Nuit Debout: Die Wachmacher von Paris

Artikel veröffentlicht am 11. April 2016
Artikel veröffentlicht am 11. April 2016

Seit mehr als einer Woche belagern tausende von Demonstranten einer neuen Bewegung namens "Nuit Debout" (Wach in der Nacht) die wichtigsten Plätze in Frankreich. Während ihre Forderungen bislang sehr schwammig daherkommen, scheint die Aktion zunehmend strukturierter.

Echt schwer, da den wahren Ursprung zu finden. Insbesondere, weil es mehrere Versionen gibt, die einen wahren Kern in sich tragen könnten. Es geschah am 23. Februar, zur Apéro-Zeit, als man beim After-Work-Bier saß. Vor dem Arbeitsamt des 10. Arrondissements in Paris knubbeln sich fasst 1000 Leute, darunter Gewerkschaftler, militante Demonstranten und Intellektuelle, um François, Loïc und Johanna. Im Foyer des Gebäudes, wo sich normalerweise die Gewerkschaft trifft, soll heute eine Diskussionsrunde mit dem vielversprechenden Titel "Leur faire peur" ("Ihnen Angst machen") stattfinden. Die Idee? Endlich die verschiedenen Gruppierungen, die seit einiger Zeit in Frankreich für soziale Gerechtigkeit kämpfen, zusammenführen. Konkret sind das: Die Bewegung rund um den Flughafen Notre-Dame-des-Landes, des Unternehmens Goodyear d’Amiens und diejenigen, die sich für eine Schulreform einsetzen. Ihnen stellt sich nun die alles entscheidende Frage: Und was jetzt?

"Nach der Demo gehe ich nicht nach Hause!"

Die Antwort auf obige Frage lässt sich nur schwer auf den Punkt bringen. Während einige sich der großen Demonstration des diesjährigen 31. März gegen das Arbeitsgesetz (Loi Travail) anschließen wollen, welches bei der Jugend sehr unbeliebt ist und von dem die Regierung hartnäckig versucht es durchzusetzen, wollen die anderen ihre eigenen Interessen durchsetzen. Die von Loïc, französischer Comédien, zum Beispiel, der sagt: "Nach der Demo gehe ich nicht nach Hause!" Oder anders formuliert: Ich besetze den Platz. Und wenn ich hier bin, dann bleibe ich auch. Das ist in etwa die Haltung, aus der heraus Nuit Debout entstanden ist.

Die ganze Geschichte erzählte François Ruffin in einem Interview mit der französischen Kulturzeitschrift Télérama. Der 40-Jährige Dokumentarfilmer aus Calais filmte die Dokumentation Merci Patron (Danke Chef), die den täglichen Kampf von Jocelyn und Serge erzählt. Nachdem die Firma Kenzo der LVMH-Gruppe nach Polen abgewandert war, hatten beide ihren Job verloren. Der Film wurde bereits von 200 000 Zuschauern gesehen. Inzwischen ist der Doku-Filmer einer der Unterstützer und Nachtschwärmer auf dem Place de la République in Paris, wo seit sechs Tagen Diskussionen stattfinden.

Heilige Festzelte

Seit dem Abend des 31. März hat die Bewegung Nuit Debout den Place de la République im 10. Arrondissement von Paris nun schon eingenommen. Seitdem befeuern die versammelten Bürger eine öffentliche Debatte, die mehr und mehr die Aufmerksamkeit im Hexagon erregt. In Paris versammeln sich zusehends tausende von Leuten in der Assemblée Générale (Generalsversammlung) - eigentlich eher bekannt für ihre frühabendlichen Treffenin der Nacht. Und seit einigen Tagen kamen Anhänger von Nuit Debout auch in der Banlieue, wie z.B. Montreuil oder Ivry, und anderen Teilen des Landes, wie beispielsweise in Toulouse, Rennes, Lyon oder Marseille, zusammen. Auch in Madrid, Brüssel und Berlin gibt es bereits kleine Ableger. Die Debatten in Paris werden Dank der App Periscope bereits von 80 000 Personen live mitverfolgt.  

