Null Toleranz in Triest: Der Letzte macht das Licht aus

Artikel veröffentlicht am 30. April 2010
Artikel veröffentlicht am 30. April 2010

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Hier hört Westeuropa auf und der Balkan beginnt: Triest ist zweifellos eine der faszinierendsten Städte Norditaliens - noch dazu mit der höchsten Lebensqualität, wie die Tageszeitung Il Sole 24 Ore festgestellt hat. Jedoch droht das Nachtleben in der friaulischen Hauptstadt auszusterben. Das letzte Wort ist jedoch noch nicht gesprochen.

Triest führt die Liste der lebenswertesten Städte Italiens an - das behauptet zumindest die Wirtschaftstageszeitung Il Sole 24 Ore in ihrer jährlichen Erhebung der Lebensqualität in den italienischen Städten. Einige Bürger aus der Innenstadt Triests sehen das jedoch anders. Sie haben die Initiative „Trieste Vivibile“ (Lebenswertes Triest) gegründet und einen Blog dazu eingerichtet, wo sich allerdings nur ein einziger Eintrag aus dem Jahr 2008 finden lässt. Ansonsten: keine Anschrift, keine Mailadresse, keine Verantwortlichen. Die Triestiner Nachtschwärmer wissen aber sehr wohl, wer hinter der Initiative steckt: Marina Della Torre, die Besitzerin eines Nähgeschäfts aus dem lebendigen Stadtviertel Cavana, das sich an die bekannte Piazza Unità anschließt. Im vergangenen Jahr hat die Geschäftsfrau einen Kleinkrieg gegen einige Vereine und Nachtlokale im historischen Zentrum der Stadt begonnen. Der Grund ihrer Anschuldigungen: Es ist ihr zu laut, sie könne nicht schlafen.

Bürgerinitiative gegen Bars und Nachtclubs

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Der Lärm ist eine Sache. Doch die Initiative „Lebenswertes Triest“ gefährdet eine enorm wichtige Vereinskultur, die sich seit bald 10 Jahren für das Cavana-Viertel stark macht. Denn vor dem Engagement der Vereine wie Etnoblog und Tetris galt Cavana als gefährliches und verrufenes Viertel. „Der Kulturverein Etnoblog“, so der Vorsitzende Paolo Rizzi, „ist eine gemeinnützig arbeitende Vereinigung, die unter anderem ein Zeitungsprojekt für Immigranten - namentlich Colors - herausbringt, das über die lokalen Medien verteilt wird. Außerdem ist uns der Verein On Stage angegliedert, der die Bühnenaufbauten für unseren Musikclub organisiert, der sich bis zum vergangenen Jahr im Stadtzentrum befand. Etnoblog betreut auch auswärtige Projekte, wie beispielsweise Overnight, das Nachtbustransfers für unter Dreißigjährige anbietet. Zudem betreut der Kulturverein Projekte zur Wiedereingliederung von Strafgefangenen.“

So verbirgt sich also eine ganze Welt hinter dem, was die ehrbaren Bürger von „Trieste Vivibile“ für ein lärmendes Treiben übernächtigter Jugendlicher halten. Trotzdem hat die Vereinigung Etnoblog nach zahlreichen Anzeigen und saftigen Geldstrafen vor einem Jahr beschlossen, an die Uferpromenade, das heißt an den Stadtrand umzuziehen. „Wir bedauern es sehr, nicht mehr in der Innenstadt arbeiten zu können, aber die Polizei hat uns regelrecht schikaniert“, fährt Rizzi fort. „Im Zentrum war es einfacher, etwas zu bewegen. Dort kamen alle vorbei, vom Freak bis zum Yuppie. Aber das Risiko, endgültig dicht machen zu müssen, war zu groß und so sind wir aus dem Cavana-Viertel weggezogen. Schließlich würden mit einer Schließung auch viele Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.“

Triest: lebendig oder lebenswert?

Planmäßige Schließungen, um das Stadtbild zu säubern?

Einer der belebtesten Plätze von TriestTetris, der andere Club, dem es an den Kragen gehen soll, ist im vergangenen Jahr mit 3000 Euro Bußgeld bestraft worden. Warum? Es soll sich um einen als Kulturverein „getarnten“ Nachtclub handeln. „Bisher hat sich keiner bemüht, uns das nachzuweisen“, sagt Andrea Rodriguez, künstlerischer Leiter des Vereins und Mitgründer des Clubs. „Danach hatten wir allerdings keine derartigen Probleme mehr. Also machen wir weiter wie bisher, bieten Musikveranstaltungen an und leisten Jugendarbeit.“

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Doch nicht nur die Vereine im Triester Stadtzentrum sind von Schließungen bedroht. Luca, ein 30-jähriger Ingenieur, erzählt von einigen Bars im etwas außerhalb gelegenen Viertel San Giacomo: „Vor einigen Monaten hatten wir tatsächlich den Eindruck, die Bars in den Randbezirken würden planmäßig geschlossen, um die Leute in die nobleren Innenstadtlokale zu locken und die gemütlichen und "volksnaheren“ Kneipen aus dem Stadtbild zu entfernen. Aber genau weil diese einfachen Bars nicht das Schicki-Micki-Publikum ansprechen, gehen ich und meine Freunde so gerne da hin. Ich denke vor allem an die Schließungen des Angelo Blu - das der ehemalige Trapezkünstler Bruno geführt hat - und des Famous British Beer, das in der Nähe der Piazza Sansovino liegt. Dort hat man auch das wunderbare Caffè Italia zugemacht, um angeblich einen Supermarkt oder Parkplätze zu bauen. Passiert ist aber noch nichts. Dabei hätte man es als historisches Café erhalten können: Wenn man hereinkam, war das wie eine Zeitreise zurück in die fünfziger Jahre.“

Triest: lebendig oder lebenswert?

Gegen die Forderungen der Gruppe „Lebenswertes Triest“ haben sich zahlreiche Vereinigungen in einer Initiative mit Namen „Trieste Viva“ (Lebendiges Triest) zusammengeschlossen, die auch eine immer größer werdende Gruppe auf Facebook unterhält. In ihrem Manifest heißt es: „Die vermeintlichen Gegensätze sind schon lange verschwunden: Es gibt hier keinen Generationenkonflikt. Das ist eine Erfindung, die heraufbeschworen wird, um einen spezifischen Lebensstil zu etablieren. Nämlich den eines Individuums, das sich der Logik des Wirtschaftsmarktes, der vorgibt, jeden Aspekt des Lebens regulieren zu können, unterwirft. Und am Ende scheint es, als sei das Bedürfnis sich selbst auszudrücken, als sei jede seelische Regung nur eine Phase, die irgendwann abgeschlossen ist, um dann nur noch für die Arbeit zu leben. Eine Arbeit, in der man produziert und erst danach irgendwann ausruht.“ Noch ist es also nicht zu spät: Wenn einige in Triest das Licht ausschalten wollen, gibt es genügend engagierte Bürger, die es wieder anmachen werden.

Fotos: ©london ally/flickr; ©Roberto Lisjak