Null Interesse der Eurogeneration an Europawahlen?

Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 4. Juni 2009
„Europa ist genial…“ - aber die EU ist dafür oft langweilig. Interessieren sich die jungen Europäer, die von Erasmus und Europäischem Freiwilligendienst Gebrauch machen, für die Europawahlen, die jetzt vor der Tür stehen? Stimmen aus Deutschland.

Von polnischem Wodka über antike griechische Tempel bis hin zu Fondue aus der Savoie, ich fühle mich diesem Kulturreichtum verbunden.

Einhelliger Enthusiasmus: Das europäische Projekt ist eine gute Sache. Die jungen Teilnehmer der Austauschprogramme der Europäischen Union - ob sie nun aus den europäischen Mitgliedsstaaten stammen oder nicht - interessieren sich alle für den Alten Kontinent. Manche fügen hinzu, dass die Europäische Union ihnen nicht besonders wichtig ist, aber das liege daran, dass sie sich nicht besonders für Politik interessieren. Für sie ist Eines jedenfalls sicher: Europa bietet die Möglichkeit zu reisen, neue Kulturen kennen zu lernen und sich einen internationalen Freundeskreis zu erschließen. Der Engländer Chris McNulty macht seinen Europäischen Freiwilligendienst (EVS) in München und sagt: „Ich bin stolz Europäer zu sein. Von polnischem Wodka über antike griechische Tempel bis hin zu Fondue aus der Savoie, ich fühle mich diesem Kulturreichtum verbunden.“ Aber wie viele junge Wähler werden an der Wahl des EU-Parlaments vom 4. bis zum 7. Juni teilnehmen?

Wir sind alle Bürger Europas - oder so ähnlich

In meinem Umfeld sagen fast alle jungen Leute, dass sie wählen gehen wollen. Manche betonen sogar, dass sie die Europawahlen auf keinen Fall verpassen wollen. „Die Unterstützung der EU hat meinem Land sehr geholfen, ich bin eine Bürgerin Europas“, erklärt mir zum Beispiel Fabiana, die aus Spanien kommt und in Gießen wohnt. Der Deutsche Karsten Gödderz studiert in Bonn und verkündet, dass er wählen geht weil die Wähler der Rechtsnationalen (die inoffiziellen ‚Erben’ der Nazis) sicher nicht versäumen werden, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen. „Es ist wichtig, am politischen Leben Europas teil zu haben und die Ziele weiter zu verfolgen, die sich die Gründer gesetzt hatten: den europäischen Frieden wieder herzustellen. Wir haben aufgehört uns zu schlagen und arbeiten jetzt zusammen an gemeinsamen Projekten“, setzt Kai fort, ein deutscher Student in Freiburg.

Und dann gibt es da noch die, die nicht wählen wollen. Entweder weil sie sich nicht für Politik interessieren, oder weil ihnen die Bürokratie den Wind aus den Segeln nimmt nimmt. Auch das Nationalgefühl ist der Eurogeneration noch wichtig, und es macht den Reichtum Europas aus: Keine Kultur wird von der EU verdrängt oder erdrückt. Hinzu kommt, dass die Information sich schlecht verbreitet hat, einige hatten von der Europawahl im Juni noch nichts gehört. „Ich habe viele interessante Dinge entdeckt, die von der EU organisiert werden, wie der Europäische Freiwilligendienst oder Austauschseminare. Leider wird davon in Frankreich nicht viel geredet, das ist schade“, reagiert die Französin Blandine Jung, die ihren Freiwilligendienst in Görlitz ableistet.

Wo liegen Europas Grenzen?

Europa ist immer noch schwer zugänglich für Nichteuropäer.

„Eines Morgens habe ich eine Roma-Familie in einem Park essen sehen. Um sie herum standen Polizisten und haben jede ihrer Bewegungen überwacht. Diese Vorurteile überraschen mich immer wieder - als ob Europa da aufhören würde, wo Osteuropa anfängt“, erinnert sich Rūta Vimba, eine lettische Freiwillige in Berlin. Politische oder geografische Grenzen, manche sprechen sogar von kulturellen Grenzen… „Europa ist immer noch schwer zugänglich für Nichteuropäer. Umso ärmer ihr Land, umso schwieriger ist der Zugang. Mit dem Sozialstatus ist es genauso. Ich hoffe, dass Europa die Leute nicht vergisst, und wächst ohne ein Machtzentrum zu werden, von dem meiner Meinung nach eine Gefahr ausgehen würde“, fügt Alfonso Gallo Bueno hinzu, ein spanischer Erasmusstudent in Tromsø, Norwegen. Ob man nun der Meinung ist, dass Europa sich „zwischen Russland und Amerika“ befindet, sich „vom Ural bis zum Mittelmeer“ erstreckt, oder „um die Schweiz herum, von Norwegen bis zur Türkei“ liegt - das Zentrum Europas ist immer noch nicht ermittelt. Diese Frage ist umstritten.

Erasmus und Freiwilligenjahr sind ein Glücksfall

Paul Mede war ebenfalls europäischer Freiwilliger und organisiert jetzt Seminare in seinem Heimatland Deutschland. Er sagt: „Ich finde, dass es wichtig ist, zwischen Europa und der EU zu unterscheiden, beides wird zu häufig in einen Topf geworfen. Europa finde ich genial, aber ich kann die EU kritisieren, wobei sich dort auch viel Gutes abspielt.“

Der französische Freiwillige Hugo Bouquin in Nürnberg entdeckt seine europäische Identität zusammen mit Deutschland. Viele denken so wie er: „Ich glaube, es gibt die europäischen Programme wie Erasmus und EVS, damit sich die jungen Leute aus verschiedenen Ländern entdecken, sich verstehen lernen und Europa Zusammenhalt geben. Sie räumen ebenfalls mit alten Klischees auf, lachen über ihre Unterschiede und verstärken ihre eigene Kultur durch die Kenntnis der Anderen. Diese Programme geben Europa eine eigene Dynamik, wo jeder seinen Stein auf die Grundmauer bauen kann.“