Nuoc: Weltungergang auf Vietnamesisch

Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2014
Artikel veröffentlicht am 21. Februar 2014

Stell dir vor, die Welt geht unter und du bist ganz al­lein. Der viet­na­me­si­sche Re­gis­seur Nguyễn-Võ Nghiêm-Minh er­zählt in Nước (2014) davon, wie die Erd­er­wär­mung un­se­re Le­bens­wel­ten ver­än­dert, und legt damit ganz ne­ben­bei den ers­ten Sci­ence Fic­tion-Film aus Viet­nam vor. Ein am­bi­tio­nier­tes Pro­jekt, aber funk­tio­niert es auch auf der Leind­wand?

Sao reißt un­ge­dul­dig am An­las­ser ihres klei­nen Fi­scher­boots. Es folgt ein dump­fes Auf­röh­ren, un­ru­hi­ge Wel­len schla­gen um den Bug, bis ihr Boot sich lang­sam aus­rich­tet - in Rich­tung einer fu­tu­ris­ti­schen, im Meer ver­sun­ke­nen Stadt. Nach­dem ihr Mann von zwie­lich­ti­gen In­dus­trie­bos­sen um­ge­bracht wor­den ist, lebt Sao al­lei­ne in ihrer Palm­we­del­hüt­te auf dem Meer. Der durch die Erd­er­wär­mung un­ab­läs­sig stei­gen­de Mee­res­spie­gel hat ganz Süd­viet­nam unter Was­ser ge­setzt: Nur Fi­scher­boo­te gibt es noch, Häu­ser auf Stel­zen und schon lange kein Ge­mü­se mehr. Nach­dem der klei­ne Bru­der ihres Man­nes Saos Miss­trau­en ge­weckt hat, stößt sie bei ihren Nach­for­schun­gen in einer ört­li­chen For­schungs­sta­ti­on auf mys­te­riö­sen Salat, ge­fähr­li­che Ge­stal­ten und ihren frü­he­ren Lieb­ha­ber Thi-Giang, der tie­f im feuch­ten Gen­tech­nik-Sumpf steckt.

Vietnams erster Science Fiction-Film

Nguyễn-Võ Nghiêm-Minhs neuer Film Nước (2014), der im Aus­land als 2030 ver­mark­tet wird, ist vie­les: End­zeit­fan­ta­sie, Sci­ence-Fic­tion-Strei­fen, Lie­bes­dra­ma und Öko­dys­to­pie. Zahl­lo­se Pro­ble­me und ihre Lö­sungs­an­sät­ze rund um die Erd­er­wär­mung wer­den hier ver­wo­ben, al­ler­dings aus einer asia­ti­schen Per­spek­ti­ve und in einem Set­ting, das so fu­tu­ris­tisch gar nicht wirkt. Wird die ganze Welt un­ter­ge­hen und wenn ja, wann? Ca­fe­ba­bel Ber­lin hat sich den Film an­ge­se­hen - und den Ki­no­saal mit ge­misch­ten Ge­füh­len ver­las­sen. 

Of­fi­zi­el­ler Ki­no­trai­ler des viet­na­me­si­schen Sci­ence Fic­tion-Dra­mas Nước (2014). 

Li­li­an: Ich finde die Idee toll, eine Sci­ence-Fic­tion-Ge­schich­te zu er­zäh­len, die gar nicht wie eine wirkt: Ohne Star-Trek-Äs­the­tik und ohne Ali­ens, nur der Mee­res­spie­gel ist plötz­lich höher. Nước ist damit kein ein­deu­ti­ger End­zeit­film, in dem am Ende alles zu­sam­men stürzt und in Flam­men auf­geht.

Chris­ti­na: An sich ist der Stoff wirk­lich sehr gut. Scha­de ist aber, dass In­halt und Dra­ma­tur­gie im Laufe des Films immer schwä­cher wer­den. Am Ende ver­pufft alles ein­fach. Au­ßer­dem wer­den ei­ni­ge Mo­ti­ve nicht kon­se­quent ent­wi­ckelt: Am An­fang sind auf der For­schungs­platt­form von Thi-Giang über­all Se­cu­ri­ties und Ka­me­ras. Sao wird sogar über­wacht, als sie in ihre Schlaf­ko­je ge­bracht wird. Spä­ter spa­ziert sie aber nach Be­lie­ben mit einem Mes­ser durch die Ge­gend. Und dann der Schluss: Die Ka­me­ra fährt unter die Mee­res­ober­flä­che und man sieht das Café, in dem Sao Thi-Giang das erste Mal ge­trof­fen hat. Hier ist fast alles in­takt, sogar die Bü­cher. Dann zieht sich das Was­ser auf ein­mal zu­rück und das Lie­bes­paar liegt im Sand. Was genau soll das be­deu­ten?