Am Place de la Rép passieren extrem viele Dinge. Die AGs wechseln sich mit ihren Ansprachen zu einer Vielzahl von Themen - von Reden über das soziale Prekariat bis hin zu leidenschaftlichen Auslassungen zur Verteidigung der Zeichensprache - ab. Neben Diskussionsrunden gibt es außerdem eine Kantine, eine improvisierte Buchhandlung, ein Zelt, in dem T-Shirts verkauft werden, die mit subversiven Botschaften bedruckt sind. Alles scheint total spontan aber diese lustige Meute ist vor allem eins: ein monströser Berg an Organisation.

In den Kolumnen von Télérama erklärt François Ruffin, was "man alles organisieren musste": die Kommunikation, das Verteilen von Flugblättern, das Aufstellen der Stände, das Beschaffen des ganzen Materials und die Gestaltung einer Internetseite. So entstand die Website convergences-des-luttes.org auch in diesem Zusammenhang. Dort werden seitdem regelmäßig News, Protokolle der Generalversammlungen, eine Karte der Demonstrationen und 'Schlachtpläne' veröffentlicht. Vor Ort, am Place de la République, hat die Menge der selbe fiebrige Ehrgeiz ergriffen. Vor jeder Generalversammlung kümmert sich eine Arbeitsgruppe um die logistische Durchführung unter einer blauen Plane. Die "Komissionen" treffen sich täglich mit Freiwilligen, die sich wiederum um die Austragungsorte oder das Erstellen eines Kleingartens kümmern. Ein kariertes Heft kursiert unter den Besetzern, um herauszufinden, "wer heute Abend spricht". Ausbildungen zum Moderator etwaiger Diskussionen sind übrigens in letzter Zeit gut besucht und man teilt sich die Rollen - ob nun hinsichtlich der Redezeit oder dem Schreiben von Berichten - sehr genau auf. 

Die Welt neu erfinden

Bevor die Nacht hereinbricht wird Nuit Debout zunächst einmal tagsüber gekonnt organisiert. Auch wenn die Bewegung sich zunächst ohne Anführer sehen möchte, so scheint sie doch von Leuten geleitet zu werden, die sehr genau wissen, wie die Rechnung aufgehen soll. Vielleicht hätte es kein Morgen gegeben, wenn die DAL (Droit au Logement; Recht auf Wohnraum) sich ihr juristisches Wissen für die Besetzung des Place de la République nicht zu Nutzen gemacht hätte. Es hätte nicht denselben Effekt gehabt, wenn Ruffin, der praktischerweise auch der Chefredakteur des linksalternativen Magazins Fakir ist, nicht langjährige Erfahrungen mit Aufständen hätte. Es hätte nicht den gleichen Auftrieb erfahren, wenn die Aktivisten der unterschiedlichsten Herkunft sich nicht am 23. Februar 2016 unter einem Dach zusammengefunden hätten.

Das Wachstum von Nuit Debout ist in der Tat ein Zusammenschluss verschiedener Anliegen. Gegen was oder wen? Das ist noch nicht vollends klar. François Ruffin erklärt brüsk: alles ging los mit der Ablehnung des neuen Arbeitsgesetzes von Ministerin El Khomri. Jetzt, da sie eine gestandene und massive Opposition angeleitet hat, scheint es ganz so, als würde das neue Gesetz eher zu einem Vorwort des Kampfes verkommen. Das was heute, laut Ruffin, Tausende zum Mitmachen anregt, ist ein universeller Kampf gegen den Mangel an politischer Zukunftsperspektive. Das ist der Grund, warum Nuit Debout nun auch schon nächtliche Spaziergänge in Belgien, Deutschland und Spanien macht. Das ist ebenfalls der Grund dafür, dass man jetzt, unter freiem Himmel, tatsächlich die Welt verändern muss. Genug Argumente also, um im Stehen zu schlafen.