot­te Gains­bourg? Dort liegt sie zu­sam­men­ge­kau­ert am Boden, bevor sie von Stel­lan Skarsgård auf­ge­le­sen wird. Und Rammstein schrei­en in den Saal: „Führe mich“. So nimmt die Ge­schich­te ihren Lauf. Aber wes­sen Ge­schich­te und wie viele?

Of­fi­zi­el­ler Trai­ler von Nymph()ma­ni­ac Vol. 1 des dä­ni­schen Re­gis­seurs Lars von Trier. 

Nymph()ma­ni­ac Vol. 1 (2013) ist ein Film über Füh­run­gen ganz ver­schie­de­ner Art, wor­auf uns Rammstein gründ­lich vor­be­rei­ten. Das Vo­ka­bu­lar der Füh­rer und Ge­führ­ten, von Herr und Knecht hat die Grup­pe schon oft durch­ge­spielt. Lars von Trier dockt daran an, um dar­über hin­aus­zu­ge­hen. Er ent­führt den Zu­schau­er, an­statt ihm eine klare Rich­tung vor­zu­ge­ben. Wo er am Ende wie­der aus­ge­spuckt wird, fragt er sich noch lange, nach­dem das Licht wie­der an­ge­gan­gen ist. Nymph()ma­ni­ac  ist eine körperliche Anstrengung. Ver­füh­run­gen sind die Spe­zia­li­tät der jun­gen Nym­pho­ma­nin, kein Mann wi­der­steht ihr und sie kei­nem Mann.

Einen schein­bar idyl­li­schen Ge­gen­pol zur wil­den Bin­nen­er­zäh­lung bil­det das rah­men­de Ge­spräch zwi­schen Se­lig­man (Skarsgård) und Joe (Gainsbourg). Se­lig­man gibt sich schnell als Bonmot zu er­ken­nen, er schweift ab und do­ziert frei vor sich hin, wäh­rend Joe, wie sie als­bald be­merkt, sich als Meis­te­rin der Verführung her­aus­stellt, wenn sie ihren un­still­ba­ren Trieb mit dem eines Staub­sau­gers oder einer au­to­ma­ti­schen Tür ver­gleicht. Nymph()ma­ni­ac Vol. 1 ist eine Zuspitzung der Stilmittel, die das von Trier’sche Au­to­ren­ki­no bis­her zu bie­ten hatte. Ge­nau­er ge­sagt ist es ein voll­endet kom­ple­xes Spin­nen­netz, das Lars von Trier für uns ge­webt hat, in dem wir uns sa­do­ma­so­chis­tisch ver­fan­gen sol­len und wol­len. Seine Ar­ro­ganz mischt sich mit sei­ner Kunst­fer­tig­keit auf eine der­art char­man­te Weise, dass sie dem Zu­schau­er schwer zu schaf­fen macht.

Der Zu­schau­er im sa­do­ma­so­chis­ti­schen Netz

Es zer­reißt einen stän­dig; hin und her­ge­wor­fen fühlt man sich zwi­schen min­des­tens vier Polen: der ab­sur­den Si­tua­ti­ons­ko­mik, die dem Film er­staun­lich viele La­cher ein­bringt, der oft schwer zu er­tra­gen­den Trau­er und Härte der Le­bens- und Lei­dens­sta­tio­nen der Fi­gu­ren, den lan­gen und ex­pli­zi­ten Sex­sze­nen und schließ­lich der Über­fül­le an blo­ßem Fak­ten­wis­sen und Re­fe­ren­zen, die sich vor uns er­gie­ßen. Es ist er­staun­lich, wie der Film diese vier Kom­po­nen­ten, auf die jeder Zu­schau­er ent­spre­chend sei­nen Nei­gun­gen und Er­war­tun­gen ver­schie­den re­agiert oder sie gar igno­riert, stän­dig ver­schiebt und neu zu­sam­men­setzt. Auf einen kur­zen Ex­kurs zur Fisch­psy­cho­lo­gie folgt ein Sex-Wett­be­werb im Zug.

Ma­xi­mal ko­misch und zu­gleich tief tra­gisch ist der Film bei dem sehr star­ken Auf­tritt Uma Thur­m­ans als ver­las­se­ne Ehe­frau und Mut­ter. Wie auf einer Orgel spielt und ver­zerrt Lars von Trier Humor, Trau­er, Sex und Wis­sen bis zur Gren­zen des Zu­mut­ba­ren, so­dass man oft nicht mehr weiß, wer im Ki­no­saal aus Ver­zweif­lung, Lust oder Un­glau­ben lacht. Wäh­rend des Fil­ms ver­strickt sich der Zu­schau­er immer tie­fer in dem Netz und die­ses auf­zu­lö­sen, täte dem Film nicht nur Un­recht, son­dern führt ge­ra­de erst zu den be­kann­ten ein­sei­ti­gen Kurz­schlüs­sen, Vor­wür­fen und Lo­bes­hym­nen, mit denen der Film überhäuft wird. Be­lohnt wer­den da­ge­gen die­je­ni­gen, die sich dem Film aus­lie­fern. Macht­ver­lust und Lust­ge­winn – ci­ne­phi­ler Ma­so­chis­mus.

Die­ser Ar­ti­kel ist am 13. Fe­bru­ar auf Ber­li­na­le im Dia­log, dem Ber­li­na­le-Blog von DFJW/OFAJ und critic.​de, er­schie­nen. Wäh­rend der 64. In­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­le Ber­lin ko­ope­rie­ren Ca­fe­ba­bel Ber­lin und Ber­li­na­le im Dia­log im Rah­men einer Me­di­en­part­ner­schaft.