Problematische Liebeswahl im endzeitlichen sand

Da­ni­el: Ich finde das Ende vor allem des­halb pro­ble­ma­tisch, weil es nur schein­bar offen ist. Ent­we­der sind Sao und Thi-Giang tot und müs­sen sich nicht um den Mee­res­spie­gel küm­mern oder er ist tat­säch­lich zu­rück­ge­gan­gen. Die Wol­ken­krat­zer und voll­be­la­de­nen Schif­fe im Hin­ter­grund zei­gen, dass sich an der Welt­wirt­schaft, die für den Kli­ma­wan­del ver­ant­wort­lich ist, nichts ge­än­dert hat. Der Rück­gang des Mee­res­spie­gels in der Schluss­sze­ne wirkt gott­ge­ge­ben. Die­ses ver­tusch­te Happy End ist aber trotz­dem in bes­ter Hol­ly­wood-Ma­nier ge­filmt, alles endet pa­ra­die­sisch.

Li­li­an: Das Ende ist wirk­lich un­be­frie­di­gend, aber auch wenn der Plot etwas hinkt, sind die blau­en Bil­der doch sehr schön. Vor allem wenn man be­denkt, dass der Ka­me­ra­mann keine künst­li­che Be­leuch­tung ein­set­zen konn­te und vom Wet­ter und den Ge­zei­ten ab­hän­gig war. Auch die Ein­sam­keit von Sao auf dem Meer wird schön klar. Ihre Figur ist über­haupt sehr span­nend: Sie wirkt sehr eman­zi­piert, hat stu­diert und agiert ge­gen­über ihrem Ehe­mann, des­sen Bru­der und Thi-Giang sehr selbst­be­wusst. Sao ist eine sehr star­ke, aber auch sehr ver­lo­re­ne Figur. Auf der einen Seite ist sie un­ab­hän­gig, aber nach dem Tod ihres Man­nes doch aus­ge­lie­fert.

Chris­ti­na: Das stimmt, die Cha­rak­te­re sind in­ter­es­sant. Aber mich ir­ri­tiert, wie schlecht vie­les tech­nisch um­ge­setzt wurde. Da wird die Ka­me­ra für ein Bild auf ein­mal schief ge­hal­ten. Wenn das ein kon­se­quen­tes Stil­mit­tel ge­we­sen wäre, hätte ich es nach­voll­zie­hen kön­nen. Es tauch­te aber nur zwei oder drei Mal auf. Hinzu kommt, dass der Schnitt an ei­ni­gen Stel­len schlecht war. Das lenkt ein­fach zu sehr ab. Am Ende bricht die vi­su­el­le Äs­the­tik dann ganz ab, weil die ani­mier­ten Bil­der ein­fach schlecht ge­macht sind.

Da­ni­el: Auch wenn die Äs­the­tik etwas ge­bas­telt wirkt, stört das für mich den Ge­samt­ein­druck nicht. Auf dem neu­tra­len Was­ser­hin­ter­grund tre­ten die Cha­rak­te­re me­di­ta­tiv, aber deut­lich her­vor. Nước ist eben ein Mär­chen, trotz eines so ak­tu­el­len und be­deu­ten­den The­mas wie dem Kli­ma­wan­del. Die ka­pi­ta­lis­ti­schen und tech­no-wis­sen­schaft­li­chen Wirt­schafts­struk­tu­ren, für die Thi-Giang sym­bo­lisch steht, haben die Erd­er­wär­mung ver­ur­sacht. Durch Saos Lie­bes­wahl wer­den sie zur ein­zi­gen zu­kunfts­fä­hi­gen Stra­te­gie er­klärt. Sogar ihre Liebe zu Bü­chern wird als passé dar­ge­stellt. Was mit der pa­ra­die­si­schen Was­ser­welt un­ter­geht, ist nicht nur das alte, bäu­er­li­che Leben und die Schrift­kul­tur. Mit ihr ist auch die Hoff­nung dahin, die glo­ba­le Welt­ord­nung zu re­vi­die­ren. Saos Ent­schei­dung für Thi-Giang le­gi­ti­miert sym­bo­lisch das pas­si­ve Wei­ter­träu­men unter den glei­chen po­li­tisch-öko­no­mi­schen Rah­men­be­din­gun­gen. Das ist die pro­ble­ma­ti­sche Bot­schaft von Nước, der sein ak­tu­ell re­le­van­tes Kri­tik­po­ten­zi­al ver­fehlt.

Cafébabel Berlin bei der 64. Berlinale

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